Dem Dasein und dem Leben wieder Sinn verleihen!

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Autor: Ihsan Fazlioglu

Das wesentliche Merkmal der Moderne besteht darin, dass sie den Kosmos, das Sein, das Leben und den Menschen des Sinnes entleert (Entzauberung der Welt). Zieht man die lateinische Wurzel des Terminus “Moderne” in Rechnung, was “gegenwärtig, messen, Augenblick” bedeutet, hatte er nichts anderes zur Folge, als das Begriffliche/Sinnvolle durch das Mess- und Quantifizierbare zu ersetzen – ein Aspekt, der erneut auf den Entleerungs- und Entzauberungsakt hinweist. Die Entzauberung des Kosmos parallel zu der Rationalisierung der Welt ebnete den Weg für das Konzept einer mechanisch-mathematischen Kosmosvorstellung und damit einhergehend den legiti- men Boden für die Ausbeutung der Natur.

Das Leben, bzw. den Menschen seines Sinnes zu entleeren, ist noch mühsamer, denn dies bedarf in erster Linie der Marginalisierung des Todes. Dies wiederum ist nicht einfach; denn dafür ist die Diskreditierung all jener Glaubensinhalte erforderlich, die im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Jenseits, dem Tag des „Din“ und dem der Abrechnung stehen. Die Verwirklichung dieses Diskreditierungsprozesses mündet schließlich in einer Sinnentleerung des Seienden und somit des Seins sowie des Lebens. In letzter Konse- quenz bedeutet dies die Degradierung des Ich vom edelsten Geschöpf (eşref-i mahlûkât) zu einem pysischen Objekt, also zum tiefsten Tief (esfel el-sâfilîn).

Oben meinten wir, dass „wie das Ziel/ die Ankunft dem Weg seine Richtung gibt; schenkt auch der Ausgang (und das darauf Folgende) dem irdischen Sein seine Ihrige“. Demnach können wir folgende Frage stellen: Was bringt die vom Ausgang verliehene Richtung dazu, richtig zu sein? Denn die Richtigkeit des Wegs liegt darin, als Mensch zu leben. Wenn der Ausgang eines jeden Menschen am Ende dasselbe ist, könnten wir uns dann mit einer zufälligen Richtung begnügen? Das Bewusstsein über die Ankunft (und dem darüber hinaus) ist der Hauptgrund, warum die Richtung richtig ist; andernfalls werden wir in der Wüste des irdischen Lebens, ob- wohl die Ankunft absolut ist, ziellos herumtreiben, uns im irdischen Sein verfangen – diesen Zustand nennen wir in der dschahiliyya (Unwissenheit) leben – und somit krumme Wege über- winden müssen. Das Bewusstsein über die Ankunft (und darüber hinaus) hängt explizit mit dem Inhalt der Ankunft (mead) zusammen. An dieser Stelle werden wir mit der zweiten Frage konfrontiert: Wie werden wir sicheres Wissen über den Inhalt der Ankunft (mead) erlangen? Hier verwende ich speziell den Begriff „sicher“ (sahih) und nicht „treu“ (sadik), weil Treue setzt die Konformität der Aussagen mit der Erscheinung voraus; weil für den Menschen die Aussagen über die Ankunft (mead) nicht phänomenal sind, ist für sie nicht ihre Treue sondern – wie wir unten sehen werden – ihre Sicherheit wichtig. Gewiss ist der Tod offensichtlich; seine Notwendigkeit lässt sich mit der empirischen Vernunft verifizieren, mit der logischen Vernunft diskutieren; wie werden wir jedoch über die Inhalte der Ankunft (mead) erfahren?

Für uns stellt das Leben mit seiner nahen/diesseitigen und seiner fernen/jenseitigen Be- deutung ein Ganzes dar; el-hayat el-dünya – das nahe Leben, meaş (im Türkischen kann man dafür yaşam verwenden). In beiden Vorstellungen ist das Leben essentiell/substantiell, die Nähe und die Ferne fungieren lediglich als Eigenschaften und sind wie alle Attribute dem Zugeschriebenen untergeordnet. Selbst wenn der Mensch verstirbt, hat er sein Leben trotzdem nicht verloren, denn das Dasein und der Tod sind zwei Seiten/Er- scheinungen des Lebens/der Existenz. Mit anderen Worten sind mebde (der Ursprung), meaş (das Leben) und mead (die Ankunft) unserer traditionellen Auffassung nach ein Indiz für die Differenziertheit des Lebens, aber zugleich ein Hinweis auf die Dauerhaftig- keit desselben. Das Organisationsprinzip der archaischen/klassischen Städte ist ein an- schauliches Beispiel hierfür. Der Raum des Din, me-din-e, also die Stadt wurde um das Gebetshaus/ dem Tempel (mabed) und um die Grabstätte errichtet. Historisch betrachtet gehören Gebetshäuser und Grabstätte zu den Grundpfeilern jedweder Stadtarchtitektur; heute verhält es sich ähnlich, bloß mit einem Unterschied: der Bezugspunkt/die Referenz hat sich verändert, die Bedeutung/die Benutzung ist erhalten geblieben.

In dieser Klassifizierung erwirbt sich der Ursprung und das weltliche Sein ihren Sinn von der Ankunft; um es kürzer und bündiger zu formulieren: der Wurzel und dem Leben verleiht der Tod ihren Sinn. Diese Einsicht kann auch folgen- dermaßen zu Wort gebracht werden: So wie der Zweck/ das Ziel dem Gang des Menschen den Sinn verleiht, so wird der Sinn des irdischen Lebens durch ihren endgültigen Ausgang bestimmt. Und wie das An- kommen dem Weg eine Route erbringt, so verleiht auch ihr Ausgang (und das Darauffolgende) dem weltlichen Leben eine Richtung. Aus diesem Grund ist die Bereinigung der Existenz vom Sinn, wie oben angedeutet, eng damit verbunden, dass dem Tod selbst und dem Da- nach der Sinn entraubt wird. Der Tod ist der verborgene Grund der menschlichen Angst, Aufregung, Spannung, Krise, des Kummers und Unbehagens, kurzum der Sinn sowohl für das menschliche Da-Sein [somit für das Sein selbst]als auch für das irdische Leben. Der Tod ist die Hoffnung des irdischen Lebens, und die Freude liegt nicht in unse- rer Erkenntnis oder unserem Besitz, sondern in unseren Hoffnungen; deswegen ist das Jenseits, wie Fahreddin Razi meint, gleichzeitig die Quelle der menschlichen Glückseligkeit, auch wenn sie nur eine Mög- lichkeit ist. Weil sowohl der Sinn des Da-Seins als auch jener der Exis- tenz ist eng verknüpft mit dem Tod…, falls wir nach unserem Ableben von allen möglichen Insekten und Würmer aufgefressen werden hat das menschliche Dasein keinen Sinn, wie folglich bei Fehlen einer Ab- brechnung das ethische Handeln, also das Mensch-Sein, die Existenz keinen Sinn haben wird. Anders formuliert, weil durch die willkürliche Bestimmung des Guten, Rechten und Schönen dem Menschen sein Sinn entzogen wird, wird er als rein profanes Wesen hin und hergerissen in der Mitte verweilen, und weil das irdische Le- ben keine Richtung finden wird, wird er den geraden Weg nicht finden und in der Lebenswüste richtungslos, methodenlos und zwecklos umherirren (cahiliyye). Dieser Zustand wird nach einer Weile zu einem Prozess führen, worin der Mensch sich als Individuum und Art vernichtet. Das rein profane Wesen, welches sich vor dem Kind, folglich vor dem Vermehren, scheut und jenen Grund, der neben dem Leben und der Vernunft auch die Nachkommenschaft behüten wird, mit sexuellen Perversitäten demoliert, wird den Tod nicht als eine Wiederkehr, als ein Übergang vom naheliegenden zum fernen Leben wahrnehmen, sondern als ein Verschwinden oder einen Zerfall. Unter Berücksichtigung des bisher gesagten, können die Theorien, die sich seit dem 19. Jahrhundert in den Geisteswissenschaften bildeten, als die Geschichte der erwähn- ten Reduktion, also die der Bereinigung des Menschen vom Sinn, gesehen werden. Als Resultat bleibt der Verlust des Menschen – nicht nur als Individuum sondern auch als Art.

Wenn der Fremde als jemand beschrieben werden kann, welcher der Wert- und Deutungs- welt einer Kultur nicht angehört, dann bedeutet in der modernen Philosophie der Begriff der Entfremdung, die Entfremdung des Menschen gegenüber dem Tod (und auch dem Jenseits). Aus diesem Grund ist es nicht möglich die Ursachen der Entfremdung des Menschen von sich selbst nur auf die Produktionsprozesse, -verhältnisse und -mitteln reduzierend zu erklären; die Hauptursache liegt darin, dass der Mensch selbst vom Tod (und vom Jenseits) entrissen lebt; das Leben nur zu einem irdischen Leben reduziert.

Der Mensch grenzt zum Tod; der Tod ist nicht das Gegenstück des Lebens, sondern des irdi- schen Seins; denn das letztere und der Tod sind zwei Seiten des Lebens. Wenn jemand den Tod als ein Eingehen betrachtet, dann sieht er sich nicht als Mensch, sondern als Hülse (beşer) an. Die Tiere gehen ein, aber der Mensch stirbt. Jener Mensch, der im Mutterleib – also jenem Ort, an dem die Eigenschaft des Barmherzigen sich offenbart – mit dem Leben beginnt, ist auch für den Tod bereit und richtet sich ihm entgegen. Die Entfremdung des Menschen auf der Erde ist, dass er das irdische Sein nicht als ein Teil des Lebens betrachtet, weil dieses Sein getrennt vom Tod sinnlos ist; und Sinnlosigkeit ist eine Tragödie für den Menschen.

Prof. Dr. Ihsan Fazlioglu

Professur am Institut für Philosophie an der Medeniyet-Universität in Istanbul

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