Die Natur des Kapitalismus

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VON DER TRANSFORMATION EINES BEGRIFFS UND DEREN SPÄTFOLGEN
Autor: Murat Batur

„ […] today, as Fredric Jameson perspicaciously remarked, nobody seriously considers possible alternatives to capitalism any longer, whereas popular imagination is persecuted by the visions of the forthcoming ‚breakdown of nature‘, of the stoppage of all lif e on earth – it seems easier to imagine the ‚end of the world‘ than a far more modest change in the mode of production, as if liberal capitalism is the ‚real‘ that will somehow survive even under conditions of a global ecological catastrophe …“ 1
Slavoj Žižek

Es scheint heute tatsächlich einfacher zu sein, sich den Zusammenbruch der Natur oder das Ende der Welt vorzustellen, als an das Ende des Kapitalismus zu denken. Mit einer relativ kurzen Geschichte von zwei- oder dreihundert Jahren, hat es der Kapitalismus tatsächlich geschafft, in unserer Vorstellung wie eine unentrinnbare Naturgewalt zu erscheinen. In ein paar knapp formulierten, grob skizzierten Ideen, die aber nichtsdestotrotz einen großen Bogen aufspannen, möchte ich zeigen, welche Rolle Begriffe wie Religion, Natur und Wissenschaft damit zu tun haben könnten.

Über Gott und die Welt
Die gängige Vorstellung einer anthropologischen Erklärung des Phänomens „Religion“ erklärt uns, daß bei unseren „menschlichen Vorfahren“ „religiöse“ Handlungen v.a. dabei helfen sollten, die Uneinsichtigkeit in und das Ausgeliefertsein gegenüber „natürlichen Vorgängen“ zu bewältigen. Die Anführungszeichen im vorangegangene Satz sollen schon darauf hinweisen, daß viele Begriffe, die darin vorkommen, eigentlich problematisch sind. In unserer heutigen Vorstellungswelt sind diese Begriffe schon als feste Sinnschichten sedimentiert und erscheinen als vollkommen unproblematisch. Der Begriff Religion, der Begriff Natur, nicht-menschliche Vorfahren und vielleicht damit verbunden, die Vorstellung von der „Menschwerdung“ als Prozess dürften nur eine relativ junge Geschichte aufweisen. Wenn man die Problematisierung dieser Begriffe kurz außer acht läßt, ließe sich diese anthropologisch-funktionale Erzählung ungefähr so weiterspinnen: Die Naturvölker waren den scheinbaren Launen der Natur unterworfen. Da es ihnen nicht möglich war, rationale Erklärungen dafür zu finden, wieso es zB in bestimmten Jahren Dürre und in anderen Fruchtbarkeit gab, mußten göttliche Kräfte am Werk sein und als Erklärungsrahmen herhalten. Das führte dazu, daß man die natürlichen Vorgänge, die der unmittelbare Kontext einer frühen Menschheits-Epoche von Jägern und Sammlern bzw. später einem stark agrarwirtschaftlich geprägten Mittelalter die Menschen umgab, direkt auf die eigenen Sinn- und Handlungsstrukturen bezog. In der Natur erkannte man göttliche Antworten auf die eigenen moralischen Unzulänglichkeiten, Korrekturen für das eigene und das kollektive Handeln.

Diese Vorstellung ist natürlich nur ein vereinfachtes Zerrbild einer tatsächlich komplexeren anthropolgischen Argumentation, die über populärwissenschaftliche Vermittlung heute aber zum Allgemeingut einer gebildeten Schicht zählen kann. Über weitere Instanzen der Wissensvermittlung wird sie nichtsdestotrotz Teil des Erklärungsrahmens von der Welt, in der wir leben – weil sie von dem erzählt, was wir nicht (mehr) sind. Aber woher kommt eigentlich diese Idee?

Wer oder was ist die Natur?
In dem obigen Beispiel der modernen Vorstellung von Religion zeigt sich schon deutlich, daß vor allem auch der Begriff der Natur eine zentrale Rolle spielen muß. Im Menschen- und Weltbild des modernen Menschen scheint die Natur in der Erklärung vormoderner Formen des Lebens eine bedeutende Rolle zu spielen. Während der moderne Mensch immer weiter die Herrschaft über die Natur gewonnen zu haben glaubt, scheint ihm im Kontrast dazu die Dominanz natürlicher Verhältnisse auf vormoderne Formen des Lebens immer plausibler zu werden. Diese Dominanz und die damit verbundene Ohnmacht liefert dem modernen Menschen auch die Erklärung für die prominente Stellung der Religion in vormodernen Verhältnissen.

Die Frühphase des Kapitalismus – gepaart mit dem technischen Fortschritt, die sich gegenseitig begünstigten – ist der Ausgangspunkt der scheinbar exponentiell gesteigerten Herrschaft über die Natur. Es mag sich vielleicht verstiegen anhören, wenn ich behaupte, daß dahinter zuallerst eine Idee steckt. Aber vielleicht hilft die folgende Argumentation, das ein wenig einsichtiger zu machen. Dazu müssen wir in der Neuzeit beginnen: die Transformation des Begriffes Natur steht am Anfang von allem.

„The idea of ‚nature‘ is itself internally transformed. For the representation of the Christian God as being sited quite apart in ‚the supernatural‘ world signals the construction of a secular space that begins to emerge in early modernity. Such a space permits ‚nature‘ to be reconceived as manipulatable material, determinate, homogenous, and subject to mechanical laws. Anything beyond that space is therefore ‚supernatural‘“ 2

Talal Asad verweist in diesem treffend formulierten Absatz, daß die Transformation des Begriffes Natur in der frühen Moderne mit der Verschiebung des Religiösen ins Reich des Übernatürlichen zusammenhängt. Die derart vollzogene Umdeutung der Natur als säkularer Raum hat eine paradoxe Wirkung zur Folge: Einerseits entwertet sie die Natur zu einem kontrollierbaren, manipulierbaren Material, daß schließlich der vollen Wucht kapitalistischer Verwertungslogik anheim fällt. Die Natur wird ihrer mythisch-magischen Aura entkleidet, nackt und auf ihr wesentliche Funktionalität und Brauchbarkeit reduziert. Auf der anderen Seite nimmt die Natur eine immer bedeutendere Rolle in der Erklärung von all dem, was da ist, ein. V.a. die modernen Wissenschaften verhelfen beiden Seiten dieser Paradoxie zu anfänglich ungeahnten Ausmaßen. Sie „entzaubern“ mythische Vorstellungen von einem Kosmos, in der alles Teil einer Schöpfung ist, in der Sinn und Bedeutung in dieser Schöpfung gesucht werden und in der ein Schöpfer durch das Instrument natürlicher Vorgänge mit den Menschen kommuniziert – die „Natur“ als Beweis und Zeichen Gottes. Dieser Schöpfer wird ersetzt durch den eigentlich noch abstrakteren Begriff der Natur. Die Natur nimmt die Rolle eines Akteurs ein, der schafft und zerstört, leben und sterben läßt – die Strukturen diesen Handelns sind rational erklärbar und werden auch deshalb im Sozialdarwinismus und – wie wir weiter unten sehen werden – im biopolitischen Paradigma von Regieren sogar zum Vorbild für menschliches Handeln.
Welche Veränderungen die Neudefiniton von Religion in Kontrast zur Natur, oder die Trennung von Natürlichem und Übernatürlichen, mit sich gebracht haben, läßt sich an einem Beispiel illustrieren, das Grame Smith in seiner herausragenden Arbeit gibt:

„The important role that religion played in ancient and medieval society was technological. It was by no means the only role it played, but it was highly significant. An example from history illustrates what I mean. Science’s greatest public success has been in the field of health care. Prior to science, Christianity was the most effective medical remedy for illness and disease.“3

Die „technologische“ Funktion der Religion wird größtenteils ersetzt, da die Wissenschaft viel effektivere technologische Funktionen anbieten konnte. Die Aura dieses Erfolges sollte die Wissenschaft dazu bewegen, auch als neuer sinn- und bedeutungstiftender Diskurs zu agieren und die Religion konsequenterweise auch auf dieser Ebene zu verdrängen, wenn auch mit mäßigem Erfolg: „Science is functionally superior to religion and provides better explanations of the working of nature and human life. However, science has not so far developed an adequate ethical system. Hence in the field of ethics it has not been able to displace Christianity.“4

Das ist auch eines der Gründe, daß die Säkularisierungsthese auch in den westlichen Gesellschaften großteils verworfen werden musste. Aber vor allem auf der ideologischen Ebene konkurriert die Wissenschaft erfolgreich mit der Religion:

„Science today effectively does compete with religion, insofar as it serves two properly ideological needs, those for hope and those for censorship, which were traditionally taken care of by religion. […] We are talking about the way science functions as a social force, as an ideological institution: at this level, its function is to provide certainty, to be a point of reference on which one can rely, and to provide hope. New technological inventions will help us fight disease, prolong life, and so on. […]The ‚worldless’ character of capitalism is linked to this hegemonic role of the scientific discourse in modernity.“5

Die Wissenschaft mag vielleicht kein gesellschaftlich „adäquates ethisches System“ ausgebildet haben. Sie hat aber die noch wichtigere ideologische Funktion der Religion übernommen: Bestimmung der Rahmenbedingungen des öffentlichen Diskurses, Schaffung eines neuen Wahrheitsregimes, Gewährleistung von Sicherheit, Projektion von Hoffnung…
Im politischen Bereich hat die Wissenschaft infoge ihrer Neudefintion von Natur eine noch tiefgreifendere Veränderung vorgenommen, in deren Mitte wir uns derzeit noch immer befinden: die Art und Weise, wie wir regiert werden.

Die Biologie ist politisch!
Der Kapitalismus ist nicht isoliert entstanden. In seiner Ursprungsgeographie, dem Westen, ist die Ausbildung des Kapitalismus als gesellschaftlich-ökonomische Organisationsform ein Prozess, indem auch die politische Regierungsform des Liberalismus und die politische Gemeinschaft der Nation als Bevölkerung entsteht. Alle drei Konzepte waren – und sind – treibende Kraft und Produkt dieser Verschiebungen zugleich.
Die damit verbundene kapitalistische Steigerung der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion und das damit stetig wachsende medizinische und wissenschaftliche Wissen führten dazu, daß das einst politisch-rechtlich verstandene Gebilde der Bevölkerung ersetzt wird durch eine biologische definierte Bevölkerung, oder besser: Population.
Eine neue Art zu regieren entsteht mit der Entwicklung liberaler Führungstechniken und ist gepaart mit der Ausbildung des modernen Rassismus: die Biopolitik. Man kann sie als eine ideologische Konstellation verstehen, in der v.a. die Normalitätskonzepte der Human- und Naturwissenschaften die Strukturen und Ziele politischen Handelns bestimmen.Michel Foucault, der diesen theoretischen Zugang zuerst formuliert hat, beschreibt die Änderung in den politischen Machtstrukturen wie folgt dar:
„Diesseits dieser großen absoluten, dramatischen und dunklen Macht der Souveränität, die darin bestand, sterben zu machen, tritt jetzt mit dieser Technologie der Biomacht, dieser Technologie der Macht über ‚die’ Bevölkerung als solche, über den Menschen als Lebewesen, eine dauerhafte und gelehrte Macht hervor: die Macht, ‚leben zu machen’. Die Souveränität machte sterben und ließ leben. Nun tritt eine Macht in Erscheinung, die ich als Regulierungsmacht bezeichnen würde und die im Gegenteil darin besteht, leben zu machen und sterben zu lassen.“6
Während die alte Form der Souveränität durch Entzug von Gütern, Produkten, Diensten und im äußersten Fall des Lebens „abschöpft“, kommt in der neuen Form der Souveränität, der Biomacht also, das neue Ziel dazu, das Leben zu verwalten, zu sichern, zu entwickeln und zu bewirtschaften. Die Bevölkerung als biologische Entität tritt in Erscheinung. Ein Gesellschaftskörper mit Geburten- und Sterberate, Gesundheitsniveau, Lebensdauer, einer Produktion von Reichtümern und deren Zirkulation. Nicht Disziplinierung und Dressur sondern Regulierung und Kontrolle sind zentrale Instrumente dieser neuen Technologie von Macht. Es gibt keine Grenzlinie mehr, die Feinde von gehorsamen Untertanen unterscheiden würde; es gibt vielmehr nurmehr eine Norm, um die herum Subjekte angeordnet werden. Das souveräne Recht über den Tod bleibt zwar, wird aber der Macht für die Sicherung, Entwicklung und Verwaltung des Lebens untergeordnet. Anstelle des historisch-politischen Themas des Krieges, in der Siege oder Niederlagen eine Rolle spielten, tritt das evolutionär-biologische Modell des Kampfes um das Leben hervor. Hier sieht man deutlich, welche weitreichenden Folgen die ursprüngliche Verschiebung in der Definition von Natur gezeitigt haben muss, falls die hier von mir angenommene Verkettung tatsächlich zutrifft.
Doch die Natur hier bezeichnet nicht die „gottgewollte“ oder geschaffene Natur, sondern die Vorstellung einer Naturalität der sich entwickelnden bürgerlichen Gesellschaft. Der Liberalismus führt damit eine neue Rationalität des Regierens ein: Nicht das Paradigma des Rechts, sondern das Modell des Marktes und der freien Zirkulation von Waren und Menschen steht im Vordergrund. Letztere stellen eben die Naturalität der bürgerlichen Gesellschaft dar. Das Regierungshandeln soll dann in Einklang mit den Gesetzen dieser Naturalität sein, die es ja aber eigentlich selbst konstituiert hat. Ein Zirkelschluß, der ganz hilfreich ist, wenn alles so bleiben soll, wie es ist.

Wer darf leben?
Vielleicht ist es hilfreich, hier nocheinmal den Bogen zusammenzufassen, den wir aufgespannt haben: Die Entstehung der Unterscheidung zwischen Übernatürlichem und Natürlichem bedingt die Ausbildung separierter Bereiche der Religion und der Wissenschaft. Die Wissenschaft hegemonisiert den Bereich des öffentlichen Diskurses und ersetzt damit die wesentlichen technologischen und ideologischen Funktionen der Religion. Die Wissenschaft verbindet sich einerseits mit einer kapitalistischen Verwertungslogik, die Natur und Mensch gleichermaßen ausbeutet und andererseits mit einer liberalen Regierungsform, die den politisch-rechtlichen Begriff der Bevölkerung zu einer quasi-natürlichen Kategorie erhebt bzw. degradiert und daraus eine biologische Entität macht.

Was folgt daraus? Der liberale, kapitalistische Nationalstaat ist derzeit die politische Organisationsform, die in den westlichen Gesellschaften noch immer dominant ist.7 Der Kapitalismus bewegt sich zwar hin zu erneuerten Formen, die nationale Grenzen überschreiten und lokale Regierungen übergehen, doch die biopolitischen Machtstrukturen scheinen auch auf globaler Ebene noch immer am Werk zu sein: Die Formel „Leben machen und sterben lassen“ zeigt das rassistische Paradigma dieser Regierungsform auf, die heute auf der globalen Ebene am deutlichsten zu spüren ist. Diese Form der Macht konzentriert sich auf die Frage, wessen Leben erhalten werden und wer dem Sterben überlassen werden soll. Sie entscheidet, welches Leben lebenswert ist und welches nicht. Sie entscheidet, wer auf das nackte Leben reduziert wird, und wer die Erlaubnis zur politischen Existenz erhält – auch und v.a. auf globaler Ebene.


1 Slavoj Žižek (ed.). Mapping Ideology. London, NewYork. 1994. S.1
2 Talal Asad. Formations of the Secular. Christianity, Islam, Modernity. Stanford. 2003. S.27
3 Graeme Smith. A Short History of Secularism. London, New York. 2008. S.38
4 ebd., S.41
5 Slavoj Žižek. Violence – Six Sideways Reflections. New York. 2008. S.81f
6 Michel Foucault. In Verteidigung der Gesellschaft. Frankfurt am Main. 2001. S.291
7 Die gesamte Analyse bezog sich auf westliche Gesellschaftsformationen, und hat koloniale, globale Einflüße der Einfachheit halber ausgeblendet.

Mag. Murat Batur

Soziologe, lebt und arbeitet in Wien

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