Education of a Revolutionary

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Welche Zutaten braucht man, um erfolgreich einen Revolutionär heranzubilden? Im Jahrzehnt gescheiterter Revolutionen und eines immer unverhohlener auftretenden neokolonialistischen Gebahrens mag sich ein genauerer Blick auf einen der intellektuellen Vordenker zur Befreiung der kolonisierten Länder lohnen.

Schariati bewertet in seiner Erziehung eines Revolutionärs – zu seiner Zeit gängige – Ideologien und geistige Strömungen nach dem, wie sie die Aspekte Erkenntnis, Freiheit und Gerechtigkeit ansprechen.

Das Streben nach Erkenntnis ist das, was für Schariati das Menschsein ausmacht, die ureigene Kraft, die Leidenschaft, die den Menschen von anderen Geschöpfen unterscheide und ihn bis hin zur Stufe der „göttlichen Stellvertreterschaft“ hebe (siehe unten). Mit dem 19. Jahrhundert sei für ihn das Streben nach Erkenntnis verkümmert, verursacht vor allem durch das Monopol der etablierten Religionen, welche die bestehende gesellschaftliche Ungerechtigkeit rationalisierten, statt dem Feuer nach Erkenntnis Nahrung zu geben.

Entsprechend entstehe der Marxismus aus dem Grundbedürfnis nach Gerechtigkeit. In seiner Rigorosität, eine klassenfreie Gesellschaft zu schaffen, übersehe dieser jedoch nicht nur den Faktor des Strebens nach Erkenntnis, er schaffe zudem gleichzeitig eine Staatsgläubigkeit, die sich bis hin zum Personenkult entwickle, wo die Mitglieder des Zentralkomitees unhinterfragt die Geschicke des Volks bestimmten. Damit gerate der Marxismus letztendlich auch nicht nur in Konflikt mit dem Freiheitsstreben der menschlichen Seele, er bereite ebenso die Grundlage für den Kult am anderen Menschen, den schirk.

Im Existentialismus schließlich sieht Schariati die Blüte des Menschen hinsichtlich seiner Freiheitsliebe: keine religiös begründeten Einschränkungen, keine ideologischen Fesseln, keine moralischen Richtlinien begrenzten das Fühlen und Handeln des Menschen. Diese Freiheit ermögliche ein größtmögliches Nebeneinander gegensätzlicher Lebensweisen. Und in dieser uneingeschränkten Freiheit sieht er auch das Problem liegen, könne doch der Existentialismus keine Maßstäbe für richtig und falsch liefern, keine Bewertung für gerecht und ungerecht. Und nur das Vorhandensein der göttlichen Essenz im Menschen bedinge den Verzicht auf Freiheiten zu Gunsten der Rechte anderer.

Leitfaden für Revolutionäre

Gefragt nach der geistigen Nahrung, die zur bestmöglichen Erziehung eines jungen Menschen zu einem Revolutionär beitrage, empfiehlt er auch folgerichtig die Werke von Feuerbach, Marx, Sartre. Nachdem aber all diesen das „Feuer der Erkenntnis“ fehle, sieht er – und hier verweist er auf Iqbal, den geistigen Gründervater eines muslimischen Indiens – die Lektüre von Rumis Diwan als unerlässliche Zutat an.

Gleichwohl nimmt er auch die gesellschaftliche Zurückgezogenheit der sufischen Lebensweise nicht von seiner Kritik aus: Die Marx’sche Kritik an den etablierten Religionen teilt Schariati uneingeschränkt, lieferten sie dem Volk doch das Opium, das ihm die Existenz halbwegs erträglich mache, jedoch zur Realität der irdischen Existenz schwiegen. Ein individuelles Aufgehen im Nirvana göttlicher Erkenntnisleidenschaft ohne Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen bewertet er als Flucht, die im schlimmsten Fall dazu führe, dass diese Selbstausgrenzung eben in der Usurpation durch die Mächtigen münde – ein Mit-Füßen-Treten der anderen beiden höchsten menschlichen Grundgefühle.

Wichtigste Voraussetzung für die Erziehung ist für ihn das Ziel der Erziehung, welches durch die Wahl der angemessenen Ideologie gegeben sei. Daher sei vor der Beschäftigung mit Methoden und Formen die Festlegung der Ideologie unerlässlich. Andernfalls laufe der Revolutionär Gefahr, nur zu einem Nachahmer von Ideen zu werden, die andere für ihn ausgewählt hätten – eine Furcht, die er mit vielen anderen muslimischen Denkern teilt. Die Wahl der Ziele sieht er durch den Verlauf der Geschichte manifestiert anhand der menschlichen Entwicklung entlang der drei angeführten Dimensionen: die Reifung entlang der Erkenntnisachse, die Entwicklung entlang der Befreiung von Klassengrenzen und der Grad an persönlicher Freiheit.

Zu letzterem sei die Beschäftigung mit den Gefängnissen, die den Menschen umgeben, unerlässlich:

  • Das Gefängis der Natur, überwindbar durch das Verständnis der Naturgesetze.
  • Das Gefängnis der Geschichte, welches mit der Offenlegung geschichtlicher Mechanismen zu überwinden sei.
  • Das Gefängnis der Gesellschaft, nur zu überwinden durch eine Ideologie der Befreiung der Klassen.
  • Das Gefängnis des Selbst, welches sich – einmal von seinen niedrigen Trieben befreit – zu seiner eigentlichen Essenz mit wirklicher Wahlfreiheit entwickelt.

Nur eine Ideologie, welche die drei Aspekte Erkenntnis, Gerechtigkeit und wirkliche Freiheit angemessen bediene, könne langfristig und nachhaltig wirken. Und hier überträgt er die Verantwortung an eine alidische Intelligenzia, die einen Ali zum Prototyp nimmt, der gerecht wie Marx, frei wie Sartre und in seiner Hingabe ein Buddha sei.

Parallelen – Divergenzen

Schariatis Denken entstand in einer Zeit, in der nicht nur die Kolonien gegen ihre Herren aufbegehrten, sondern auch in der Zeit der großen Konfrontation der Ideologien. Entsprechend kennzeichnet auch das Denken über Ideologien Schariatis Herangehensweise: eine islamische (lies: alidische) Ideologie der Befreiung. Nicht im entferntesten abzusehen waren der Siegeszug des Kapitalismus und Fukuyamas Theorie vom „Ende der Geschichte“ noch auch die Irrelevanz Sartres in zukünftigen Generationen. Die ökologische Bewegung war noch im Keimen begriffen, und die Vernetztheit der Menschen des 21. Jahrhunderts wäre nicht einmal Isaac Asimov in den Sinn gekommen.

Ideologien sind heute tot. Und doch hat sich aus Sicht der global Unterdrückten nicht viel geändert: der Kampf der Ideologien mag damals zwar auch zu Lagerbildungen geführt haben, für die einfachen Menschen waren republikanische Präsidenten gleichermaßen wie absolute Monarchen Statthalter der globalen Mächte – so, wie sie es heute noch sind. In der Zwischenzeit mag in Europa der Mensch freier, Frauen besser gestellt oder die Umweltverschmutzung zurückgedrängt worden sein: diese Fragen betreffen jedoch nicht den Kern der Problematik der globalen Unterschicht, es sind bestenfalls importierte, scholastische Gedankengänge, die nicht nur nicht zur Lösung ihrer eigenen Freiheitsfrage beitragen, sondern dieser im Weg stehen, da sie von der schariati’schen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und der damit verbundenen Entwicklung einer eigenen, unabhängigen Geistesgeschichte ablenken.

Dies mag der Grund sein, warum heute im Iran eine Rückbesinnung auf die eigene Geschichte und Identität stärker im Vordergund steht; eine Rückbesinnung, die vor dem Hintergrund der Verteidigung der nationalen Freiheit und des eigenen Weges nachvollziehbar ist, sich aber mit dieser Geschichte nicht kritisch auseinandersetzt, sondern sich immer mehr in einen iranischen Nationalismus versteigert. Die nie vollständig aus der Gesellschaft des Landes verdrängte, von Schariati vielgescholtene schwarze Schi’a kommt somit vollends zum Durchbruch.

Auch kulturräumlich betrachtet scheint Schariatis Denken stärker der westlichen Geistesgeschichte verbunden als einer genuin alidischen: Zwar stellt er dem Konzept des Fortschritts dasjenige der Vervollkommnung gegenüber; das qur’anische Prinzip, dass jedes Individuum, jedes Volk und jede Zivilisation ein Ablaufdatum hat, dass nachfolgende Völker die Erde von ihren Vorgängern erben – das steht sowohl der These des Fortschritts als auch der Idee der Vervollkommnung diametral entgegen. Und genau das ist auch die primäre Bedeutung von khalifa: ein sterbliches Geschöpf, das seinen Vorgängern nachfolgt, jede Generation aufs Neue geprüft, jedesmal mit der Chance, die gleichen Fehler seiner Vorgänger zu wiederholen oder es besser zu machen. Fußen tut Schariatis Vervollkommnungsgedanke freilich auf der schiitischen Vorstellung von khalifa als Statthalterschaft des Menschen auf Erden, die auch von einer sunnitischen Minderheit geteilt wird. Für Schariati im Speziellen eine fortschreitende – oder sich immer weiter vervollkommnende – Entwicklung hin zu mehr Erkenntnis, mehr Gerechtigkeit und auch mehr Emanzipation von Zwängen, auch derjenigen durch die Natur. Spätestens hier jedoch muten Schariatis Vorstellungen vom Menschen, der Herr über die Natur wird, an wie ein aufklärerischer Gärtner, der der Natur – in Erweiterung der christlichen Stellvertreterschaft des Menschen auf Erden – seinen menschlichen Willen aufzwängt; „Zurück zur Natur“ spielte für Schariati wohl ebensowenig eine Rolle wie die Problematisierung anthropogenen Klimawandels.

Auch arbeitet Schariati mit dem Begriff religio. Während der islamische din viel weiter ist und in welchem Spiritualität und Riten fast nebensächliche Konzepte sind, weist Schariati der Religion nur in der Dimension der Erkenntnis eine Rolle zu, auch wenn er Wert legt auf die soziale Verantwortlichkeit religiöser Rollenbilder. Die eigentliche Herstellung der Gerechtigkeit überlässt er dem klassenkämpferischen Ansatz, dem er lediglich den Geist und die Führung durch die Erkenntnisleidenschaft hinzufügt, genau wie er sie dem Existentialismus als Korrektiv dazugibt. Dadurch unterscheidet er sich von anderen modernen muslimischen Denkern, wie z.B. von Qutb, der zwar auch für eine Rückbesinnung auf die ursprünglichen Werte plädiert, im Gegensatz dazu aber auch die Mittel ausschließlich in der muslimischen Geistesgeschichte verortet. (Mit Qutb und ebenso der damaligen PLO teilt er darüber hinaus auch die Vorstellung einer trotzkistisch entlehnten Kaderbildung.)

Schariatis Handbuch zum Revolutionär ist aus heutiger Sicht zu zeit- und ortsspezifisch und – trotz seines Bewusstseins über die Befangenheit durch Geschichte und Kultur – Gefangener auch eines sehr speziellen Blickwinkels.

Erfrischend an Schariati ist, dass er unverblümt die geistige und kulturelle Grundlage für einen Umsturz plant und diesen langfristig durch ein orientierendes Gremium oder eine alidische Intelligenzia auf Kurs halten will. Das Unrecht muss weg! Das ist absolute Prämisse, kein Spekulieren auf inkrementelle Verbesserungen durch inkrementell besser Regierende. Auch heute entladen sich spontan revolutionäre Donnerwetter in französischen Vorstädten, wenn der Schraubstock der Steuerbelastungen zu fest angezogen wird, jedoch ohne die langfristige intellektuelle Vorbereitung und ohne Ziel und immer schnell bereit, Kompromisse einzugehen in der Hoffnung auf Linderungen. Vielleicht fehlt einfach nur die Überzeugung, dass carthaginem delendam esse und sich grundlegend etwas ändern muss, und die von ihr angetriebene, zielgerichtete denkerische Arbeit, vorhandene gesellschaftliche Komponenten zu analysieren und ideologisch zu verheiraten? Ein Ansatz jedenfalls, der in der Lage ist, ein positiv formuliertes Gegenmodell zu erzeugen statt einfach nur wütend zu rebellieren.

Bildnachweis: The Express Tribune

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About Author

Nach seinem Abschluss an der TU-Darmstadt verschlug es Murat Gürol nach Wien, wo er zwischen 2005 und 2008 Islamologie am Islamologischen Institut studierte. Er ist seit 20 Jahren tätig in der Softwarebranche.

1 Kommentar

  1. Maria Meister on

    Leserbrief zu Schariati ‚Wie erzieht man …?‘

    Zunächst möchte ich betonen, dass ich den Artikel Gürols über den ‚alten‘ Schariati mit Vergnügen gelesen habe. Denn er hat mich auch daran erinnert, wie ich vor über 30 Jahren seine Veröffentlichungen zu verschiedenen Themen (z. B. Ja, so war es Bruder u.v.a.) geradezu verschlungen habe. Inzwischen ist zwar schon einiges Wasser auch die Donau hinabgeflossen, aber die Frage ist berechtigt, ob uns Schariati auch heute noch etwas zu sagen hat. Er gilt nicht zufällig als ein ideologischer Wegbereiter der ‚’Islamischen Revolution‘, auch wenn sie sowohl theoretisch als auch praktisch weit über ihn hinausgeschritten ist.
    Der Autor des Artikels ‚Wie erzieht man einen Revolutionär‘ nimmt wohl an, dass Schariati nicht nur von historischer Bedeutung ist, sondern auch heute noch ‚erzieherische‘ Wirkung auf rebellische Muslime ausüben kann. Aber dazu ist es wohl nötig, ihn gründlicher zu hinterfragen, als es dieser Autor tut. Aufgrund seiner eher fragmentarischen islamischen Ausbildung ist Schariati in seiner ‚Revolutionstheorie‘ ziemlich synkretistisch geprägt, nimmt also auch Anleihen bei meist nichtmuslimischen europäischen Autoren, selbst wenn er sie kritisch beleuchtet, wie wir auch bei Gürol erfahren. Doch die Kritik scheint mir zu wenig in die Tiefe zu gehen, auch wenn ich das hier nur andeuten kann, vor allem was die Frage Führung einer Bewegung und eines islamischen Staates betrifft. So fehlt bei Schariati eine gründliche Auseinandersetzung mit der islamischen Ideologie des Wilaya und die Führungsbefugnis des Waliy-ul-Faqih. Ohne sie wäre die Islamische Revolution angesichts der vielen gewaltigen Belastungen und Angriffen seit dem Jahr 1979 längst gescheitert. (Einen der vielen Beweise lieferte auch der sog. Arabische Frühling‘, besonders in Ägypten, wobei sich u. a. vor allem die Führungsfrage als wichtige Achillesferse erwies und zur Niederlage führte).
    Mit dem kritischen Hinweis auf den Schariati-Begriff der ‚Schwarzen Schia‘ meint Gürol anscheinend den persischen Nationalismus, dem die Islamische Revolution im Iran inzwischen in die Hände gefallen und ausgeliefert sei. Abgesehen von der fragwürdigen Rezeption und Anwendung dieses Begriffs übersieht Gürol, dass gerade die islamische Führung des Wali-ul-Faqih die unbestreitbare Gefahr des Nationalismus im Iran in Grenzen hält und seine Stärkung verhindert. Denn gerade die ‚persischen‘ Nationalisten, die wie alle ihre geistigen Brüder natürlich auch an politischer Engstirnigkeit und chauvinistischer Überheblichkeit leiden, versuchen immer wieder, die islamische Revolution auf den Iran zu reduzieren und sich in politischer Verblendung trotz so vieler negativer Erfahrungen mit Amerika und Israel bzw. dem internationalen Zionismus zu arrangieren, wenn nicht unterzuordnen. Doch gerade der entschlossene Widerstand des islamischen Iran gegen diese gefährlichsten Feinde der Menschheit und seine permanente Unterstützung hat dem palästinensischen Kampf nicht nur einen entscheidenden Auftrieb verliehen und sein Überleben gesichert, sondern erst recht auch dem vereinten imperialistisch-zionistisch-wahabitischen Angriff auf Syrien und den Irak eine vernichtende Niederlage bereitet und die sog. internationale Achse des Widerstandes vom Libanon bis nach Jemen zu einer relevanten politisch-militärischen Kraft gemacht.
    Dass die internationale Medienmafia dagegen natürlich auch in Europa Gift und Galle spukt ist nicht verwunderlich, dass aber auch viele Muslime auf die feindselige Manipulation hineinfallen, ist wohl vor allem mit nationalistisch oder konfessionalistisch blinden Denkmustern zu erklären, soweit nicht einfach die Ölmilliarden der Golfstaaten eine ausschlaggebende Rolle spielen. Vor allem die saudische Despotie hat sich inzwischen durch ihre offene Komplizenschaft mit der US-Regierung (vor allem seit Trump) und Israel auf derart ekelhafte Weise entlarvt, dass sich auch hartgesottene Dogmatiker nicht mehr mit ihr gemein machen können.
    Nach all dem bleibt also die Frage: Wozu ist noch heute Schariati gut? Trotz aller Zeitgebundenheit beeindruckt noch immer die Leidenschaft, Überzeugungskraft und sprachlich-literarische Qualität seiner für globale Gerechtigkeit und Freiheit eintretenden Schriften, die sogar in den Übersetzungen spürbar ist. Bei allen theoretischen und ideologischen Mängeln ist zu hoffen, dass seine engagierten Ausführungen auch heute noch kritisch und revolutionär gesinnte Jugendliche wie Erwachsene anspornen, sich auf die genuinen islamischen Werte zu besinnen und sich beharrlich auch selbst zu erziehen, wie er es etwa in seiner berühmten Schrift ‚Fatima ist Fatima‘ zum Ausdruck bringt. So kann er vielleicht besonders Mädchen und Frauen ob innerhalb oder außerhalb des Irans animieren, sich nicht mit dem status quo abzufinden, sondern einen ‚fatimidischen‘ statt einen feministischen Widerstand zu leisten und beim Bemühen bei der Durchsetzung der zweiten Phase der islamischen Revolution führend mitzuwirken.

    Mag. Maria Meister

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