Die Sprache als Schlüssel

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Um eine andere Kultur, Religion oder ein Volk kennen zu lernen, ist dafür die Sprache vermutlich der einzige Weg. Das Hebräische ist eine solche Sprache, sie zu erlernen verschafft zwischen dem Lernenden und dem Gelernten die Möglichkeit, in einer anderen geistigen Welt zu wandern.
Mehmet Kücükerdogan

Die hebraische Sprache gehort der semitischen Sprachfamilie an, „semitisch“ soll von A. L. Schlozer nach Genesis 10,1 ff. seit dem Ende des 18. Jh. n. Chr. gepragt worden sein. Der Begriff soll sich auf Sprachen, nicht aber auf ein Volkstum, eine Rasse oder Kultur beziehen. Es ist vielmehr eine Sprachgemeinschaft bzw. Sprachverwandtschaft untereinander, die sich in Flexion, Laut, Formbildung, Syntax und im Wortschatz widerspiegelt. Das Semitische wird in zwei grose Sprachgruppen gegliedert: Ostsemitisch und Westsemitisch. Ostsemitisch wird in Akkadisch und das wiederum in Babylonisch und Assyrisch unterteilt. Das Westsemitische wird in Nordwestsemitisch und Sudwestsemitisch gegliedert. Im Sudwestsemitischen gibt es das Nordarabische, das Sudarabische und das Abessinische. Dem Nordwestsemitischen wird das Kanaanaische und das Aramaische zugeordnet. Fur das Kanaanaische lasst sich eine weitere Untergliederung in drei Gruppen erkennen: Ugaritisch der Nordkanaanaischen, Phonikisch und Punisch der Mittelkanaanaischen und Moabitisch, Edomitisch, Ammonitisch schlieslich das hebraische der Sudkanaanaischen.

Die Geschichte der hebräischen Sprache
In seiner geschichtlichen Entwicklung wird das Hebraische in Althebraisch, Mittelhebraisch, Neuhebraisch und Modernhebraisch eingeteilt. Das Althebraische ist die Sprache des Alten Testaments, sie soll zwischen 1100 und 100 v. Chr. vorgeherrscht haben. Zum Althebraischen zahlen aber unter anderem auch einige nicht biblische Texte, wie der Bauernkalender aus Geser (10. Jh. v. Chr.), die Tontafeln und Scherben aus Samaria (8. Jh. v. Chr.) oder die Siloa-Inschrift aus Jerusalem (7. Jh. v. Chr.). Desweiteren sind die Texte der Qumran-Handschriften am Toten Meer bzw. Schriftrollen zwischen dem 6. Jh. bis zum 1. Jh v. Chr. ein Beispiel dafur. Die Entdeckung der Schriftrollen am Toten Meer seit 1947, ist eine der wichtigsten Entdeckungen der Wissenschaftsgeschichte, sowohl fur das Judentum als auch fur das Christentum. Es umfasst ca. 800 Dokumente aus elf verschiedenen Hohlen der judischen Wuste, darunter sind Fragmente von fast allen Buchern des Alten Testaments, Bibelkommentaren, Hymnen, sowie ethischen und politischen Schriften.

Das Mittelhebraische (ca. 2. Jh. v. Chr. bis 3. Jh. n. Chr.) ist die Sprache der rabbinischen Literatur. Bis zur nachexilischer Zeit war das Aramaische die Handels- und Diplomatensprache im Orient. Anknupfend an diese Zeit bildet sich allmahlich das Mittelhebraische heraus. Es sind vor allem die Schriften der Rabbiner, die die Erlauterungen und Kommentare zu den biblischen Buchern darstellen, wie Mischna, Midraschim und Tosefta. Das Neuhebraische ist die Sprache der judischen Philosophen des Mittelalters vom 7. Jh. n. Chr. bis zum 20. Jh. n. Chr. In der Blutezeit des Islams gewinnt die arabische Sprache zunehmend an Gewicht, es ubernimmt die Vorherrschaft im Orient. Dies fuhrte dazu, dass das Hebraisch neu belebt wurde, den entscheidenden Anteil daran hatte womoglich der grose Theologe und Philosoph Maimonides (1135-1204). Yehuda ha-Levi soll im Hebraischen die von Gott ausgezeichnete Sprache gesehen haben. Fur ihn sollen die im Exil lebenden Juden und ihre Zweisprachigkeit einen kulturellen Gewinn gebracht haben. Bei Maimonides hingegen, soll das Gefuhl des Verlustes geherrscht haben. Die Mehrsprachigkeit der Juden im Exildasein soll zum Verfall der eigenen Sprache gefuhrt haben. Zu Beginn des 20. Jh. und unter zionistischem Einfluss wurde das Neuhebraische wieder entdeckt. Ivrit bezeichnet man heute das in Israel gesprochene Modernhebraisch, es ist aber vor allem Eliezer Ben Jehuda zu verdanken, der 1889 in Jerusalem den „Rat der hebraischen Sprache“ mit dem Ziel gegrundet hatte, die Sprache wiederzubeleben. Ab dem Jahr 1953 wurde der „Rat“ durch die Akademie fur die Hebraische Sprache ersetzt, es ist die oberste Institution fur die Hebraische Sprache.

Judeo-Arabisch
Ein Beispiel der Mehrsprachigkeit im Mittelalter ist unter anderem das Judeo-arabische. Nach Esther-Miriam Wagner soll judeo-arabisch eine Art der arabischen Sprachform sein, welche von Juden gebraucht wurde, um sich von der verwendeten Sprache der Muslime und Christen unterscheiden zu konnen. Eine der wichtigsten Sammlungen zu diesem Bereich ist die Taylor- Schechter Kairo Geniza-Sammlung. Die Taylor-Schechter Kairo Geniza-Sammlung in der Cambridge University Library, ist die weltweit groste und wichtigste Einzelsammlung von mittelalterlichen judischen Handschriften. Uber tausend Jahre legte die judische Gemeinde von Fustat (Alt-Kairo) ihre abgenutzten Bucher und andere Schriften in einem Lagerraum (Geniza) der Ben Ezra Synagoge ab. Um 1896-97 kam der Gelehrte Dr. Solomon Schechter, mit finanzieller Hilfe vom Master of St Johns College, Charles Taylor, um sie zu untersuchen. Er soll die Erlaubnis der judischen Gemeinde in Agypten gehabt haben, um die Handschriften mitnehmen zu konnen. Er brachte 193.000 Handschriften nach Cambridge, die heute die Taylor-Schechter Kairo Geniza-Sammlung bilden. Bei einem dieser Exemplare in der Taylor-Schechter Kairo Geniza-Sammlung, handelt es sich um die Signatur T-S Ar.51.62; Qur’an, Suras 1 und 2, in hebraischer Transliteration.


Baker, F. Colin und Pollack, Meira: Arabic and Judeo-Arabic Manuscripts in the Cambridge Geniza Collections, Arabic old Series (T-S Ar.1a-54), Cambridge 2001.
Blau, Joshua: The Emergence and Linguistic Background of Judeo- Arabic, Oxford 1965.
Decter, P. Jonathan und Rand, Michael: Studies in Arabic and Hebrew Letters, New-Jersey 2007.
Korner, Jutta: Hebraische Studiengrammatik, Leipzig 1988.
Schatz, Andrea: Sprache in der Zerstreuung. Die Sakularisierung des Hebraischen im 18. Jahrhundert, Gottingen 2009.
Wagner, Esther-Miriam: Linguistic variety of Judeo-Arabic in letters from the Cairo genizah, Leiden-Boston 2010.

Prof. Dr. Mehmet Özdemir

Professur für islamische Geschichte und Künste an der Theologischen Fakultät der Universität Ankara

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