Arnold Toynbees Theorie vom Verfall der Kulturen

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„Kulturen blühen auf, wenn auf Fragen von heute Antworten von Morgen gegeben werden.
Kulturen zerfallen, wenn für Probleme von heute Antworten von gestern gegeben werden.” 
― Arnold J. Toynbee

Wir leben in einer komplexen und vielfältigen Welt. Diese Diversität verdanken wir auch der Vielfalt an Kulturen, die in unserer Geschichte entstanden sind. Doch was wissen wir über die eigene Kultur? Wissen wir, wann sie ungefähr entstanden ist und wie sie sich entwickelte? Wissen wir, woraus sie besteht und was sie ausmacht? In der heutigen Zeit wird Kultur in der politischen Diskussion großteils als Kampfbegriff verwendet. Es erfolgt keine Definition des Begriffs und so transformiert er sich zu einem politischen Werkzeug. Während „Kultur“ heute beinahe missbraucht wird, hat der Universalhistoriker und Oxford-Absolvent Arnold J. Toynbee diese einer eingehenden Analyse unterzogen. In seinem Magnum Opus „Der Gang der Weltgeschichte“ beschreibt Toynbee den Aufstieg und den Verfall früherer Kulturen und versucht damit, bestimmte Kriterien für die Gründe der Entwicklungen eines Zerfalls festzuhalten, um somit vielleicht zukünftige Entwicklungen prognostizieren zu können.

Toynbee und der spirituelle Zugang zur Weltgeschichte

Arnold J. Toynbee besaß einen sehr philosophischen und spirituellen Zugang zur Geschichte und deren Entwicklung. Karl Marx, der zu Gesellschaften und Kulturen einen eher biologischen Zugang hatte, verstand diese als Organismen. Deswegen betrachtet Marx die Geschichte als durch wirtschaftliche Kräfte geformt und spricht deshalb über einen „Klassenkampf“, den Toynbee stark kritisiert. Toynbee betrachtet Kulturen und Gesellschaften mehr denn nur als biologische Organismen, er sieht in ihnen Persönlichkeiten. Er verstand Geschichte als durch spirituelle Ebenen und Kräfte geformt. Religion war für ihn ein wichtiger Hauptbestandteil der Kultur, denn er verstand Menschen als Lebewesen mit freiem Willen; und doch waren sie Werkzeuge Gottes. Oftmals unterschied er auch nicht zwischen Religion und Kultur. Für ihn war Religion an sich im innersten Sinne eine Kultur. Er definiert Kultur als „nützliche Denkwerkzeuge“, die Religion, Philosophie und eigene Weltanschauungen beinhalten. Toynbee versteht Wissenschaft, Wirtschaft und Technik nicht als wichtige Bestandteile für den Fortschritt einer Kultur. Wichtig für den Fortschritt ist die geistige Entwicklung wie z.B. in der Literatur, Kunst oder Religion. 

Die großen Kulturen

Im Gegensatz zu den acht Hochkulturen Oswald Spenglers, den Toynbee sehr bewunderte, erfasst Toynbee den Aufstieg und Verfall ganzer 20-30 Kulturen in der Geschichte der Menschheit. Die Anzahl der Kulturen schwankt in den wissenschaftlichen Arbeiten und Büchern, die zu Toynbees Werken geschrieben wurden. Toynbee selbst meinte, dass er jedes Mal auf eine andere Anzahl der Kulturen kam, während er sich intensiv mit ihnen beschäftigte. Als erste und ursprüngliche Kultur wird die sumerische Kultur genannt. Als Grund dafür nennt Toynbee die klimatischen Veränderungen damals, wie z.B. das Austrocknen der Sahara und die Möglichkeit, nahe an Flüssen Ackerbau zu betreiben. Der Umstieg der Menschen von der Jagd auf den Ackerbau ist laut Toynbee die erste wirklich große Errungenschaft und eine Art schöpferischer Akt der Kultur. Vor der sumerischen Kultur lebten die Menschen zwar nicht ohne Kultur, aber ohne wirkliche Erzeugungen, Fortschritt und große Entwicklungen. Die westliche Kultur beginnt laut Toynbee im 8. Jahrhundert. Im Gegensatz zu Spengler beschreibt Toynbee keine deterministische Zukunftsvision. Spenglers biologische Geschichtsphilosophie, in der eine entwickelte Kultur automatisch dazu verdammt ist, eines Tages zu verfallen, teilt Toynbee nicht. 

Niedergang und Verfall von Kulturen

So wie beim Aufstieg und Wachstum von Kulturen, stellt Toynbee beim Niedergang und Verfall die gleiche Frage: „Liegt der Grund dafür in einem physischen äußeren oder in einem geistigen inneren Aspekt?“

Sehr interessant ist, dass Arnold J. Toynbee der Meinung ist, dass wachsende Herrschaft einer Zivilisation eigentlich den Beginn des Verfalls darstelle. So schreibt er in „Der Gang der Weltgeschichte –  Aufstieg und Verfall von Kulturen“:

„Militarismus, ein allgemeiner Zug des Niederbruchs und Zerfalls, wirkt sich häufig im Anwachsen der Herrschaft eines Gesellschaftskörpers über andere Gesellschaftskörper und über die leblosen Kräfte der Natur aus. In dem Niedergang […] geschieht es so oft, daß die Eröffnungskapitel des tragischen Niederganges eines Gesellschaftskörpers populär als die Höhepunkte eines großartigen Wachstums gepriesen werden.“

Der Niedergang einer Kultur beginnt, wenn die herrschende (und elitäre) Minderheit aufhört, kreativ und zukunftsorientiert zu arbeiten. Lösungen für die nahenden Herausforderungen werden aufgrund von Arroganz und Stolz nicht gesucht, sondern es wird der Fokus auf den Machterhalt gelegt. Die fehlende Möglichkeit, eine Antwort auf Zukunftsfragen zu geben führt dazu, dass die Kultur in eine „Stresssituation“ kommt. Die Suche nach Sündenböcken und das Versinken in Nationalismus und Militarismus werden als Symptome genannt, denn für fehlende Antworten auf zukünftige Fragen wird die Schuld bei jemand anderem gesucht werden und nicht bei der herrschenden Minderheit selbst. Die sozialen Spaltungen, die sich durch den Ausbruch innerer Zwistigkeiten ergeben, zerreißen den Gesellschaftskörper in zwei Dimensionen:

  • Die horizontale Spaltung: Eine Spaltung zwischen geografisch sich deckenden, aber sozial geschiedenen Klassen
  • Die vertikale Spaltung: Eine Spaltung zwischen geografisch geschiedenen Gemeinwesen.

Während die vertikale Spaltung in allen Formen zu finden ist und nicht unbedingt ein Anzeichen des Zerfalls der Kultur sein muss, ist die horizontale Spaltung immer kurz vor dem Verfall einer Kultur zu finden.

Wenn Kulturen zu zerbrechen drohen, entwickelt die herrschende Minderheit, laut Toynbee, eine Art „Universalstaat“, um sich den Machterhalt und den Einfluss zu sichern. Das innere Proletariat entwickelt eine „Universalkirche“, um ihre spirituellen Werte und kulturellen Gepflogenheiten zu bewahren. 

Der geistigen Niederlage, die zu dem Verfall der Kultur führt, folgt eine physische Niederlage. Im Gegensatz zu Oswald Spengler betrachtet Toynbee die Zukunft von Kulturen nicht deterministisch. Für ihn durchläuft eine Kultur nicht unbedingt die Phasen einer Geburt, eines Höhepunkts und eines Zerfalls. Sie entsteht aus anderen Kulturen und geht in anderen Kulturen auf.

Kultur und Prüfung

In unserer heutigen Welt existieren laut Toynbee 4 Kulturen

  1. Die westliche Kultur (dazu zählt auch die abendländische Kultur)
  2. Die islamische Gesellschaft
  3. Die hinduistische Gesellschaft
  4. Die fernöstliche Gesellschaft (buddhistische Kultur etc.)

Wenn Kulturen und Gesellschaften vor Herausforderungen stehen, dann werden von Kultur zu Kultur verschiedene Entscheidungen getroffen. Wie vorher erwähnt, neigen Gesellschaften in Stresssituationen dazu, Sündenböcke für ihre Probleme ausfindig zu machen. Toynbee nennt als Beispiel für seine Zeit den Kapitalismus und Kommunismus. Beide stellten für ihre Gesellschaftskörper jeweils die Sündenböcke da. Bevor der Kommunismus der Schuldige für alle Probleme für die westliche Welt wurde, gab es das gleiche Muster mit dem Islam. Laut Toynbee löste damals die islamische Kultur die gleiche Hysterie in den Herzen der westlichen Menschen aus, wie zu seiner Zeit der Kommunismus. 

Das Interessante ist, dass Toynbee argumentiert, dass der Islam bzw. die islamische Gesellschaft wieder ein Sündenbock für die westliche Gesellschaft werden wird. Die westliche Kultur nimmt an Einfluss in der Welt zu und die islamische Kultur steht mit dem Rücken zur Wand. Toynbee nennt zwei mögliche Arten für eine Kultur zu reagieren, wenn sie in einer solchen Situation stände:

  1. Sie adaptiert die Kultur der Eroberer und versucht sie nachzuahmen. Das Negative ist, dass durch die Nachahmung, die eigene Gesellschaft nie so gut werden wird wie die nachgeahmte Gesellschaft.
  2. Sie versucht in die Gesellschaft eine alte nostalgische Struktur einzufügen. Dieser Versuch führt oft zu einem problematischen Austausch mit der Kultur der „Eroberer“ wie auch mit den restlichen Kulturen der Welt und letztendlich zu Versagen und Untergang der Gesellschaft bzw. Kultur.

Als mögliche islamische Gesellschaften, die den zweiten Weg gehen und somit zum Problem für die westliche Kultur werden, nannte Toynbee im Jahr 1947 Saudi Arabien, Jemen und Afghanistan. 

Prognose?

Wie steht es nun mit der Gegenwart? Welche Prognosen können wir für unsere Kulturen erstellen? Um einen eher eurozentrischen Blick zu wagen: Wie steht es mit der abendländischen Kultur? 

So wie Toynbee selbst erklärt, erlaubt sein Zugang zur Geschichte es, bestimme Analogien über mögliche Szenarien zu erstellen. Geschichte verläuft nicht immer nach dem gleichen Schema, deswegen ist die Antwort, die Kulturen auf Herausforderungen geben, enorm wichtig. Nach dem Atomangriff auf Hiroshima plädierte Toynbee für einen Weltstaat mit  Zustimmung aller Regierungen und Länder dieser Welt. Wohlmöglich sah Toynbee darin eine Versicherung für das Weiterbestehen und für den Frieden. Toynbee prognostiziert für die verbleibenden Kulturen entweder eine Verschmelzung aller Kulturen mit der westlichen Kultur oder eine Gründung eines Universalstaates durch die westliche Kultur, der dann mit der Zeit zerfällt.

Viele würden heute vielleicht argumentieren, dass wir uns in der letzten Phase vor dem Zerfall der Kultur befinden. Untermauern würden sie das Argument durch den wachsenden Nationalismus, durch fehlende oder gestrige Antworten auf zukünftige Herausforderungen und durch eine herrschende Minderheit, der es nur um den Machterhalt geht. Auch in einer Kultur, in der Religion, Kunst, Philosophie und andere geistige Wissenschaften an Bedeutung verlieren, bedeutet das laut Toynbee, dass keine Entwicklung und kein Fortschritt mehr erfolgten. 

Hingegen würden andere argumentieren, dass die EU oder die UN eine besondere Art eines Weltstaats seien und immer noch eine Entwicklung in den Geisteswissenschaften bestehe. Kreative Antworten auf zukünftige Fragen seien auch in großer Zahl vorhanden. 

Der Mensch tendiert zu einer Antwort, die ihm schlüssig erscheint, doch wie es in Zukunft mit uns stehen wird, das werden wir vielleicht eines Tages erleben – oder auch nicht. Das Wissen darüber hat nur Gott, wir können allein Analogien für mögliche Szenarien erstellen.

Bildnachweis: http://www.chinastrategies.com/wp-content/uploads/2015/03/ancient-rome-at-its-peak.jpg

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About Author

Studium an der IRPA/KPH-Wien, "Bachelor of Education" in Religionspädagogik

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