Coronakrise – Prognosen aus der Geschichte

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Pestmaske
Pestmaske

Neulich, als die Ausgangsbeschränkungen in Kraft traten, fragte mich mein Sohn, ob ich so etwas schon einmal erlebt hätte. Normalerweise kann ich eine Antwort zum Besten geben, die in meiner etwas längeren Lebenserfahrung wurzelt, die dann in etwa beginnt wie, „Ja, zu Zeiten des kalten Kriegs“ oder „In meiner Schulzeit war das auch schon ein großes Thema“ oder dergleichen. Beim Zurückspulen durch meine Erinnerungen kam ich jedoch recht schnell zu dem Schluss, dass ein Satz, der mit „ja, kenn ich eh“ beginnt, schlichtweg falsch war.

„Nein“, war meine lapidare Antwort. Im Hinterkopf spürte ich, wie mein Bewusstsein nach Analogien suchte, um wenigstens einen vagen Anhaltspunkt von Vergleichbarem zu finden, der eine Handlungsgrundlage oder wenigstens eine gewisse Orientierung vermitteln konnte. „Nein“, kam erneut über meine Lippen. Es dämmerte endlich auch mir. Was wir gerade erlebten, suchte nach seinesgleichen.

Wie geht man mit einer Information um, die einen selbst erst einmal auf abstrakte Weise erreicht in Form von Zahlen über bestätigte Fälle, Todesraten und Intensivpflegeeinheiten pro Hunderttausend Einwohnern? Die sich allmählich manifestiert in Ausreisebeschränkungen, Beschränkungen des öffentlichen Lebens, bevorstehenden materiellen Einschnitten? Der Schluss lag nahe, weiter zurück zu spulen, zurück vor meine Geburt, zurück vor die Erfahrungswelt meiner Elterngeneration, zurück zur Geschichte.

Wiederholt sich die Geschichte?

„Geschichte wiederholt sich selbst“ heißt es gemeinhin. Um also Parallelen in der Geschichte zu finden, muss man anhand gemeinsamer Eckpunkte vergleichbare Ereignisse heranziehen, will man eine Perspektive aus der Geschichte auf die Gegenwart projizieren. Je nachdem, welche Kriterien man hernimmt, ergeben sich unterschiedliche Ereignisse, aus denen man Lehren ziehen kann. Nimmt man beispielsweise die Quarantänesituation als Vergleichsereignis, kann man sich die Ausgangssperren rund um die Spanische Grippe vor hundert Jahren anschauen, kann sich verschiedene Statistiken verschiedener Gemeinden der USA zu Gemüte führen usw. Ist man eher an der Ausbreitung interessiert, stehen einem verschiedene Arbeiten zur Verbreitung historischer Epidemien zur Verfügung. Schwieriger wird es, will man die Mechanismen vergleichen, mit denen historische und aktuelle politische Rahmen eine ganze Population in die Quarantäne schickten.

Und spätestens hier wird dann auch klar, dass selbst der geschichtliche Vergleich hinkt: Waren vergangene Eindämmungsmaßnahmen beschränkt auf einzelne Gemeinden, erleben wir heute, soweit ich das einsehen kann, tatsächlich zum ersten Mal Maßnahmen, die den ganzen Globus umspannen. Statt also einzelne Eckpunkte wie Quarantänemaßnahmen zu betrachten, scheint es angebracht, global wirksame Mechanismen allgemein zu untersuchen, unabhängig von der Pandemie.

Covid-19 wird, abgesehen von Nuancen, weltweit ähnlich eingedämmt. Die Mechanismen bestehen überall aus massiven Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit, mancherorts aus der Verfolgung von Bewegungsprofilen der Bevölkerung. Ob diese Einschnitte in die Bürgerrechte gerechtfertigt oder überzogen sind, kann ich schwerlich einschätzen. In seiner Totalität ist diese Krise aber nur mit den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts zu vergleichen, wie schon verschiedentlich angemerkt wurde. Angela Merkel meinte z.B., Deutschland stehe vor Herausforderungen, die es seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr zu bewältigen gehabt hätte. Wir erleben eine allgemeine Mobilisierung der globalen Gesellschaft im Kampf gegen einen unsichtbaren Feind, die in Wahrheit eine allgemeine Immobilisierung ist.

Der neue Feind: Soziale Nähe

„Social Distancing“ ist das neue Zauberwort, gerade so, als sei dieser unsichtbare Feind die Nähe zu Menschen. Gruppenbildungen ziehen per Dekret Bußgelder nach sich, und tatsächlich erleben wir, wie Leute denunziert werden, weil sie das Verbot nicht beachten. Ohne auf die moralische Wertigkeit einzugehen, die im aktuellen Fall der legitime Schutz der Bevölkerung ist, und im Dritten Reich der Verrat der Menschlichkeit an jüdischen Mitbürgern war, ist der zugrundeliegende Mechanismus derselbe: Furcht. Regiert nun Furcht die Welt?

Das Problem ist, wie mittlerweile jeder Erdenbürger weiß, die Ressourcenknappheit in den Krankenhäusern, denen es an Intensivpflegeeinheiten mangelt. Ein anderer Ansatz könnte also sein, den unsichtbaren Feind in der politisch generierten Verknappung an Intensivbetten festzumachen. Viel wissen wir noch nicht über die wirklichen Statistiken über Sterblichkeit und Infektion, nur eines scheint jetzt schon klar zu sein: Die Anzahl an Intensivpflegeeinheiten pro Hunderttausend Einwohnern korreliert mit einer geringeren Sterblichkeit. Weiters scheint sich herauszukristallisieren, dass wohl Krankenhäuser selbst zur Verbreitung beitragen. Je konzentrierter die Pflege auf wenige und große Pflegeeinrichtungen ist, desto höher auch hier die Sterblichkeit. Wenn also Bürger mit Strafen für die Missachtung von Gruppenbildungen bedacht werden, müssten auch Regierungen für die Gefährdung der Volksgesundheit abgestraft werden, wenn sie das Gesundheitssystem kaputtsparen. Jedenfalls wird es interessant werden zu sehen, ob der neoliberale Angriff auf das Gesundheitssystem in der Aufarbeitung der Krise thematisiert werden wird.

Virologokratie

Vom „Philosophenkönig“ schwärmte schon die Stoa. Ein Herrscher, der aus seinen eigenen guten Charaktereigenschaften heraus handelt und dem das Wohl des Volkes mehr bedeutet als das eigene politische Überleben. In Coronazeiten erleben wir, wie weltweit die politischen Handlungen von medizinischem Fachpersonal bestimmt werden. Nur die Gesundheit steht im Fokus der Politik, sämtliche anderen Aspekte, vor allem wirtschaftliche, werden selbst auf Kosten einer bevorstehenden Weltwirtschaftskrise außer Betracht gelassen. Werden wir also vom „Medizinerkaiser“ regiert?

Was die nächste Frage aufwirft: Wenn es also möglich ist, dass wir durch Virologen regiert werden, wie stehen die Chancen, dass wir dereinst durch Fachleute und Technokraten anderer Disziplinen beherrscht werden? Könnte es nicht einen Kontext geben, in dem Archäologen die Geschicke der Menschheit bestimmen? Oder Raumfahrttechniker? Die komplementäre Frage lautet indes: Welcher Fachbereich regiert denn heute die Welt? Man kann natürlich anhand existenter ideologischer Bezeichner versuchen, Rückschlüsse auf zugrundeliegende Disziplinen zu machen, wobei man dann auf Personenkreise wie Kleriker im Falle von Iran, Wirtschaftsbosse im Falle der USA oder linker Ideologen im Falle von China stoßen würde. All diesen herkömmlichen Regierungsmodellen scheint gemein zu sein, dass ihr Erfolg auf die eine oder andere Weise in der Volkszufriedenheit gemessen werden kann – ein vages Maß verglichen mit Coronastatistiken.

Wissenschaftliche Kriterien haben in der Geschichte aber schon Einfluss auf Ideologien gehabt: Der Darwinismus im Nationalsozialismus oder klimatologische Extrapolationen im gegenwärtigen Westen. Ein weiterer Vergleich, der sich aufdrängt, ist, wie sehr diese Disziplinen die Politik durchdringen konnten oder ob sie auf globaler Ebene wirksam wurden. Oder sprechen wir hier lediglich von rassentheoretischen, ökologischen oder marxistischen Modeerscheinungen, die letztlich durch „natürlichen“ wirtschaftlichen Druck aufgeweicht werden, bis sie schließlich verschwinden?

Um Lehren für die Zukunft zu ziehen, um eine gewisse Vorahnung über die wirtschaftlichen, politischen oder gesellschaftlichen Nachwehen der derzeitigen medizinischen Krise zu erhalten, ist es, denke ich, notwendig, Aspekte hinsichtlich verschiedener Dimensionen zu vergleichen. Eine wichtige Dimension ist z.B. die Immanenz: Wie dringlich sind beispielsweise die wirtschaftlichen Folgen im Vergleich zur eigentlichen medizinischen Krise? Beide Aspekte betreffen unser Leben, beide sind wichtig, aber die unmittelbaren gesundheitlichen Folgen sind dringender als die wirtschaftlichen Folgekosten. Wie aus der Eisenhower-Entscheidungsmatrix hervorgeht, die Probleme gemäß Dringlichkeit und Wichtigkeit sortiert, muss die gesundheitliche vor der wirtschaftlichen Krise behandelt werden.

Bald werden virologische Technokraten das Feld wieder Politikern überlassen. Deren Maßstab wird, neben ihrem eigenen politischen Überleben, eine wie-auch-immer geartete Wirtschaftspolitik, ein konservatives oder liberales Gesellschaftsdesign oder die Implementierung von nationalen Machtinteressen sein. Die einfach nachvollziehbare Funktion von Verbreitungskurven, die schneller als das Virus selbst die Gemüter der Weltbevölkerung durchdrungen hat, wird wirren politischen Diskursen über Hilfs- und Rettungspakete und Verteilungsfragen weichen. Wie im alten Ägypten nach den Plagen werden rassistische Narrative das Land überschwemmen. Für letztere Prognose braucht man nicht einmal ein Prophet zu sein, merkte doch der österreichische Kanzler Kurz schon bei der Einführung der Gesichtsmaske die „Kulturfremdheit“ dieser Maßnahme vorsorglich an.

Virologen müssen nicht um ihre politische Karriere bangen. Sie werden bescheiden das Rampenlicht verlassen, so wie sie es betreten haben.

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About Author

Nach seinem Abschluss an der TU-Darmstadt verschlug es Murat Gürol nach Wien, wo er zwischen 2005 und 2008 Islamologie am Islamologischen Institut studierte. Er ist seit 20 Jahren tätig in der Softwarebranche.

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