Ali Schariatis „Vier Gefängnisse“

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Descartes: Ich denke, also bin ich.
André Gide: Ich empfinde, also bin ich.
Albert Camus: Ich lehne mich auf, also bin ich.
[Zygmunt Bauman: Ich werde gesehen, also bin ich.]

Seit dem 19. Jahrhundert häufen sich die Analysen und Untersuchungen zu einer Frage, die erst einmal einfach klingen mag: Was ist der Mensch? Möglicherweise wurde diese Frage durch die Unsicherheit des 19. Jh., welche aus Materialismus und Naturalismus gespeist wurde, als besonders dringlich empfunden. Jede Wissenschaft hat ihren eigenen Zugang zu diesem Thema und heute erscheinen die Antworten zur Natur des Menschen vager denn je. Ali Schariati meint in seinem Vortrag zu den „Vier Gefängnissen des Menschen“, dass die ersten drei der oben angeführten vier Aussagen prinzipiell zuträfen (die vierte entstand nicht zu seinen Lebzeiten).

Wie sieht nun das Bild Schariatis vom Menschen aus? Der Mensch ist ein schöpferisches Wesen. Das Schaffen von kleinsten bis zu größten künstlerischen und technischen Werken ist eine Offenbarung der schöpferischen Kraft in der Natur des Menschen: der Mensch als „werkzeugbauendes Tier“. Der Mensch erreicht somit eine Entwicklungsstufe, die höher als die gesamten Möglichkeiten der Natur ist. Seine Bedürfnisse und Fähigkeiten haben sich stärker entwickelt als die gesamte schöpferische Kraft der materiellen Natur. Doch im Sinne des Existenzialismus treibt Schariati diese Deutung auf die Spitze. Denn nur um das reine Produzieren geht es natürlich nicht: „Hier erreicht der Mensch nach den Worten Heideggers die Einsamkeit. Die Stufe der Einsamkeit erreicht der Mensch, wenn er empfindet, dass er nicht aus der gleichen Materie ist wie die materielle Natur.“

Der Mensch zeichnet sich bei Schariati durch drei Stufen aus:

  • Das Bewusstsein von sich selbst, von der Welt und von seinem Verhältnis zu ihr: Nur der Mensch hat das Bewusstsein, sich und die Welt wahrzunehmen und seine Stellung in der Welt zu finden.
  • Die Fähigkeit zur eigenen Wahl und Freiheit
  • Kreativität in Kunst und Handwerk.

Schariati wendet sich explizit gegen drei geistesgeschichtliche Richtungen, die dem Menschen die freie Wahl und das Selbstbewusstsein absprächen: Historismus, Soziologismus, Biologismus. Diese schränkten den Menschen ein, indem sie die zweifellos auf ihn wirkenden Kräfte verzerrten und überbetonten:

1. Historismus:
Das erste Gefängnis wäre der Historismus. Der Mensch ist zweifellos geworden durch seine Geschichte und wurde und wird stets durch die Geschichte geformt.

2. Soziologismus:
Der Einfluss von Natur und Geschichte auf den Menschen und seine Entwicklung wird noch übertroffen durch die soziale Umwelt und deren Ordnung. Besonders der Marxismus habe diesen Faktor so tiefgreifend dargestellt, dass daraus praktisch ein Determinismus abgelesen wurde. Damit wäre der Mensch kein Individuum, kein selbstbestimmendes Ich. Jeder ist nur ein Produkt der jeweiligen Gesellschaftsordnung. Provozierend gesagt fehlt dem Individuum das zutiefst Menschliche, weil es keine eigene Wahl trifft.

3. Biologismus:
Des Menschen Existenz folgt (ausschließlich) biologisch bestimmten Gesetzen. Für den Biologismus ist er jedoch lediglich eine Summe der in einem komplexen und weitentwickelten Gewebe verwobenen physiologischen und psychologischen Eigenschaften. Der Biologismus mag im Vergleich zum Materialismus und dem Naturalismus den Menschen höher stellen, doch auch dieser spricht ihm Freiheit und Selbstbewusstsein ab. Der Mensch wird zum Spielzeug seiner unbewussten biologischen Ausstattung und Triebe.

Die Menschheitsgeschichte ist für Schariati dementsprechend der Versuch, aus den genannten Zwängen auszubrechen, und diese zu transzendieren:

  • Die Technik kann mit Hilfe der Wissenschaft den Menschen aus den Zwängen der Naturgesetze, welche seine Freiheit einschränken, befreien.
  • Durch die Erkenntnis, dass der Mensch zum Spielball einer großen Macht – der Geschichte- geworden ist, ist er imstande, mit Hilfe von Geschichtswissenschaft und Philosophie den Prozess der Geschichte zu erkennen, zu hinterfragen und sich aus dessen Umklammerung zu lösen.
  • Jedes Individuum wächst nach den Erfordernissen und Verformungen seiner jeweiligen Gesellschaft auf. Doch heutzutage, wo Klassenverhältnisse und Gesellschaftsordnungen laut Schariati augenfälliger geworden seien, ändere sich dies. Hier zeigt sich ein erstaunlicher Optimismus bei Schariati: Nicht mehr die Umwelt prägt den Menschen, sondern die Menschen prägen die Umwelt. Durch Emanzipation und Mitbestimmungsrecht kann sich jeder in Bezug auf Religion oder Gesellschaftsordnung gegen etwas entscheiden und ablehnen.

Das Gefängnis des eigenen Ich

Im Laufe der Geschichte habe es der Mensch in seinen Kämpfen geschafft, sich mehr oder weniger aus den ersten drei Gefängnissen zu befreien. Doch das letzte Gefängnis mache die ersten drei Befreiungen sinnlos! Der Mensch wisse nicht, was er tun solle: Der Mensch habe sich aus den äußeren Zwängen befreit, beherrsche Natur, Geschichte und das Schicksal der Menschheit und der Gesellschaft, sei aber trotzdem Gefangener des eigenen Ich geblieben. Das sei die schwierigste Befreiung, weil der Mensch dieses Gefängnis in sich trage. Der Mensch von heute möge zwar mächtig sein, trotzdem aber bestehe mehr denn je die Sorge, dass er der Vernichtung entgegensteuere. Dies sei genau das Ergebnis der Macht, die durch die Befreiung aus den ersten drei Gefängnissen entstanden sei; einer Macht, die der Mensch noch nie besessen habe.

Das letzte Gefängnis ist ein Bestandteil seines Selbst. Und dies macht das Ganze besonders heikel. Die ersten drei Gefängnisse waren außerhalb des Menschen. Doch bei diesem letzten der Gefängnisse müsste sich der Mensch gegen sich selbst erheben. Das vierte Stadium verlangt Opferbereitschaft. Er muss dem Wohl des Nächsten den Vorrang geben. Aus dem letzten Gefängnis kann er sich nur mit Liebe befreien. „Liebe ist die Kraft, die mich dazu bringt, zum Wohle des anderen und zur Verwirklichung höherer Ideale gegen meine eigenen Lebensinteressen und unter Aufopferung meiner Existenz zu handeln.“ In diesem Stadium wird der – neue – freie Mensch geboren.

Ali Schariati hielt den Vortrag „Die vier Gefängnisse des Menschen“ im Oktober 1970 vor den Studenten der Ölfakultät Abadan. Diesem Artikel liegt die Übersetzung und Veröffentlichung der Presse- und Kulturabteilung der Botschaft der Islamischen Republik Iran zu Grunde (Bonn, Mai 1981).

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About Author

Studium der Orientalistik und Philosophie, Staatlich geprüfter Übersetzer

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