Das Jahr der gefährlichen Träume

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EINE REZENSION
Autor: Tarkan Tek

Slavoj Žižek, geboren 1949, hat unzählige Bücher verfasst und gilt als einer der weltweit bekanntesten lebenden Philosophen. Daneben ist er auch noch Psychoanalytiker und Kulturkritiker. Er lehrt an der Universität von Ljubljana in Slowenien und arbeitet gleichzeitig als International Director am Birkbeck Institute for the Humanities in London. Das hier rezensierte Buch ist 2012 auf Englisch veröffentlicht worden, 2013 ist es in deutscher Sprache erschienen.

Žižek analysiert darin Debatten aus der politischen Tagesordnung, ohne sich auf ein spezielles Thema zu beschränken und stellt dabei eine Art Rückblick auf die Ereignisse des Jahres 2011 dar: auf die Unruhen in britischen Städten, die Occupy-Wall-Street-Bewegung, den Arabischen Frühling oder das Attentat von Anders Breivik. Diese Vielfalt kennzeichnet auch das Besondere an Žižeks Denken, das ihn von anderen Philosophen wohltuend unterscheidet. Žižek schreibt in diesem Buch aus einer subjektiven Perspektive, in dem ihm eigenen Stil und aus seiner ideologischen Position heraus. Konsequenterweise beginnt er mit einer grundsätzlichen Kapitalismuskritik und beschreibt dabei demonstrative Einzelfälle als Beispiele für allgemeine Entwicklungen. Natürlich fehlt auch hier nicht seine Kritik am Linksliberalismus seiner Autorenkollegen (S. 52).

Žižek stellt zunächst fest, dass sich in Europa heute ein Hass gegen den Multikulturalismus entwickelt und eine Angst vor Immigration entstanden ist. In westlichen Ländern besteht ein Trend für fremdenfeindliche und islamophobe Einstellungen. Breivik gilt als Massenmörder, der gegen europäische Werte gehandelt hätte; dabei kritisiert Žižek neben der Fremdenfeindlichkeit in Europa auch eben diese europäischen Werte und fragt sich dabei, ob Europa seine Werte zugunsten asiatischer Werte aufgeben könnte.

Dabei zielt Žižeks Kritik v.a. auf die Neoliberalen, „die die bittere Medizin des Sparens befürworten, und den Populisten, die gegen Immigration sind. Dennoch stimmt etwas nicht mit dieser Idee: die Tatsache, dass sie exakt die Antwort des archetypischen europäischen linksliberalen Trottels auf die heutige Frage nach Europa ist.“ (S.26) In diesem Zusammenhang geht Žižek auch auf die Krise in Griechenland ein: Griechenland hat ihm zufolge zwei Ordnungsparteien; doch neben den Parteien „Neue Demokratie“ und „Pasok“ gibt es noch eine Alternative, Syriza. Während Syriza Griechenland retten könne, (S.25) würden laut Žižek die Ordnungsparteien die Krise noch vertiefen. Deswegen unterstützte Žižek auch die Syriza-Partei bei der griechischen Wahl 2012.

Žižek überquert dann sozusagen das Mittelmeer gen Süden und feiert den Arabischen Frühling als großen Erfolg gegen die Tyrannen dieser Region. Die westliche Welt hingegen sei vom Arabische Frühling enttäuscht, weil Islamisten in die Regierungen gekommen sind. Dabei betont Žižek, daß im Arabischen Frühling neben den Islamisten auch die säkulare Linke eine große Rolle gespielt hat. Die Islamisten konnten aber weitaus mehr von der Revolution profitieren, während die Seite der pro-westlichen Liberalen und die säkulare Linke im Grunde verloren hätte (S.115). Im Westen würde von den Liberalen zwar öffentlich die Ausbreitung der Demokratie in der ganzen Welt unterstützt, aber auch da, „wo sich das Volk im Namen von Freiheit und Gerechtigkeit und nicht im Namen der Religion gegen Tyrannen auflehnte, zeigten sie sich „zutiefst besorgt“ (S.113).

Da Žižek ganz im Sinne des traditionell marxistischen Diskurses davon ausgeht, dass die Ökonomie die Politik bestimme, fällt sein Vergleich der Wall-Street-Proteste mit den ägyptischen Aufständen auch wie folgt aus: „Wie können die Protestierenden hier das fordern, was wir bereits haben, nämlich demokratische Institutionen? Aus dem Blick gerät dadurch die allgemeine Unzufriedenheit mit dem globalen kapitalistischen System, das natürlich an verschiedenen Orten verschiedene Formen annimmt.“ (S.130)

Mit der Auseinandersetzung mit den Wall-Street-Protesten kommt Žižek wieder auf den Demokratiediskurs zurück und fragt sich, ob es einen Namen für diese neu erfundene Demokratie jenseits des repräsentativen Mehrparteien-Systems gibt? Slavoj Žižek hat das Jahr 2011 als das Jahr der gefährlichen Träume für die Linke erklärt, denn während sie schließlich die Krise als wiederkehrendes Ereignis bereits erwartete, wurde – angesichts der oben analysierten Ereignisse – der Diskurs über antikapitalistische Perspektiven weit über die Linke hinausgeführt. Abschließend kritisiert Žižek dann aber doch, dass die Proteste kein längerfristiges Ziel aufzuweisen scheinen.

Slavoj Žižek hat in verschiedenen Publikationen und Zeitschriften über das Jahr 2011 geschrieben, die er dann in diesem Buch zusammengefasst hat, wobei vor allem diese drei erwähnten Kapitel von Bedeutung sind. Zusammengefasst präsentiert Žižek das Jahr 2011 als ein besonders spannendes Jahr, in dem der Kapitalismus nachhaltig erschüttert wurde.

Tarkan Tek

Politikwissenschaftler, NGO-Mitarbeiter, Studium der Politikwissenschaft an der Universität Wien
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