Fuat Sezgin – Ein Leben für die Wissenschaft

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Autor: Ömer Faruk Bağ

Es ist tatsächlich schwierig, das Leben und Werk eines großen Orientalisten und Wissenschaftshistorikers in ein paar Zeilen zusammenzufassen. Der hier unternommene Versuch soll nur andeutungsweise das darstellen, wofür ein ganzes Leben voller Wendungen vonnöten war. Dieses Leben beginnt am 24. Oktober 1924 in Bitlis, einer in der südöstlichen Türkei angesiedelten Provinz. Dort kommt Fuat Sezgin zur Welt. Nachdem er die Grundschule in Doğubayezıt, die Unterund Oberstufe eines Gymnasiums in Erzurum besucht, kommt er – ursprünglich interessiert an der Mathematik und mit dem Ziel Ingenieur zu werden – 1943 nach Istanbul. Seine Studienziele sollte er radikal verändern, als er – dem Ratschlag eines Verwandten folgend – ein Seminar am Institut für Orientalistik besucht, welches von einem der besten Kenner dieses Gebiets gehalten wird: dem deutschen Orientalisten Helmut Ritter (1892 – 1971). Geradezu verzaubert vom Auftreten Ritters geht er bereits am nächsten Tag ins Institut, um sich für das Studium der Orientalistik zu inskribieren. Weder die abgelaufene Anmeldefrist, noch die Warnungen Ritters vor den Schwierigkeiten eines derartigen Studiums können Sezgin von seinem einmal gefassten Entschluss abbringen.

Als 1943 aufgrund des Vorstoßes deutscher Truppen bis nach Bulgarien in der Türkei die Lehrveranstaltungen an den Universitäten für sechs Monate eingestellt werden, erhalten Fuat Sezgin und seine überschaubare Anzahl an Kameraden von ihrem Lehrer Ritter die Gelegenheit, sich zu beweisen; Ritter fordert Sezgin auf, diese große Pause dafür zu nutzen, Arabisch zu lernen. Die dreißigbändige Koranexegese (Tafsīr) des Dscharīr at-Tabarī (gest. 310/923) mit türkischen Auslegungen des Korans vergleichend, arbeitet Fuat Sezgin sechs Monate lang täglich 17 Stunden durch und beherrscht am Ende die arabische Sprache souverän genug, um das komplizierte Werk lesen zu können, als wäre es eine Tageszeitung. Als Helmut Ritter ihm das Iḥyāʾʿulūm ad-dīn des Abū Hāmid al-Ghazālī (gest. 505/1111) vorlegt und Fuat Sezgin es mit Leichtigkeit liest, freut sich der Orientalist und weist seinem im Spracherwerb offensichtlich talentierten Schüler an, jedes Jahr eine Sprache zu erlernen. Dieses Arbeitstempo sollte Sezgin bis ins hohe Lebensalter beibehalten.

Ab dem dritten Semester nehmen sich Ritter und Sezgin mehr und mehr Zeit, um sich in Archiven mit den Originalmanuskripten der muslimischen Gelehrten auseinanderzusetzen. In dieser Zeit studiert Fuat Sezgin Carl Brockelmanns (1868-1956) fünfbändige „Geschichte der Arabischen Literatur“ und stellte in diesem Werk Lücken und Fehler fest. Nach seiner Abschlussarbeit „Bedi’ ilminin tekamülü“ 1947 fertigt er 1951 unter Betreuung Helmut Ritters seine Disstertation über Abu Ubayda Mamer Ibnu’l-Musenna’s (gest. 210/825) philologische Koranexegese „Medschazu’l-Qur’an“ an. In diesem Zeitraum übersetzt er auch Dr. Muhammed ul-Bediy’s Werk zur islamischen Philosophie, welches 1948 unter dem Titel „İslam Düşüncesinin İlahi Tarafı“ publiziert wird. Während seiner Forschungen für die Dissertation bemerkt er, dass Muhammad al-Buchārī (194/810 256/870) in seiner Sammlung der Hadithe Stellen aus dem „Medschazu’l-Qur’an“ zitiert oder sie gekürzt wiedergab.1 Dass al-Buchārī auch aus schriftlichen Quellen übernahm, widersprach der bis dahin von Orientalisten entworfenen und gelehrten Vorstellung von Hadithen, dass die Werke

er Gelehrten ausschließlich mündlich tradierte Überlieferungen vom Propheten (F.s.m.I.) beinhalten, oder sogar selbstformulierte Aussagen Muhammad zuschrieben. Fuat Sezgin geht der Sache nach und veröffentlicht 1956 an der Universität Ankara seine Habilitationsschrift mit dem Titel „Buhari‘nin Kaynakları Hakkında Araştırmalar“ (Studien über die Quellen al-Buchārīs), worin er die o.g. gängige These widerlegt und beweist, dass sich al-Buchārī auf schriftliche Quellen stützt. In den nächsten Jahren widmet er seine Arbeit wieder seinem Vorhaben, Brockelmanns Werk zu verbessern. Bald muss er jedoch einsehen, dass die geplante Nachschrift hierzu nicht ausreichen wird. Sezgin setzte sich daraufhin das Ziel, das Buch basierend auf allen weltweit erreichbaren Manuskripten neu zu schreiben und läßt sich auch von den Einwänden Helmut Ritters erneut nicht entmutigen. 1960 muss Sezgin seine Studien außerhalb der Türkei weiterführen, nachdem er erfährt, dass er einer der 147 Dozenten ist, die von den Putschisten aus den Universitäten verbannt werden. Hilflos und bekümmert verließ Sezgin also seine Heimat und setzte seine Studien und Lehrtätigkeiten an den Universitäten Marburg und Frankfurt fort. Im Institut für Geschichte der Naturwissenschaften der Universität Frankfurt verfasst Sezgin 1965 eine weitere Habilitationsschrift über Ǧābir ibn Ḥayyān (gest. 200/815) und erhält ein Jahr später eine Professur. Im selben Jahr heiratet er die Orientalistin Ursula Sezgin. Seine Tochter Hilal Sezgin sollte 1970 aus dieser Ehe hervorgehen.

Im Jahre 1967 schafft er es, den ersten Band einer Schriftenreihe zu veröffentlichen, die schließlich im heutigen Standardwerk „Geschichte des Arabischen Schrifttums“ über 15 Bände umfasst, wobei zwei weitere Bände noch in Vorbereitung sind. Ein umfassendes Lebenswerk also, das u.a. folgende Schwerpunkten in den Einzelbänden aufweist: Qurʾān-wissenschaften, Ḥadīṭh, Geschichte, Fiqh, Dogmatik, Mystik, Poesie, Medizin, Pharmazie, Zoologie, Tierheilkunde, Alchimie, Chemie, Botanik, Agrikultur, Mathematik, Astronomie, Astrologie, Meteorologie und Verwandtes, Lexikographie, Grammatik (jeweils bis ca. 430 Jahre nach der Hidschra), Mathematische Geographie und Kartographie im Islam und ihr Fortleben im Abendland (umfasst vier Bände), Anthropogeographie (umfasst zwei Bände: Gesamt- und Ländergeographie, Stadt- und Regionalgeographie und Topographie, geographische Lexika, Kosmographie, Kosmologie, Reiseberichte). Ein wissenschaftliches Komitee, welches aus über zehn Mitarbeiter in verschiedenen Ländern besteht und wie Sezgin auch daran interessiert ist, Brockelmanns Buch zu erweitern, läßt sich nach der Studie des ersten Bandes von Sezgins Werk überzeugen. Das Komitee entscheidet sich, diese Sache Sezgin zu überlassen und löst sich 1967 auf. Nachdem Fuat Sezgin im selben Jahr ein Exemplar des ersten Bandes an seinen Lehrer Ritter nach Istanbul verschickt, um seine wertvolle Meinung zu erfahren, gratuliert der altgediente Orientalist seinem Schüler und sichert ihm zu, dass dies eine Leistung sei, die zuvor von niemandem erbracht werden konnte und dass das auch nach ihm so bleiben werde.2

Nachdem 1978 Fuat Sezgin der König-Faisal-Preis für Islamwissenschaften verliehen wurde, nutzte er das erworbene Geld und Ansehen, um 1981 eine Stiftung zu gründen, die später das gleichnamige Institut finanziell absichern sollte. Am 18. Mai 1982 eröffnet er also das Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, welches er bis heute leitet. Hier startet er zahlreiche Publikations-projekte, die das Ziel haben, „die gängige abwertende Vorstellung von den etwa achthundert Jahre lang im arabisch-islamischen Kulturkreis verwirklichten Leistungen so weit wie möglich zu revidieren“3 und die ihr „zukommende Stellung in der universalen Geschichte der Wissenschaften in Forschung und Lehre bekannt zu machen.“4 In diesem Sinne folgt er auch dem deutschen Physiker Eilhard Wiedemann (1852-1928), der als erster fünf im arabisch-islamischen Kulturkreis benutzte Instrumente nachbaut. Das Museum des Instituts verfügt heute über mehr als 800 wissenschaftlich-technische Ausstellungsstücke, (Apparaturen, Geräte und Vorrichtungen) die in der islamischen Zivilisation benutzt, weiterentwickelt oder erfunden wurden. Der fünfbändige Katalog über die Nachbauten in den Gebieten Astronomie, Zeitbestimmung, Physik, Geometrie, Optik, Geographie, Chemie, Nautik, Medizin, Architektur, Kriegstechnik und Mineralogie, welcher mittlerweile auch auf Englisch, Französisch und Türkisch erhältlich ist, erschien 2003 unter dem Titel „Wissenschaft und Technik im Islam“. Der Katalog zu den Musikinstrumenten wurde schon im Jahre 2000 veröffentlicht. Am 26. Mai 2008 wurde unter der Leitung von Fuat Sezgin auch das „Museum für Geschichte der Wissenschaft und Technik im Islam“ in Istanbul mit der Unterstützung der türkischen Regierung eröffnet, welches sich im Gülhane Park, im ehemaligen Marstall des „Topkapı Sarayı“ befindet und auf einer größeren Fläche einen einladenden Anblick auf die Exponate des Instituts darbietet. Darüber hinaus ist in Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emirate ein weiteres Museum im Aufbau, welches wieder seitens der regionalen Verwaltung gefördert wird.

Prof. Dr. Fuat Sezgin wurde mehrfach mit renommierten Preisen und Verdienstkreuzen ausgezeichnet, ist Mitglied verschiedener internationaler Akademien und die Bücher, die er herausgegeben hat, umfassen bereits knapp 2000 Bände. Auch nach seiner Emeritierung setzt Sezgin seine Arbeit noch unermüdet fort und versucht weiterhin die „dunklen“ Bereiche der Geschichte zu beleuchten.


1 Fazlıoğlu, İhsan (Hrsg.). Türk Bilim Tarihi, İstanbul: Bilim ve Sanat Vakfı, 2004, S. 357.
2 Bilimler Tarihçisi Fuat Sezgin, Konuşan Sefer Turan, Istanbul: Timaş, 2010, S. 17
3 Sezgin, Fuat. Wissenschaft und Technik im Islam; Bd. 1: Einführung in die Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften, Frankfurt am Main. Inst. für Geschichte der Arab.-Islamischen Wiss., 2003, S. IX.
4 Gründungsziele, http://web.uni-frankfurt.de/fb13/igaiw/geschichte/ geschichte.html[Stand:15.Sept.2013]

Ömer Faruk Bağ

Studium der Mathematik an der Universität Wien
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