Defizitkinder

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EIN PLÄDOYER FÜR DIE (SPRACHLICH) DEFIZITÄREN
Autor: Jana Vietze

Wir können es nicht mehr hören. Der Artikel „Kindergarten-Förderung lässt Migranten Deutsch-Defizit aufholen“1 vom 23. November 2012, ein Produkt der OÖ-Nachrichten, schleicht sich mit einer derartigen Leichtigkeit in die Leserherzen, dass sie kaum an sich halten können, den ewigen Schund der Unfähigkeit von MigrantInnen, eine korrekte Sprache zu erlernen, gleich 55-mal auf der Pinnwand der Onlineausgabe zu kommentieren. Da hilft es auch nicht, dass der Konflikt schon seit Jahren von der einen auf die andere Migrationsgruppe abgeschoben wird. Emotionalität und Kommentare bleiben identisch. Im selben Artikel verkündet uns der Vizebürgermeister der Stadt Linz, Klaus Luger (SPÖ), dass das Ergebnis der vorliegenden Studie zeige, „dass wir bis zu einem gewissen Grad die Startnachteile der Migranten verbessern können.“

Da lacht doch das sozialdemokratische Herz, welches seit Jahren in regelmäßigen Abständen die Möglichkeit findet, Defizite, Kinder und Migration im selben Satz zu erwähnen. Dafür braucht man nur eine neue Studie und ein Blatt, was sich nicht zu schade ist, das Ganze neu aufzuwärmen. Sollte bald ein Forschungsbericht erscheinen, der die Notwendigkeit einer pränatalen deutschsprachigen Beschallung des Uterus bestätigt, um die „Startnachteile“ zu vermindern, würde dies wohl ebenfalls in die ewige Liste von politischen Forderungen aufgenommen werden. Alles zum Wohle der defizitären MigrantInnen natürlich. Nur in einem Nebensatz des oben genannten Artikels findet das eigentlich zentrale Studienergebnis Erwähnung, dass in der vorliegenden Stichprobe alle Kinder gleichermaßen und unabhängig von Deutschkenntnissen und ethnischem Hintergrund von den Fördermaßnahmen profitierten. Förderungen sind also nach Bedarf anzulegen und nicht primär nach sozioökonomischen Faktoren. Aber das war wohl kein öffentliches Statement wert.

Es ist immer dasselbe: beeinträchtigende Defizite in der Schule aufgrund von sprachlichen Mängeln, schwierige familiäre Verhältnisse, der niedrige sozioökonomische Status und die Äußerung all dieser Faktoren in nicht-integrierten, schulabbrechenden, devianten Jugendgruppen. Einzelne Forderungen nach einem Perspektivenwechsel finden sich nur in unabhängigen Online-Magazinen wieder. So forderte der Vorstand Peter Rohland des Bundesverbandes für Wohnen und Stadtentwicklung e.V. (vhw) bereits 2009: „Weg von den Defiziten, hin zu den Potenzialen.“2 Und das bezieht sich nicht allein auf schulische Phänomene.

Selbst Faktoren, die in der Mehrheitsgesellschaft als entwicklungsförderlich angesehen sind, werden im Migrationskontext als potentielles Defizit umgedeutet. Ein stabiles familiäres Umfeld wird medial in ein patriarchisches Machtgefälle uminterpretiert, aus dem sich die Jugendlichen mühsam befreien müssen. Gruppen von Gleichaltrigen mit demselben ethnischen Hintergrund werden zu kriminellen Kleingruppen, die sich aus Langeweile – da ja immer ohne feste Beschäftigung – gegenseitig zu Straftaten anstacheln. Was das Thema Migration angeht, sind uns viele andere Länder in Bezug auf die mediale Darstellung, die Forschung und in weiterer Folge auf die Politik, die sich ja bei Bedarf auf ausgewählte Studien beziehen kann, um einiges voraus. Forschungsergebnisse aus den Niederlanden weisen zum Beispiel darauf hin, dass Jugendliche mit größerer Wahrscheinlichkeit ein positives Selbstkonzept entwickeln, wenn ihr eigener ethnischer Hintergrund in ihrem Umfeld gut repräsentiert ist.3 Es geht also auch ohne Kriminalität. Da wir nun aber im deutschsprachigen Raum noch längst nicht so weit sind, die kulturelle Identität als wichtigen Faktor der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen wahrzunehmen, lautet das Fazit „Integration, Integration, Integration!“, ungeachtet dessen, dass die Entwicklung von Kindern mit Migrationshintergrund von anderen Faktoren abhängig ist als die Entwicklung unserer knödelessenden Jugend.

Der Vorteil bei Kindern ist, dass sich die Maxime namens Wachstum, laut Erich Fromm unser selbsterklärter Lebensinhalt, noch gut in die jungen Gehirne implementieren lässt. Daraus folgen Nachhilfe-, Förderprogramme und Sonderbehandlungen, um den Migrationskindern überhaupt eine Karriere zu ermöglichen. Natürlich ist nichts daran auszusetzen, dass Kinder nach der Schule noch ein
paar Stunden zusätzlicher Aufmerksamkeit bekommen. Wenn diese Stunden jedoch bereits auf jenem Leistungsprinzip beruhen, welches ab dem Kindergarten entscheidet, in welcher Gehaltsklasse die kleinen Schreihälse später landen, dienen sie doch nur sekundär dazu, die Kinder zu entlasten. Stammen Kinder nämlich zum Beispiel aus zerrütteten Familienverhältnissen oder unüberschaubaren
Patchwork-Modellen, kommt niemand auf die Idee, sie im Schulkontext von Grund auf als besonders pflege- und förderbedürftig zu behandeln, obwohl sie zweifelsohne auch große Schäden davontragen können.

Ähnlich aber wie bei Scheidungskindern, die seit anno Schnee auf alle möglichen Folgeerscheinungen untersucht werden, können auch bei den Migrationskindern mehr belastende Entwicklungsaufgaben festgestellt werden als bei anderen Kindern. Sie beschreiben sich daher auch schon früh als sehr erwachsen, das subjektive Alter entspricht somit nicht dem objektiven. Dieses hat einen negativen Einfluss auf ihren späteren Selbstwert.4 Wer seiner Kindheit „beraubt“ wird, wird demnach ein Leben lang in stressreichen Momenten nicht genügend Selbstvertrauen besitzen, Probleme ausreichend in Angriff zu nehmen. Wird man jedoch erst zu einem Zeitpunkt mit Problemen konfrontiert, an dem sich die entsprechenden psychosozialen Fähigkeiten bereits eingestellt haben, ist man auch für das weitere Leben für Schwierigkeiten gewappnet. Kinder aus Migrationsfamilien berichten also häufig schon im jungen Alter von Verantwortungen und Aufgaben innerhalb der Familie und dementsprechend von einer hohen Reife. Der Trugschluss im Migrationskontext ist nun der folgende: Mehr Aufgaben bedeuten höhere Belastung, bedeuten Überforderung, bedeuten Flucht aus der Familie und das Abrutschen in kriminelle Milieus. Was fehlt, ist die Berücksichtigung der subjektiven Bewertung der Situation durch die Kinder. Wenn man die Realität also auch einmal nicht mit Leistungsparametern darstellen möchte, können qualitativ angelegte Studien zeigen, dass die Kinder zwar Belastungen wahrnehmen, aber auch Stolz empfinden, schon in jungen Jahren ein wichtiger Teil der Familie zu sein und sich somit früh als verantwortungsvolles Mitglied beweisen zu können. Außerdem kann selbst bei schwierigen Umständen (wie z.B. Armut) ein gefestigtes soziales und familiäres Umfeld eine ausgleichende Wirkung auf die Selbstwertentwicklung haben. Belastungen sind nicht zwingend beständig, sie können bewältigt werden.

Weiterhin fehlt die Perspektive auf eine individuelle Entwicklung, am besten über den Zugang zu Selbstkonzepten und subjektive Identitätstheorien der Kinder und Jugendlichen. Dementsprechend wurde der Fokus auf Individualität bereits in einigen deutschen Bundesländern im Schulgesetz und auch in Österreich in einem Lehrplanzusatz aus dem Jahre 1992 verankert.5 Der Lehrplanzusatz wurde jedoch, wie üblich, nur in Hinblick auf sozioökonomische Faktoren erschaffen, und bezieht sich daher nicht auf alle Förderungswürdigen, sondern explizit auf Kinder mit Migrationshintergrund. Hinzu kommt, dass die Probleme in der Praxis natürlich weiterhin aufgrund der unzureichenden Lehrkapazität auf gemeinnützige Vereine wie die Volkshilfe abgewälzt werden. Zumindest haben die Kinder dort die Chance, auch mal auf ihre Fähigkeiten und nicht wie sonst auf ihre schulischen und leistungsbezogenen Defizite hingewiesen zu werden. Und der eigentliche Nutzen der Defizitbehandlung? Neben der Möglichkeit, sich politisch zu positionieren, ist es ein weiterer Anlass, die Mehrheitsgesellschaft von den Minderheiten abzuheben. Das Proletariat wurde von einer Gesellschaftsschicht abgelöst, die zwar vor Pluralität strotzt, jedoch unter dem Migrationsbegriff zusammengefasst werden kann. Da hat man endlich wieder einen Grund, von der Spitze der sozialen Leiter hinunter zu winken und zu sagen: „Keine Sorge, auch um dich kleines Migrantenkind werden wir uns kümmern!“ Und dann fühlen wir uns gut. So großzügig. So gebraucht. Wie eine Magna Mater, eine wohltätige
Reinkarnation der Aphrodite vielleicht, die nach Belieben jederzeit zurück auf den parlamentarischen Olymp verschwinden kann, sollte sie sich einmal wirklich ernsthaft mit dem Thema Migration beschäftigen müssen.


1 http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/linz/Kindergarten-Foerderung-laesst-Migranten-Deutsch-Defizitaufholen;art66,1013760 [Stand: 16.2.2013]
2 http://www.migazin.de/2009/11/06/weg-von-den-defiziten-hin-zuden-potenzialen/ [Stand: 16.2.2013]
3 Verkuyten, Maykel (2009). Self-esteem and multiculturalism: An examination among ethnic minority and majority groups in the Netherlands. Journal of Research in Personality, 4, 419-427.
4 Benson, Janel E. & Elder, Glen H. (2011). Young Adult Identities and Their Pathways. Developmental Psychology, 47, 1646-1657.
5 http://www.schulministerium.nrw.de/BP/Lehrer/_Rubriken/Praxis/Individuelle_Foerderung/ [Stand: 16.2.2013]

Jana Vietze

In Berlin geboren, Studium der Psychologie und der Soziologie an der Universität Wien

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