Das Prinzip Hoffnung oder Last exit: Utopia

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Autor: Ruben Schenzle

„Die einzige Utopie ist die Annahme, Dinge würden auf ewig bleiben, wie sie sind.“
Slavoj Žižek

Hirngespinst, Traumgebilde, Illusion – so lauten die Synonyme, die uns der Duden heute zu Utopie vorschlägt. Keine besonders überzeugenden Begriffe also. Das Wörtchen Utopie scheint in unserem Sprachgebrauch eher negativ belegt und das genaue Gegenteil von bodenständig und realitätsnah zu bedeuten. Sagen wir heute jemandem utopische Vorstellungen nach, stempeln wir ihn damit als Träumer ab, im besten Falle verstehen wir darunter noch einen schwärmerischen Idealisten.

Und Idealisten haben es von jeher schwer, in der Gesellschaft zu bestehen. Immerfort scheinen Ängste und Sorgen, wie sie in der Folge von Industrialisierung, Wirtschaftskrisen, Kriegen und der nuklearen Bedrohung gediehen sind, einen konservativen gesellschaftlichen Pragmatismus zu schüren. Neue Initiativen unterdrückt dieser Pragmatismus in seinem Unterfangen, das Bestehende zu bewahren. Und dennoch erwachten in all den Zeiten Utopien zum Leben, Vorstellungen von einer idealen Zukunft wurden geboren. Der Wunsch nach einer besseren Welt entfaltete in der Geschichte immer wieder eine revolutionäre Sprengkraft – und er scheiterte häufig ebenso fulminant, wie er entstanden war.

Gesellschaftliche Utopien brachten noch ärgeres Leid hervor, der technische Fortschritt entpuppte sich in seinem Zerstörungspotenzial mehr als einmal als Bedrohung für das Fortbestehen der Menschheit. Beruht die Perspektivlosigkeit, die wir heute mit der Utopie verbinden, auf diesen historischen Erfahrungen? Ist unser Zeitgeist endgültig vom konservativen Pragmatismus eingenommen worden? Mit welcher Hoffnung blicken wir dann aber noch in die Zukunft?

Hoffnungslosigkeit zumindest, soviel lässt sich eindeutig feststellen, ist geradezu das Gegenteil von Utopie. In der Utopie gewinnt vielmehr die Hoffnung eine feste Form und kristalliert sich in dem Begehren nach ihrer Verwirklichung heraus. ‚Das Prinzip Hoffnung‘, wie der Philosoph Ernst Bloch sein Sammelwerk aller Menschheitsutopien nannte, nimmt seinen Lauf ausgehend vom Tagtraum hin zur Tat. Gemäß Bloch liegt in der Hoffnung die Erwartung und Intention „auf die noch ungewordene Möglichkeit“, in welcher er gleichzeitig eine Grundbestimmung des menschlichen Bewusstseins ausmacht. In gewisser Weise tragen wir also alle eine Utopie in uns. Die Fähigkeit zu Träumen ist jedem in die Wiege gelegt. Indem wir unsere Träume kreativ ausgestalten, erwachsen aus ihnen Visionen.

Als russischer Revolutionär sprach Lenin in diesem Sinne vom „Träumen nach vorwärts“. Auch wenn der sowjetische Traum dann vorwärts gegen die Wand krachte, entfesselte die russische Oktoberrevolution weltweit eine ungeheure Aufbruchstimmung in eine bessere Zukunft. Doch ist unsere träumerische Vorstellungskraft einer besseren Zukunft auch immer begrenzt, eingeengt in unserem Weltbild. Und wie wir sehen werden, nimmt es nicht wunder, dass Bedeutung und Verständnis von Utopie im Laufe ihrer Geschichte mehrfachen Wandlungen unterlagen.

Um alte Utopien zu begreifen und neue zu entdecken, bedarf es keiner Kirstallkugel. Ein Blick in die Geschichte reicht aus. Im Jahre 1516 schuf der Engländer Thomas Morus die zweideutige Wortkonstruktion U·topie, die sich aus dem Griechischen Präfix eu – d.h. gut, bzw. ou – für nicht, sowie topos – dem Ort zusammensetzt. So nannte Morus seine Schrift über die ideale Gesellschaft nach dem Ort, an dem sein Gedankenexperiment spielt: Die ferne Insel Utopia, welche eben zweierlei Eigenschaften verkörpert: Sie ist sowohl ein Ort voll der Güte als auch ein Ort, der nicht existiert – ein Nirgendwo.

In ihrer idealen Ausprägung zeichnet sich jene Gesellschaft von Utopia durch die Erfüllung allumfassender Gleichheit und Gerechtigkeit aus. Doch auch wenn das Staatswesen säkular und als Republik verfasst ist, liegen Utopia wie auch nachfolgenden utopischen Schriften des 16.-18. Jahrhunderts biblische Vorstellungen vom Paradies auf Erden und ein determiniertes Menschenbild zugrunde. An zahlreichen Stellen wird die Auflösung des Individuums in der auf göttliche Bestimmung ausgerichteten egalitären Gemeinschaft als Prophezeiung vorweggenommen.

Es ist eben diese Prophezeiung, die sich im ausgehenden 18. Jahrhundert im Geiste der Aufklärung wandelt und in der französischen Revolution neue Gestalt annimmt. Plötzlich greift das Volk im Hier und Jetzt nach den ihm vorenthaltenen Paradiesfrüchten. Zwar endet jener Griff in neuerlichen Ketten, doch wird die soziale Utopie in den Forderungen nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit erstmalig konkret. Und Heinrich Heine bringt diese revolutionäre Wandlung gleich zu Beginn seines deutschen Wintermärchens zum Ausdruck:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
o Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden
schon das Himmelreich errichten.

Fortan sind es positive Vorstellungen von Wahrheit und Gerechtigkeit, Freiheit und Einigkeit, welche die im Aufbruch befindliche bürgerliche Gesellschaft in den europäischen Ländern antreibt. „Den Himmel überlassen wir/ den Engeln und den Spatzen“, dichtet Heine weiter. Denn der Himmel hält keine Prophezeiungen mehr bereit für den modernen Menschen, der emsig daran arbeitet, seine Möglichkeiten bereits auf Erden und zu Lebzeiten realisiert zu sehen.

Die bereits bekannten Verheißungen des irdischen Himmelreichs werden im Laufschritt des 19. Jahrhunderts neu besetzt. Es geht den progressiven Kräften um nichts weniger als die Erfüllung eines Ideals, das Immanuel Kant als Ziel der Aufklärung postulierte: Die Befreiung des Menschen aus seiner Unmündigkeit. Die endgültige Abkehr von der göttlichen Vorsehung mündet in die Pflicht, sich seines eigenen Schicksals zu bemächtigen. Die Wahl der Mittel, die zu diesem Ziel führen sollten, dürfte allerdings nicht im Sinne Kants gewesen sein. Gegen die Unmündigkeit der breiten Volksmassen wird ein rabiater Ruf laut: Friede den Hütten, Krieg den Palästen! Und dieser aufrührerische Zorn richtet sich bald ebenso gegen die neuen Paläste der städtischen Bourgeosie. In dieser schwelenden Großwetterlage betritt ein neuer Prophet die Bildfläche, dessen Ideen noch lange überdauern: Karl Marx.

Mit seinem Weggefährten Friedrich Engels formt Marx die Sozialutopie von einer klassenfreien Gesellschaft zu einer politischen Bewegung um. In ihrem kommunistischen Manifest erklären sie die Revolution, den gewaltsamen Umsturz der herrschenden Verhältnisse, zum Motor ihrer Vision. Die kommunistische Gesellschaftsutopie ist somit nicht allein bevorstehende Möglichkeit, sondern wird direkt in die Gegenwart gerückt. Der Erwartungshorizont dieser idealen Zukunft rückt im Tempo der neuzeitlichen Lokomotiven immer näher, befeuert durch die Revolution, welche den Aufbruch in eine neue Geschichtsschreibung für sich beansprucht.

In diesem Bildnis wird eine Erwartungshaltung deutlich, die noch die Generation der 1968er prägte. Die neue Ordnung wird mit solcher Ungeduld herbeigesehnt, dass revolutionäre Gewalt zum legitimen Mittel erkoren wird, um diese so schnell wie möglich zu errichten. Die Zukunft bildet in der Folge nicht mehr nur den fantasiereichen Raum für Visionen, sondern bereits einen formbaren Teil unserer Gegenwart. Die neue Gegenwärtigkeit dieser Utopie jedoch scheitert eben an dieser übereilten Erwartungshaltung. In ihrem beherzten Überschwang sahen die kommunistischen Bewegungen seit Marx phasenweise den Menschen selbst als Hindernis zur Verwirklichung ihrer neuen Gesellschaftsordnung. An manchen Stellen verschwammen hierbei die Grenzen zu nazistischen Utopien, die die Schaffung eines neuen Menschen zu ihrem widerwärtigen Ideal erhoben.

Befördert wurde diese Entgrenzung von Gegenwart, Utopie und Zukunft außerdem durch eine parallele Entwicklung, die ihre ganz eigenen Zukunftsvisionen hervorbrachte und die Welt nachhaltig veränderte: Mit dem technischen Fortschritt öffneten sich nicht mehr allein neue Horizonte, ganze Welten standen plötzlich der Entdeckung durch den Menschen offen und beflügelten seine Fantasie.

Mit der rasanten Technisierung unserer Umwelt rücken manche Utopien tatsächlich in greifbare Nähe. In Science Fiction kondensieren diese Spielräume menschlicher Möglichkeiten zu visionären Tröpfchen. Neue Prophezeiungen erobern ungekannte Räume, insbesondere den Weltraum. Wenn eines Tages der Weltraum von Menschen besiedelt wird, würden unsere drängendsten Probleme auf Erden weniger drückend. Wenn eines Tages Maschinen alle lebensnotwendigen Arbeiten ausführen, gewänne der Mensch endlich die Freiheit, sich voll und ganz der Muße zu widmen.

Und dennoch beflügelte die Vorstellung dieses ‚eines Tages‘ genau das Gegenteil von utopischer Aufbruchstimmung. Dystopien wie Aldous Huxley‘s „Brave new world“ oder „1984“ von George Orwell prophezeien bereits in den 1930er Jahren eine düstere Zukunft. Ebenso veranschaulicht der Film „Matrix“ die Dialektik dieses Fortschritts: Jeder Schritt nach vorne birgt die Gefahr uns in einen tödlichen Abgrund zu stürzen. Doch besteht dieselbe Gefahr, wenn wir stehenbleiben und womöglich den Boden unter unseren Füßen verlieren. Stillstand ist keine Option. Wir brauchen den Mut, unsere Schritte in die richtige Richtung zu lenken. Um den Abgrund herum, der längst in Sichtweite ist, und bei weitem nicht unumgänglich.

Ruben Schenzle

Studium der Islamwissenschaft und Arabistik an der FU Berlin, in Kairo und Granada

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