Ali Schariati: Widerstand als Selbstzweck?

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Ali Schariati polarisiert bis heute und bleibt faszinierend. Über 40 Jahre nach seiner Ermordung (offensichtlich durch den iranischen Geheimdienst 1977) tauchen in regelmäßigen Abständen Stimmen auf, die sich – manchmal behutsam, manchmal verklausuliert – auf sein Werk berufen. Schariati passt kaum in eine Schublade. Ohne die Brüche der iranischen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu kennen, ohne mit Grundbegriffen des schiitischen Selbstverständnisses vertraut zu sein, wird man vielleicht seine Bücher kopfschüttelnd zur Seite legen. Schariati ist ein Kind seiner Zeit und repräsentiert eine Generation, die sich im Verlaufe der turbulenten Modernisierung des Irans im 20. Jahrhundert zwischen allen Stühlen wiederfand. Eine Generation, oft ländlicher Herkunft, in die anonymisierte Großstadt abgewandert, oft an der Universität akademisch ausgebildet, ohne wirkliche Chancen des sozialen Aufstiegs, ohne wirklich in der Moderne angekommen zu sein. Von den Gewinnern der Schah-Reformen und der kulturell entfremdeten Oberschicht marginalisiert, hatten sie jedoch auch den Anschluss an die traditionellen islamischen Vorstellungen verloren. Der Weg zurück war ihnen verbaut.

Genau an dieser Stelle setzte Schariati an: Er griff traditionell religiöse Konzepte auf, lud sie mit modernen existenzphilosophischen und sozialistischen Bedeutungen auf und wurde damit für eine große Anzahl marginalisierter Studenten rezipierbar. Er versöhnte sie mit ihrer eigenen Geschichte. Oder war diese Versöhnung nur trügerischer Schein?

Die Religion des Schariati?

Jean Paul Sartre, der bekannteste Vertreter eines dezidiert atheistischen Existentialismus, sagte über Schariati: „Ich habe keine Religion, aber wenn ich eine wählen würde, es würde diejenige von Schariati sein.“ Wohlgemerkt sagte er nicht „den Islam wählen“, sondern „die Religion von Schariati“! Eine nebensächliche Formulierungsfrage? Oder steckt mehr dahinter? Bis heute beschleicht den traditionell islamisch gebildeten Leser das seltsame Gefühl, dass es sich bei Schariatis Ideen um eine eigenständige Religion handeln könnte:

  • Tauhid: nicht so sehr der islamische Monotheismus; bei Schariati eher eine Ideologie der Befreiung
  • Prophetentum: Bei Schariati erscheinen die Propheten als Avantgarde der Entrechteten, als die ewigen Neinsager zu allen Formen der bürgerlichen Gesellschaft
  • Schirk („Beigesellung“) – eine Form der Entfremdung, wenn der Mensch seine eigene Bestimmung vergisst und sich in Nebensächlichem verliert.

Für Kritiker aus dem religiösen Establishment stand das Urteil schnell fest: Schariati habe den Islam benutzt, um dem Marxismus zum Durchbruch zu verhelfen. Und ebenso verständlich, dass die orthodox-marxistische Gegenseite den Vorwurf umdrehte: Schariati habe deren Gedankengut okkupiert, um auf dem Trittbrett der neomarxistischen Welle Anschluss zu finden.

Beides dürfte übertrieben sein. Schariati bleibt ein origineller Denker, der einen neuen Blick eröffnet, der die Leute aus ihrer Selbstzufriedenheit aufrüttelt, der ihnen das Hinterfragen der eigenen geschichtlichen Gewordenheit ans Herz legt. Vielleicht wäre ein wichtiger Schlüssel zu seinem Werk der bewusste Verzicht darauf, seine Ideen als wirklich islamwissenschaftlich systematische Ableitungen aus den Wahy-Texten begreifen zu wollen. Schariati ist nunmal kein Gelehrter und wollte nie einer sein. Er ist ein Intellektueller und damit ein typisches Produkt des Frankreichs der 60er Jahre, damals das Zentrum des existentialistischen Lebensgefühls. Wenn es Schariati im Sinne eines revolutionären Engagements mehr um das Handeln geht, so erscheinen religiöse Texte bei ihm oft wie ein Rohstoffreservoir, das ausgeschöpft wird, um bestimmte Veränderungen im Denken zu bewirken. Muss man ihm darin folgen? Sicher nicht. Aber nachvollziehen – das sollte möglich sein.

Wie aktuell ist Schariati?

Überdauert hat sicherlich Schariatis Religionskritik. Religionskritik ist für ihn ein genuin qur’anisches Anliegen! Noch vor der islamischen Revolution im Iran, welche die Vertreter der schiitischen Gelehrsamkeit an die Macht brachte, sah Schariati seinen Hauptgegner – neben den neokolonialistischen Befehlsempfängern – in den quietistischen, apolitischen Gelehrten. Statt einen Islam vorzuleben, der, vom Volk ausgehend, dieses zur Befreiung führt, hätten diese Gelehrten ein Monopol auf religiöse Textverwaltung entwickelt und eine haarspalterisch lebensfremde Ritualistik konstruiert, das die Menschen nur noch weiter von sich selbst entfremdet. Besonders deutlich für Schariati in der (falschen) Vorstellung, dass der Mahdi alles richten würde und man sich bis dahin mit Warten und Selbstgeißelung begnügen solle. Gelinde gesagt verkörperten diese Gelehrten für Schariati den Alptraum der soziologischen Priesterbetrugstheorie aus der französischen Aufklärung: Eine Schicht von Gelehrten, de facto priesterartig, welche das Volk an der Durchsetzung ihrer ureigensten Interessen hindert, um in die eigene Tasche zu wirtschaften und sich brahmanenartig über das Volk zu erheben. Der politische Status quo einer durch und durch korrupten Gesellschaft wäre nach solchen Gelehrten nötig, um als Experte für Schuldkomplexe die Massen besser an sich binden zu können. Zynisch formuliert: Wo keine Krankheit, da kein Arzt. Wieso sollte also ein solcher Arzt wirklich an der Heilung seiner Patienten interessiert sein?

Von der roten Schia zur schwarzen Schia – und wieder zurück

Schariati unterscheidet dabei zwei Typen von Schia:

  1. Die rote Schia, für ihn der Inbegriff des revolutionären Potentials des frühen Islams.
  2. Die schwarze Schia, welche Aktionismus durch passives Leiden und Selbstgeißelung ersetzt habe.

Die Parallelen zur aufklärerischen Kritik an der mittelalterlichen Kirche sind frappierend. Demnach stelle sich in allen Religionen die Frage nach zwei unterschiedlichen Vorgehensweisen: Jetzt und hier etwas verändern oder sich in einer Welt des Leidens notgedrungen einrichten, und die Menschen auf das Jenseits zu vertrösten. Anders ausgedrückt: Ein Von-der Religion-leben auf der einen Seite verträgt sich nicht mit einem Für-die-Religion-leben auf der anderen Seite.

Daher ist ein Exkurs zum französischen Existentialismus hilfreich. Bei Sartre heißt es hierzu: „So haben wir weder hinter uns, noch im Lichtreich der Werte, Rechtfertigungen und Entschuldigungen. Wir sind allein, ohne Entschuldigungen. Das ist es, was ich durch die Worte ausdrücken will: Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein.“ Sartre leitet hieraus einen radikalen Atheismus ab, der sogar die Suche nach einem vorgegebenen Sinn dieser Welt ad acta legen will. Schariati schlägt einen anderen Weg ein: Zurück zu einer Religion, die sich nicht mit einem lügnerischen Lichtreich der Werte zufrieden gibt (um Menschen ihre Befreiung vorzuenthalten), sondern im Engagement hier und jetzt die Erfüllung des Menschseins anstrebt. Die Nebenwirkungen dieses aktivistischen Religionsverständnis liegen heutzutage auf der Hand – Schariati wären sie vielleicht zu seiner Zeit nicht in den Sinn gekommen: Wenn Religion im Kern als aktivistisch dargestellt wird, verlieren die Anhänger viel von ihrem Enthusiasmus, wenn sich nicht gleich alles in die gewünschte Richtung entwickelt. Oft sind schwärzester Zynismus und Hass auf die Gesellschaft die gefährlichen Folgen.

Was hätte Schariati heute zum Iran gesagt? Er konnte dies nicht mehr erleben. Er wurde zwei Jahre vor der Revolution ermordet. Alle Befürchtungen, die Schariati im Zusammenhang mit der Klasse von Religionsmonopolisten gehegt hatte, haben sich bestätigt. Die Revolution hat ihnen nur noch mehr Macht verschafft; dies, obwohl die meisten von ihnen gar nicht an einer solchen Umwälzung interessiert waren. Doch die im Nachhinein aus dieser erwachsenen Vorteile will man sich auch nicht mehr nehmen lassen. Religion bleibt im Iran weiterhin klassenspezifisch säuberlich getrennt. Auch innerhalb der religiös affinen Klassen scheint Religion oft eher als Methode zur ritualisierten Selbstbeweihräucherung und Gewissensberuhigung zu wirken; alltagsbestimmend im positiven Sinne ist sie höchstens bei Einzelnen. Damit einhergehend: Die ungeliebten Begleiterscheinungen des sozialen Rollenspiels, des Maskentragens, der Heuchelei. Für einen Existentialismus, der die eigene Aufrichtigkeit, die eigene Suche danach, sich permanent „neu zu erschaffen“ zum Sinn des Daseins erklärt, kann das nur als Entfremdung in extremster Form wahrgenommen werden.

Existentialismus – welcher Hahn kräht noch danach?

Ob ein solcher islamisch gefärbter Existentialismus wirklich islamkompatibel ist? Vielleicht eine Frage, die am Wesen dieser Philosophie vorbeizielt. Zweifellos mag man sich von einigen dieser Gedanken inspirieren lassen, man würde Schariati jedoch keinesfalls gerecht werden, wenn man ihn zum Kirchenvater und Madhhab-Gründer erklärt und damit wieder vergötzt. Permanente Revolution – ein Stichwort, das heute zu sehr nach den 60er Jahren klingt. Revolutionäre Phasen mag es in jeder Gesellschaft geben, nichtrevolutionäre Phasen dürfen deshalb nicht automatisch als kleinbürgerliche Bequemlichkeit und mangelnde Aufrichtigkeit verdammt werden.

Der Kult um Märtyrer, um Scheitern und Untergang, hat sicherlich ein gewisses Aufbruchpotential in der in seiner Modernisierung steckengebliebenen iranischen Gesellschaft der 70er Jahre erzeugt. Doch zu welchem Preis? Die gefährlichen Auswirkungen dieses Gedankenguts sind heute nicht mehr wegzuleugnen: Ein Iran, der sich zunehmend ins sektiererische Abseits manövriert (klar, auch andere islamische Länder tun das). Eine Großerzählung, die der eigenen Bevölkerung einen gnostischen Endkampf zwischen Gut und Böse vorgaukelt und mit der Opferbereitschaft der eigenen Massen zynisch ihre Großmachtpolitik religiös verbrämt. Sicherlich hätte sich Schariati einen solchen Iran nicht gewünscht, dazu war er selbst zu weltgewandt, kulturoffen und tief engagiert im Befreiungskampf der gesamten 3. Welt.

Vieles in seinem Werk verstört heute. So die groben Angriffe gegen die Prophetengefährten. Doch entschuldigend mag man sich fragen, ob dies nicht aus der obengenannten „manichäischen“ Rhetorik des Kampfes Gut gegen Böse resultieren musste. Und das ist nun mal das Krumme an existentialistisch sozialistischen Weltbildern: Wo es keinen Konflikt gibt, muss man einen konstruieren, sonst bleibt das eigene Dasein schal und öde. Wenn der Mainstream-Islam also die Diskussionen um die Nachfolge des Propheten (Friede & Segen auf ihm) als Ausdruck eines gesunden Pluralismus sieht, so kann das existentialistisch-sozialistische Denken hier nur seine eigenen Kategorien hineinprojizieren. Also werden einzelne Sahaba zur Avantgarde der Volksbefreiung gekürt, andere in die Ecke der Kapitalisten und Aristokraten gedrängt. Reichlich naiv, mag man heutzutage kopfschüttelnd einwenden. Reichlich naiv, aber auch brandgefährlich – sollte man hinzufügen, wenn man bedenkt, wieviele Konflikte im Nahen Osten mittlerweile um die sektiererische Deutung der islamischen Geschichte kreisen.

Und doch sollte dies uns einladen, Schariati genauer zu studieren. Auch in den tragischen Entwicklungen seines Denkens und in seinen Entgleisungen lernt man viel über sich, über den Menschen und die islamische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Und genau um diesen Menschen ging es Schariati. Oder anders ausgedrückt: Wenn Kritisieren des Bestehenden eine (existentialistische) Lebensaufgabe sein soll, dann müsste das Kritisieren der Kritiker doch genauso legitim sein! Und dies tut den Muslimen gut in einer Zeit, in der sich viele Menschen von den großen Fragen des Daseins verabschiedet haben, um sich stattdessen auf eine allzu einfache Identitätspolitik zurückziehen: „Wie kann meine Gruppe an die Töpfe des Wohlstands kommen, bevor die anderen dort zulangen“ – eine solche Identitätspolitik ist zu kurz gegriffen: Zu kurz für jede Form von existentialistischer Philosophie, zu kurz aber auch für jede prophetische Lebensweise. Vielleicht sind die Parallelen doch näher als man denkt.

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Studium der Übersetzungswissenschaft, Islamkunde, Soziologie und allgemeinen Religionswissenschaft.

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