Der Fluch

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MODERNE, RELIGION, NATIONALISMUS
Autor: Etyen Mahçupyan

Die Moderne ging einem Traum nach, der von der illusorischen Annahme ausging, der Mensch sei verzaubert und könne nur durch Vernunft und Wissenschaft gerettet werden. Sowie alle anderen historischen Phasen auch durchlief die Moderne ihren natürlichen Entwicklungsprozess, brachte dabei Stück für Stück das Individuum hervor und machte es mit der Freiheit bekannt; aber wo sie zur „Reife“ gelangte, ist sie der Versuchung erlegen, sowohl das Individuum als auch seine Freiheit zu systematisieren und in eine Form zu pressen. So wurde das Individuum nicht mehr als eine Daseinsform gesehen, die sich selbst und ihre eigenen Bahnen schafft, sondern vielmehr als eine Daseinsform, die zuallererst selbst geschaffen werden musste. Diese Schöpfung benötigte zunächst die Befreiung von allen äußeren, einzwängenden Einflüssen: Einerseits sollte man das Individuum aus seiner Abhängigkeit von Boden und Feudalherren befreien, damit es seine eigene Arbeitskraft frei einsetzen konnte. Andererseits sollten alle religiösen Hirngespinste vertrieben und Aberglaube überwunden werden, da beide das freie Denken verhindern würden.

In der Wahrnehmung des „modernen“ Interpreten der Moderne wird die erstgenannte Emanzipation als bedeutendste wahrgenommen. Aber eigentlich war die zweite Emanzipation im geistigen Bereich die bestimmendere. Die Moderne hat ja die patriarchale Welt der Religion und die autoritäre Beziehung der Feudalherren zur Masse des Volkes einfach übernommen. Die mittlerweile vollzogene Schwächung des Patriarchats aber wird immer mehr nur mit der Stärkung des Autoritarismus bezahlt. Der früher von der Religion gefüllte gesellschaftliche Raum wich und hinterließ eine Leere, die jetzt als Privatsphäre neu definiert wird. Aber aufgrund des Relativismus, der bereits im Wesen des modernen Menschen angelegt ist, wurde dieser Leerraum niemals ganz gefüllt. In der Folge begann ein Prozess, in dem das autoritäre Denken das Individuum neu formte. In dem Ausmaß, in dem die von der Religion hinterlassene moralische Leere durch nicht-sozialisierbare, singularisierte Individuen nicht gefüllt werden konnte, wurde sie durch Staaten gefüllt, die alle Individuen repräsentierten.

So sind wir zu einer Moderne gekommen, die alle Individualität abgetötet und das freie Denken erneut dem Aberglauben überlassen hat: Nationalismus wurde die neue „Religion“ genannt und der Nationalstaat wurde zur irdischen Erscheinungsform dieser neuen Religion. Die Individuen waren von da an neue Gläubige, die eine Staatsbürgerschaft verliehen bekamen.

Die Moderne war nicht mehr eine Daseinsform, die auf einer Wahrnehmung von geistiger Differenziertheit und freiem Denken basierte und so auch tatsächlich Vielfalt schaffte; ganz im Gegenteil wurde sie zu einer Haltung, in der man sich in die sicheren Arme des Nationalismus legte und die mit ihr verbundene, immer weiter fortschreitende Angleichung akzeptierte. Der wesentliche Teil der Moderne, die Freiheit, wurde also – um es milde auszudrücken – transformiert. Von da an wurde die individuelle Freiheit zum Beigeschmack und Teil des Privatlebens, die „eigentliche“ Freiheit jedoch konnte nur gemeinsam als Nation gelebt werden. Infolgedessen kam die Freiheit der Nation immer vor der Freiheit des Individuums, und das Individuum selbst wurde zur Privatsache, die andere Staatsbürger nicht zu interessieren hatte. Die Linke hat in ihrer Kritik an der Moderne zwar versucht, mit dem Begriff der Klasse dieses Verständnis zu durchbrechen, aber am Ende sind sie doch gescheitert. Schließlich haben auch die Linken die Freiheit als einen Teil eines größeren Ganzen betrachtet und es so für den Einzelnen unerreichbar gemacht.

Es gab aber noch eine zweite Dimension dieser Transformation der Freiheit und eigentlich war diese die tödlichste. Wo der Nationalismus sich als Ideologie etabliert hat, wurde die Freiheit nicht mehr als ein „gelebter“, sondern als ein „zu lebender“ Zustand verstanden. Dieser „zu lebende“ Zustand der Freiheit umfasste dabei die Vergangenheit und die Zukunft der Nation, und ließ dabei das Individuum gegenüber dieser imaginierten identitären Realität in Ohnmacht verfallen. Die Freiheit der Nation erforderte es, die konkrete Form dieses Zustands zu schaffen – in den Nationalstaaten wurde das schließlich realisiert. Indem der Nationalstaat die Nation „befreite“, hat es den Menschen unterworfen; indem es dem Individuum eine Identität gab, hat es den Staatsbürger in einen Untoten verwandelt.

Wer weiß schon, ob all das nicht die Folge eines Fluchs war, der aus der Verbannung der Religion aus der Welt und ihrer Ersetzung durch eine Schein-Religiosität entstanden sein mag. In der Religiosität des Mittelalters war tatsächlich auch Aberglaube im Spiel und der Druck religiöser Autoritäten war teilweise erdrückend. Aber die Religion war niemals Besitz dieser Autoritäten und – aller Unterdrückung zum Trotz – gehörte die Religion am Ende doch allein diesen Menschen. Diese Menschen hatten aber nur mangelhaftes Wissen über ihre Religion und nur das legitimierte die Macht religiöser Autoritäten. Dabei würde die Gesellschaftlichkeit der Religion es ermöglichen, unabhängig von irgendwelchen Autoritäten eine Gemeinschaftlichkeit aufzubauen und eine Moral zu begründen.

In dem Ausmaß, in dem der Nationalismus als falsche Religion der Moderne Verweise verweltlichte, machte es den Menschen immer ohnmächtiger. Während Herrscher und Untertanen am Ende vor Gott gleich gestellt waren, wurden sie jetzt in Wissende und Unwissende unterschieden. Die Moderne war dann die Regierung der Wissenden über die Unwissenden entlang dem Blendwerk, den sie als „Wissen“ präsentierten. Der Nationalstaat wurde zur neuen Instanz der Huldigung, die die Stellung der verlorenen religiösen Moral ersetzen sollte. Die Staatsbürger, die bereit waren für ihren Nationalstaat sich selbst aufzugeben, wurden die trunkenen Opfer dieser neuen Form von Gläubigkeit.

Israel ist der Musterschüler dieser neuen Welt, der all das machte, was man von ihm verlangte. Der religiöse Zionismus, als eine Form, eine moralische Beziehung zur Welt aufzubauen, wurde in diesem Prozess zum politischen Zionismus, der die Welt außerhalb jeglicher Moral ansiedelte. Während sich der Zionismus zwar einerseits auf die Voraussagen der Heiligen Schriften stützt, mißbraucht sie gleichzeitig dieselbe Religion als Mittel für ihre politischen Ziele. Am Ende war der Staat Israel in der Perspektive jüdischen Glaubens zu einem Projekt der Selbsttäuschung und Degeneration geworden.

Der größte Einwand gegen den Staat Israel war – aus verständlichen Gründen von den Juden selbst gekommen, denn sie wussten, was sie verloren hatten. Es war klar, daß auch dieser Nationalismus den Spuren anderer Nationalismen folgen und – in den Worten Martin Bubers – zu einem „heiligen Egoismus“ entarten würde.

Einstein sagte am 17. April 1938: „I should much rather see reasonable agreement with the Arabs on the basis of living together in peace than the creation of a Jewish state. Apart from practical consideration, my awareness of the essential nature of Judaism resists the idea of a Jewish state with borders, an army, and a measure of temporal power no matter how modest. I am afraid of the inner damage Judaism will sustain – especially from the development of a narrow nationalism within our own ranks, against which we have already had to fight strongly, even without a Jewish state.“

Leider war der Weg, den das moderne Israel einschlug und dem ein Großteil der Juden blind folgte, unterschiedlich. Im März des Jahres 1969 sagte Staatspräsident Golda Meir: „Wie können wir die besetzten Gebiete zurückgeben? Es gibt niemanden, dem wir sie zurückgeben könnten!“ Im Juni desselben Jahres hatte dieser Staatspräsident schließlich die bis heute gültige Position formuliert: „Es gibt kein palästinensisches Volk… man kann nicht behaupten, dass wir ihr Land besetzt und sie vertrieben hätten. Es gab sie ja nicht.“

Der Nationalstaat war ein Fluch, den die ihrer Moral beraubte Menschheit gegen sich selbst ausgesprochen hat. Die „Rettung“ der Zukunft wird wohl jenen vorbehalten sein, die es bis heute geschafft haben, ohne einen Nationalstaat sie „selbst“ zu bleiben, und als Völker eine Konfrontation mit dem Nationalstaat nicht gescheut haben.

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