Der Vorzeigenationalismus

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Oh Menschen! Wir erschufen euch aus Mann und Weib, und machten euch zu Völkern und Stämmen, damit ihr euch kennet. Der Nobelste unter euch bei Gott ist der mit der meisten Ehrfurcht vor ihm.Gewiss, Gott ist der Wissende, Kenntnisreiche.

Den Nationalismus als Phänomen zu behandeln, ohne auf den Zionismus einzugehen, griffe zu kurz. Die Faszination am israelischen Nationalismus liegt nicht nur darin begründet, dass ihm als Gründungsmythos die Vertreibung aus dem Heimatland, Verfolgung und Genozid und die Rückkehr aus der Diaspora zu Grunde liegt; auch nicht allein im mit dieser Rückkehr verbundenem über 100-jährigen Konflikt, der die Weltöffentlichkeit immer wieder beschäftigt. Das wesentlich Interessantere am israelischen Nationalismus ist aus nationalismuskritischer Sicht die plakative Problematik, die die Identitätsdefinition sowohl innerhalb der jüdischen Bevölkerung Palästinas als auch in Bezug zur ebenfalls national definierten arabischen Bevölkerung generiert. Auf letzteres Problemfeld soll hier in aller Kürze eingegangen werden, da sich dieses prominente Beispiel vorzüglich eignet, die Widersprüche nationalistischer Ein- und Ausgrenzung aufzuzeigen.

Kritik des Nationalismus in „The Invention of the Mizrahim“

Der Anspruch des Zionismus war es, die Diaspora der Juden zu beenden, indem auch die innere Diaspora beendet wurde: alles Östliche wurde für gut befunden, von der Musik bis zur Küche, nichts sollte an die Heimat im europäischen Exil erinnern. Dennoch ist der Staat, den die zionistischen Immigranten gegründet haben, ein moderner, europäischer Staat. Ella Shohat weist in ihrem Essay „The Invention of the Mizrahim” auf diesen paradoxen Gründungsmythos hin: „The paradox of Israel is that it presumed to ‘end a diaspora‘ characterized by ritualistic nostalgia for the East, only to found a state oriented almost exclusively toward the West.”

Doch nicht nur das Denken über Politik wurde aus Europa importiert; mit der israelischen Identität untrennbar verknüpft ist auch die Erfahrung als Opfer von Verfolgung und Genozid, die dann allerdings – in klassisch eurozentrischer Manier – auf alle menschliche Erfahrung und hier speziell auf alle jüdische Erfahrung projiziert wird:

„The notion of the unique, common victimization of all Jews everywhere and to at all times, a crucial underpinning of official Israeli discourse, precludes historical analogies and cultural metonymies, thus producing a Eurocentric reading of ‘Jewish History’, one that hijacks the Jews of Islam from their own geography and subsumes them into the history of the European-Ashkenazi shtetl.”

Dies geschieht durch die selektive Wahrnehmung der Geschichte des Nahen Ostens: Zum einen wird der arabische und muslimische Kontext für die jüdische Identität und Geschichte ignoriert, zum anderen werden arabische Juden unter die geschichtliche Erfahrung der aschkenasischen Juden subsummiert. Letztere Erfahrung wird dominiert durch den Holocaust:

„The master narrative of universal Jewish victimization entailing the claim that the ‘Jewish nation’ faces a common ‘historical enemy’ – the Muslim Arab – requires a double-edged amnesia with regard both to Judeo-Islamic history and to the colonial partition of Palestine. False analogies between the Arabs and Nazis, a symptom of a Jewish-European nightmare projected onto the structurally distinct political dynamics of the Israeli/Palestinian conflict, have become a staple of Zionist rhetoric.”

Die Shohat’sche Amnesie betrifft anderthalb Jahrtausende gemeinsamer Geistes- und Wissenschaftsgeschichte:

„Little mention is made, for example, of the fact that major Sephardi texts in philosophy, linguistics, poetry, and medicine were largely written in Arabic and reflect specific Muslim influences as well as a Jewish-Arab cultural identity.”

Die Befreiung der Aschkenasim von der rassistischen Unterdrückung hatte parallel zur Befreiung der Araber vom Kolonialismus denselben Bezugspunkt: den Nationalismus. Für die Araber hatte dies zur Folge, dass sie sich von ihrem traditionellen, umfassenderen Bezugspunkt hin zu einem enger definierten hinwandten:

„For the Arab Muslim world, liberation from Europe has also marked the end of the overarching Muslim geocultural civilization in which identities and power were defined differently.”

In vorkolonialer Zeit war der Begriff der Nation nicht bekannt, für Araber galt wie für andere Muslime ein eher loses Zusammengehörigkeitsgefühl zu einer durch den Din definierten Gemeinschaft, ähnlich, wie dies auch für orthodoxe Christen, Juden oder Drusen der Fall war. Für die im Nahen Osten lebenden Minderheiten, die zuvor durch islamisch definierte Tabus geschützt waren, war dies folgenreich. Aber es soll in diesem Beitrag nicht um die Probleme des arabischen Nationalismus gehen.

Nationalismus schafft einen Konkurrenzkampf zwischen beliebig abgegrenzten völkischen Entitäten, der unversöhnliche Erzählungen generiert:

„The case of Arab Jews, as a community on the ‘margins’ of opposing nationalisms, also suggests that nationalism itself is never simple. The very concept is contradictory, since nationalism is inevitably the site of competing discourses, a feature that characterizes both Zionist Jewish and Arab nation- alism despite the differences in their historical origins and their opposite relationships to Western colonialism and imperialism.”

Pervertiertes Menschenbild

Freilich basiert das hier plakatierte Paradox auf einem höchst mysanthropen Menschenbild. Ein Menschenbild, das lediglich eine Kooperation von etnisch verwandten Individuen zum Wohle der „eigenen“ Leute voraussetzt. Aus der Geschichte Europas ist die Genesis des Nationalismus nachvollziehbar, schuf er doch eine Ersatzlegitimierung für den modernen Staat, der unabhängig von einer herrschenden Dynastie war: Anstelle der Treue zum Monarchen trat die – eigentlich viel subtilere – Treue zum Volk. Dies funktioniert im Kontext der europäischen Geschichte deshalb gut, da die „Nation“ für den einfachen Staatsbürger recht einfach erkennbar war, ähnlich konkret, wie dies der Kaiser oder der Fürst waren. Ließ die Schärfe der Erkennbarkeit nach, musste „das Andere“ geschaffen werden, die Abgrenzung zu Sprechern anderer Sprachen oder eben die anderer „Rassen“. Für den europäischen Kontext mag dieser Ansatz sogar effektiv gewesen sein, weil er eine Kooperation im Sinne Hararis über Stadtstaats- oder Fürstentumsgrenzen hinweg ermöglichte: Den Preis, einen kleinen Teil der Bevölkerung zu diskriminieren oder gar zu verfolgen, um dadurch eine neue Herrschaft in Form eines modernen Nationalstaats zu legitimieren, zahlte man gerne.

Jedoch pflanzt diese pharaonische Methode des Teilens-und-Herrschens Misstrauen in die Bevölkerung, das Misstrauen in „die anderen“. Menschen als „Wölfe“ des Menschen, als hinterhältig lauernde Raubtiere, die, sobald die Gelegenheit es zulässt, zerfleischend über ihre Artgenossen herfallen. Und nur der Schutz durch die „eigenen Leute“ scheint echten Schutz zu versprechen.

Der göttlich definierte Sinn der Andersartigkeit

Die Funktion der Erschaffung des Menschen in verschiedenen Völkern als Mittel der Erkenntnis wird pervertiert zu einem Mittel der Furcht, zum Machtinstrument der Herrschenden. Dabei legt Allah den Sinn seiner Schöpfung offen dar:

„… und machten euch zu Völkern und Stämmen, damit ihr euch (er-)kennet.“

Wahrnehmung funktioniert in der Feststellung von Unterschieden. Sehen funktioniert, weil wir Konturen abgrenzen können, weil wir Farben unterscheiden können, weil wir Helligkeiten differenzieren können. Hören funktioniert analog in der Wahrnehmung von Unterschieden in Frequenzen und Drücken. Und je markanter Unterschiede in unserem Wahrnehmungsfeld sind, desto mehr wird unser Nervensystem angeregt, desto kreativer können wir denken. Folgerichtig legen viele kreativ Schaffende Wert darauf, aus der Monotonie des Alltags auszubrechen und einen Spaziergang in der Natur zu machen oder einfach ihren Laptop aus dem Büro mitzunehmen, um im Café nebenan weiterzuarbeiten.

Mit dem Erkennen erst kann das Anerkennen passieren. Würden uns keine Unterschiede auffallen, würde kein Prozess im Bewusstsein einsetzen. Das Erkennen von Unterschieden ist also nicht dazu gedacht, diese Unterschiede wertend einzusetzen. Insofern ist Nationalismus eine Perversion, die die Unterschiedlichkeit um der Unterschiedlichkeit willen betont, und nicht, um aus ihr Erkenntnis zu schöpfen.

Zur Diffamierung des Antinationalismus

Aus qur’anischer Sicht ist deshalb der israelische Nationalismus ebenso zu verurteilen wie der arabische. Es ist betrüblich, dass der muslimische Antinationalismus bezogen auf den israelischen Nationalismus vom westlichen Standpunkt mutwillig in sein Gegenteil umdeklariert wird, nämlich zum vermeintlichen Antisemitismus. Umso betrüblicher und schlichtweg paradox ist es, dass der Antisemitismusvorwurf als Mittel zur Definition „des Anderen“, der Muslime, benutzt wird. Aber das ist ja das Paradoxon des Nationalismus: Kein Mensch erwartet sich von dieser identitär begründeten Argumentation Schlüssigkeit.

Bildnachweis:
Michael Phillips/Getty Images

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About Author

Nach seinem Abschluss an der TU-Darmstadt verschlug es Murat Gürol nach Wien, wo er zwischen 2005 und 2008 Islamologie am Islamologischen Institut studierte. Er ist seit 20 Jahren tätig in der Softwarebranche.

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