Die Idee des Kommunismus

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EINE REZENSION

Autor: Tarkan Tek

„Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben (wird). Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.“ Karl Marx und Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie

Der Kommunismus ist eine Idee, die im neunzehnten Jahrhundert in Europa entstand und vom gemeinsamen Eigentum aller ausging. Mit dieser Idee verbinden wir Namen wie Marx und Engels, Lenin, Trotzki, Mao, aber mittlerweile auch wieder viele zeitgenössische Denker, die sich für die Wiedererweckung des Kommunismus einsetzen. In diesem Zusammenhang wurden als praktische Ergänzung zur Theorie auch viele neue kommunistische Parteien gegründet.

Toynbee sagte über den Kommunismus, es sei die „vierte Erlösungsreligion ohne Gott.“1 In den 1980er Jahren begann für diese „Erlösungsreligion“ die Zeit ihrer Zerschlagung und Niederlage, was schließlich im Verlust des größten Teils ihrer Reputation mündete. Nichtsdestotrotz organisierte im Jahre 2009 das Institut für Humanwissenschaft die Konferenz „Die Idee des Kommunismus“, in deren Anschluss ein Buch mit dem gleichnamigen Titel veröffentlicht wurde, das dieser Rezension zugrundeliegt. In dieser Konferenz wurde die Entstehung der sozialen und wirtschaftlichen Krisen in der realen Welt der radikalen, politischen und philosophischen Idee des Kommunismus gegenübergestellt. Es wurde über die Bedeutung und Tragweite dieser Idee nachgedacht und gleichzeitig von zeitgenössischen Kommunisten und Linken über eine kommunistische Zukunft diskutiert. Durch Bemühungen Slavoj Zizeks und Costas Douzinas’ konnten die bei dieser Gelegenheit gesammelten Beiträge in einem Buch herausgegeben werden.

In diesem Buch wird die Auseinandersetzung rund um die kommunistische Hypothese des – meiner Meinung nach – größten lebenden Philosophen Alain Badiou geführt. Nach Badiou sind zunächst und vor allem die Existenz des Kommunismus und die Begriffe, in denen er formuliert wird, wichtig, wobei hier an erster Stelle die sich daraus ergebenden Aufgaben stehen. (vgl. S.26) Die anderen Autoren des Buches versuchen sich von dieser Konzeption Badious mit Begriffen wie Gerechtigkeit, Beteiligung und Gleichheit abzugrenzen. Heute gibt es verschiedene Versionen des Kommunismus. Marx und Engels schrieben das Kommunistische Manifest im Jahre 1848. Natürlich bestehen dabei Unterschiede zu den Programmen der kommunistischen Parteien von heute, doch berühren die kommunistischen Gedanken in vielen Hinsichten weiterhin das bei allen Menschen vorhandene Gerechtigkeitsempfinden.

Das Wort Kommunismus wurde bereits im vierzehnten Jahrhundert im öffentlichen Diskurs verwendet und erinnert an das „Miteinandersein“ und wird vom Wort „gemeinsam“ abgeleitet. Engels definiert bereits den Kommunismus als „die Lehre von den Bedingungen der Befreiung des Proletariats“. (S. 242)

Susan Buck-Morss stellte auf der Konferenz Papiere vor, deren Urheber zwar keine Linken waren, aber eine allgemeine Kritik am westlichen Säkularismus vorbringen und die Notwendigkeit für die Ernährungsfrage betonen. „Wenn wir im sogenannten Westen bei unseren westlichen Geschichten bleiben, zufrieden damit, unsere kritischen Kritiker zu kritisieren oder unsere eigenen verstaubten Denker der Vergangenheit für eine post-säkulare Gegenwart, in der die revolutionäre Kraft der Religion entschärft ist, wieder aufzustellen; wenn wir die fortschriftlichen Momente der heutigen religiösen Autoren- Qutb, Schari`ati und so vieler anderer-, deren politische Aktionen wir versäumt haben zu sehen, die aber objektiv zu unserer Zeit gehören und die in einem unbequemen Sinn unsere Zeitgenossen sind, wenn wir fortfahren, ihr in hohem Maße einflussreiches Werk zu ignorieren, sie auf dem Feld der politischen Vorstellungskraft vernachlässigen, dann erlauben wir es, dass ihr Vermächtnis von all jenen aufgenommen wird, die nur zu begierig sind, es sich für ihre eigenen hegemonialen Projekte anzueignen“. (S. 101)

Während im weiteren Verlauf des Buches Terry Eagleton den Kommunismus als erhaben beschreibt, weil er ikonoklastisch sei, ist nach Zizek aus diesem Grund die Konzentration auf den Kapitalismus entscheidend, „wenn wir die Idee des Kommunismus neu verwirklichen wollen“. (S.262)

Linke Intellektuelle haben die Idee des Kommunismus und die Prozesse seiner Verwirklichung von seiner Entstehung bis heute einer eingehenden Analyse unterzogen, frühere Konzepte kritisiert und empfohlen, die gemachten Erfahrungen für eine zukünftige kommunistische Wiederbelebung fruchtbar zu machen.

Das Buch eröffnet neue Perspektiven, die die Aufmerksamkeit des Lesers auf die kommunistische Idee hinter der geschichtlichen Verwirklichung zu lenken versucht. Die stark philosophische wie geistige Dimension dieser Debatte ist immer noch für einen Nervenkitzel beim Leser gut. Wie Slavoj Zizek in der Abschlussitzung erklärte, müssen wir immer wieder von vorne beginnen, und Anfänge sind immer das Schwierigste.


1 Toynbee, Arnold. Menschheit und Muttererde. Düsseldorf, 1988, S.154

Weiterführende Informationen zum Buch:

Slavoj Zizek / Costas Douzinas
Die Idee Kommunismus
Laika-Verlag, Hamburg, 2012
270 Seiten
ISBN: 978-3-942281-28-7

Tarkan Tek

Politikwissenschaftler, NGO-Mitarbeiter, Studium der Politikwissenschaft an der Universität Wien
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