Der selbstbestimmte Mensch

0

WER DEFINIERT UNSERE IDENTITÄT?
Autor: Dominique Schnötzinger

„Kids who’ve never known peace have different values from those who’ve never known war. Those who stand on top can decide the definition of “evil”.”
One Piece, Episode 465

Woher beziehen wir unsere Werte? Woher kommen unsere Vorstellungen von „Gut“ und „Böse“, wodurch lernen wir, uns selbst zu definieren und von anderen abzugrenzen? Diese Fragen beschäftigt die Menschheit wahrscheinlich schon seit Entwicklung eines Bewusstseins, schriftlich festgehalten mindestens schon seit Sokrates und seinen Schülern. Platon etwa setzte sich eingehend mit dem Begriff des „Guten“ auseinander, genauso wie Aristoteles. Heute finden sich Diskussionen darüber in der Wissenschaft wie im Alltag, in der Schule wie in der Politik. Der Unterschied in der Art und Weise dieser Auseinandersetzungen könnte nicht größer sein, trotzdem dreht sich fast alles um das gleiche Kernthema – wer sind wir? Was definiert uns?

Jede neu entfachte Diskussion über die Vor- und Nachteile von Migration, von den Grenzen und Möglichkeiten der Globalisierung, stellt nur ein anderes Level dieser Fragen und den Versuch einer Lösungsfindung dar. Migranten bringen neue Wertvorstellungen in ein Land und stellen somit die alten vor neue Herausforderungen. Wenn Menschen aber fürchten müssen, dass die von ihnen bis dato geteilten Werte in Frage gestellt werden, fürchten sie um ihre Identität, teilweise um ihre Existenz. Dies erklärt wohl auch ein bisschen die Emotionalität, mit der diese Diskussionen –regelmäßig auch öffentlich – geführt werden.

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung ist die Psychologie, neben der mittlerweile ebenso verwissenschaftlichten Philosophie, wahrscheinlich diejenige Disziplin, welche sich heutzutage am häufigsten mit Fragen zu Werten, Vorstellungen und Identitäten beschäftigt. In der Entwicklungspsychologie gibt es eine Unmenge an Theorien und Annahmen hierzu. Je nach Schwerpunktsetzung werden genetische, biologische, soziale oder psychologische Faktoren als primäre Erklärungsquelle herangezogen bzw. werden einige oder alle dieser Aspekte kombiniert, um Phänomene wie die Entwicklung oder Aufrechterhaltung von Wertvorstellungen und Identitäten zu erklären. Warum Menschen so intensiv nach diesen Erklärungen suchen, liegt auf der Hand. Schließlich geht es jedem darum, seinem Leben einen Sinn zu geben. Und wie soll man diesen Sinn finden, ohne zu wissen, wer man ist? Wenn diese Fragen also so zentral sind, warum sind sie dann so schwer zu beantworten? Die wissenschaftliche Auseinandersetzung ist nur eine der Möglichkeiten, sich der Antwort dieser Fragen zumindest zu nähern.

Die Fähigkeit zur (Eigen-)Reflektion ist der größte Unterschied zwischen uns und dem Rest der Tierwelt auf der Erde. Dieser Unterschied bedeutet zwar keineswegs, dass wir auch die bessere Art sind, dennoch verleitet er zu dieser Annahme. Wenn wir schon über uns und das, was wir tun, nachdenken können, die andern alle aber nicht, dann müssen wir doch eine Stufe höher stehen, oder? Genau dieser Gedanke ist es aber, der uns immer weiter in Bedrängnis bringt und dazu führt, dass wir Probleme kreieren, die es im Grunde gar nicht geben müsste. Dort, wo eine Hierarchie besteht (oder dort wo geglaubt wird, dass sie besteht), gibt es auch Machtverhältnisse. Und Macht korrumpiert.

Revolutionen, Umbrüche, große Proteste… all diese Phänomene zeigen einen bestimmten Zeitpunkt an, an dem diese Korruption den Menschen zu viel wird und sie sich mit den leitenden Wertvorstellungen nicht mehr identifizieren können. Es kommt zu großen oder weniger großen Wandel in zentralen Vorstellungen, manchmal sogar zu einem sogenannten „Systemwechsel“. Die neuen Wertvorstellungen werden dann als die allgemein besten angesehen, sie haben ja schließlich die alten, unterdrückenden und falschen abgelöst. Sie werden aber im Normalfall nicht bloß in dem kulturell-geografischen Bereich als unverrückbar angesehen, in dem sie sich entwickelt haben, sondern aufgrund dieser positiven Konnotation als „objektiv“ gut bzw. besser als die alten verstanden. Diejenigen, die diese neuen Vorstellungen jetzt teilen, sehen es deswegen als selbstverständlich und altruistisch, diese Erkenntnisse auch auf andere Teile der Welt zu übertragen und ihnen ihre neuen Werte näherbringen.

Übertragen auf Europa und Nordamerika, bzw. den sogenannten „Westen“, wird dann oft vergessen oder nicht berücksichtigt, dass unsere Werte und Vorstellungen in eben unseren Breiten entstanden sind und sich hier weiterentwickelt haben. Im Moment stehen Menschenrecht, die menschliche Freiheit und Gleichheit im Zentrum. Dadurch entsteht der Anschein der kompletten Selbstbestimmung im eigenen Leben. Aber diese wurde genauso ausverhandelt und irgendwann einmal festgelegt. Die Zufriedenheit mit diversen Monarchen in Europa sank und so meinte man, man führt Wahlrecht für alle ein, dann bestimmen sie selbst, wer über sie herrscht (an dieser Stelle wird üblicherweise die Französische Revolution erwähnt). Jetzt ist es genau diese einst festgelegte Individualität, die uns leitet. Wir definieren uns weniger durch eine Gruppe (obwohl dies immer noch wichtig ist, Menschen sind und blieben Gruppentiere), sondern mehr als Einzelner bzw. Einzelne.

Warum brach der arabische Frühling erst jetzt aus, nachdem – jetzt einmal plakativ formuliert – die Diktaturen in zahlreichen arabischen Ländern doch schon ewig vorherrschten? Warum kam es erst 1789 zur endgültigen Revolution in Frankreich, später gefolgt vom Rest Europas, wenn diverse Herrscher doch schon Ewigkeiten davor ihre Bevölkerung ausnutzten? Einfach gesagt, weil die Menschen bis dahin relativ zufrieden oder zumindest einverstanden waren mit dem, was sie anleitete. Sie haben sich mit den vorgegebenen Werten identifiziert und diese bis zu einem gewissen Grad akzeptiert. Erst, als die Unzufriedenheit ein gewisses Ausmaß erreicht hat, lehnten sie sich dagegen auf und forderten einen Wechsel. Genauso, wie die Individualität jetzt als gerecht angesehen wird, so waren es vorher andere Werte in Europa. Genauso, wie mehr Selbstbestimmung von einem Großteil der sich momentan im Umbruch befindenden Gesellschaften des Nahen Ostens jetzt als gerecht und notwendig angesehen wird, genauso waren es vorher Werte wie etwa eine halbwegs gut funktionierende religiöse Pluralität (ob dies wirklich auf alle zutraf, ist ein anderes Thema) oder die Verankerung der Religion im Staat, die die Gesellschaft zusammengehalten haben.

Wissenschaftliche oder politische Auseinandersetzung, die Frage nach Einflüssen von globaler Migration oder die nach Gründen sozialer Umbrüche: Was gerecht ist und was nicht, was gut ist und was böse – unsere Werte werden immer zu einem großen Teil mitbestimmt von einer allgemeinen (politisch-sozialen-gesellschaftlichen) Grundstimmung, die zu einer gewissen Zeit vorherrscht. Wenn sich diese Grundstimmung ändert, was in Zeiten der globalen Nähe öfters auftreten wird, kommt es zur Auflehnung und zum Wechsel. Die neuen Werte sind dann solange anleitend, bis die Zufriedenheit damit wieder sinkt. Und dann: Auf ein Neues.

Die westliche Selbstbestimmung ist im Moment sehr praktisch, weil sie die Wirtschaft ankurbelt und dem vorherrschenden System damit gut tut. Es genügt nicht, wenn der Nachbar ein Auto hat und einen theoretisch mitnehmen könnte. Es ist doch viel besser für das soziale Prestige, wenn man selbst ein Auto besitzt.

Ein guter Herrscher regiert nicht mit Gewalt, sondern macht die Untertanen glauben, sie würden aus eigenen Stücken unter seiner Herrschaft leben.

„Pirates are evil? The Navy is righteous? Those views change as often as the tides! […] Justice will triumph, you say? Of course it will! Because the winners will become justice!” – One Piece, Episode 465

Dominique Schnötzinger

BA der Soziologie, Studium der Psychologie und Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien

Letzte Artikel von Dominique Schnötzinger (Alle anzeigen)

TEILEN

Schreiben Sie einen Kommentar

drei × zwei =

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.