Formung der Identität

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IDEEN ZUR ASUWIRKUNG VON ARCHITEKTUR NACH HASSAN FATHY
Autor Christine Schmelter

“A house is like a shell, which is the result of the reaction of living tissue to calcium carbonates precipitated naturally into a spiral form.”
Hassan Fathy

Dieses Zitat gibt einen Eindruck von den Einflüssen die Fathy im Prozess der Konzipierung eines Gebäudes oder sogar einer Stadt berücksichtigt. Er ist sich bewusst, dass Architektur das Resultat eines lebenden Organismus – sei es ein einzelner Mensch oder mehrere Individuen die als eine Generation zusammen gefasst werden können – ist, und in ihr alle Einflüsse des Individuums und der Kultur die auf ihn einwirken sichtbar werden. Im Rahmen der Frage von Identität ist es interessant Fathy‘s Aufsatz „What is a City?“ zu lesen, da er die Wichtigkeit der Berücksichtigung eines Individuums im Prozess der Städteplanung oder Hausgestaltung beschreibt und darstellt welche negativen Folgen entstehen, wenn man seinen kulturellen Hintergrund und damit seine Identität vernachlässigt. Er beschreibt die zunehmende Adaption westlicher Architektur im arabischen Raum und die dadurch entstehende Vernachlässigung der eigenen architektonischen Stile und Entwicklungen die – ihm zufolge – nicht nur ästhetisch den Charakter der Kultur wiedergeben sondern auch wichtige architektonische Elemente beinhalten, die sich an die geografischen und klimatischen Bedingungen des Kulturraumes über mehrere Generationen hinweg angepasst haben.[1] In diesem Aufsatz über Architektur wird die Relevanz der eigenen Identität innerhalb einer Kultur aufgezeigt, was sich auch auf andere Bereiche des Lebens anwenden lässt

Hassan Fathy (1900 – 1989) war schon zu seiner Zeit ein international anerkannter Architekt – und ist es auch noch nach seinem Tode-, der, angelehnt an den Titel seiner Publikation, auch als „Architekt für die Armen“ bezeichnet wird. Er unterrichtete lange Zeit an der University of Fine Arts in Kairo, wo er auch die Leitung der Fakultät für Architektur übernahm. Er war an vielen Bauprojekten im Rahmen der Vereinten Nationen für Saudi Arabien beteiligt und erhielt für seine Anstrengungen in der Architektur die Nachhaltigkeit und lokale Gegebenheiten zu berücksichtigen, den Aga Khan Preis für Architektur verliehen. Hassan Fathy hatte unter anderem großes Interesse an Musik und Humanismus, welcher den Hintergrund für die Herangehensweise in seiner Planung darstellt. Sein Ziel, Tradition mit Fortschritt zu verbinden um einen ausgeglichenes, dynamisches und für die jeweilige Kultur repräsentatives Stadterlebnis zu kreieren, erreicht er durch eine feinfühlige Analyse von unterschiedlichen Faktoren, die berücksichtigt werden müssen. Er sieht die Stadt, in der man lebt, als eine kulturelle, soziale und wirtschaftliche Form im Raum, und um dieser Form eine Harmonie verleihen zu können, hat man als Architekt die Verantwortung sowohl die greifbaren wie auch die ungreifbaren (psychologischen, emotionalen) Aspekte zu berücksichtigen und sie zum Vorschein zu bringen. Der Architekt hat die Verantwortung dafür, wohin er eine Tür, ein Fenster oder sogar eine ganze Straße verlegt, da dies beeinträchtigt, wie sich das Individuum künftig verhalten muss in seinem alltäglichen Leben.

Diese Verantwortung wurde in früherer Zeit von jedem Hausherrn selber übernommen, da er eine Vorstellung des idealen Wohnraums hatte und in der Beratung mit einem Muallim die Möglichkeiten für die Umsetzung abschätzen musste.[1]Der Hausherr beriet sich dann mit dem Muallim und den jeweiligen Handwerkern, die zur damaligen Zeit als Künstler bezeichnet wurden, die das Glas, den Boden, die Mashrabiya oder die Türen des Hauses fertigen würden. Die Handwerker hatten so eine Vorstellung von den Wünschen des Hausherrn und konnten diese innerhalb ihrer Kunst interpretieren. Das entstehende Haus war also das Ergebnis einer direkten Kommunikation des Individuums mit den jeweiligen Handwerkern, die seine Vorstellung in ihrer Kunst interpretierten, und somit von Hausherr zu Hausherr unterschiedlich. Diese direkte Kommunikation wird durch den Beruf des Architekten unterbunden.

Der Architekt legt seinen Entwurf vor und muss diesen verteidigen um seinen Status als Künstler zu konstituieren. Somit ist die Entscheidung, was als schön oder unschön empfunden wird, vollkommen bei ihm und bezieht die Wünsche und die Ästhetik des Kunden nur zu seinem Verständnis mit ein. Diese Einschränkung der Individualität der Gebäude wird erweitert durch die westliche Orientierung in den Universitäten. Durch die zunehmende Adaption von ästhetischen Prinzipien aus dem Westen, die als fortschrittlich und international gelten, werden neue Bauformen übernommen, die vielleicht in dem Land in dem sie entwickelt wurden eine natürliche Folge der dort vorhandenen Architektur und deswegen sinnvoll in ihrer Anwendung sind, aber keineswegs etwa in einem ganz anderen Kulturraum.

Wie schon beschrieben, empfindet Fathy Architektur als ein Ergebnis von Generationen die an einem geografischen Ort gelebt und sich die klimatischen Bedingungen zu eigen gemacht haben. So ist der Einfluss auf arabische Architektur ganz eindeutig die Wüste. Die Architektur eines traditionellen arabischen Wohnhauses beinhaltet einen Innenhof, der mit Pflanzen und teilweise sogar mit einem Brunnen ausgestattet ist. Dies fördert die Luftzirkulation innerhalb des Gebäudes und sorgt für eine ständige natürliche Kühlung der Innenräume. Dies ist nur eine von weiteren ausgeklügelten Mechanismen, die für eine angenehme Temperierung des Innenraumes sorgen. Zusätzlich bietet der Innenraum einen Ort der Ruhe und Besinnung. Jedes Haus hat einen eigenen Teil des Himmels, der in der arabischen Kultur als lebensspendende Kraft empfunden wird. Diese Bedingungen werden natürlich nicht berücksichtigt in einem Architektenbüro aus anderen klimatischen Gefilden und kulturellen Bedingungen.

Hinzu kommt, dass durch den Trend zur Simplizität der dekorative Aspekt der Gebäude im arabischen Raum verloren geht, der ein wichtiger Teil der Kunst ist. Wie schon beschrieben sind viele Handwerke in die Gestaltung eines Gebäudes mit eingebunden, die einen wichtigen Teil der Kunstproduktion ausmachten und nun als Handwerk vor ihrem Ende stehen, da es keine Nachfrage mehr gibt. Diese Handwerkskunst ist aber unter anderem deshalb so wichtig, weil sie als ein Ausdrucksort für Kunst und Kultur gilt. Diese Entwicklung von hochwertigen architektonischen Elementen ist zurückzuführen auf die islamische Religion, in der figurative Darstellungen als blasphemisch empfunden und dementsprechend unterbunden wurden. – Künstler suchten sich andere Ausdrucksformen wie etwa Kalligraphie oder Architektur, anstatt etwa Malerei.

Durch die Übernahme dieser Simplizität in Bauten kommt es zu einer Monotonie in der Stadt. Diese Monotonie wird deutlich, wenn man Architektur und Wahrnehmung mit Musik vergleicht. Man nimmt zuerst alles vereinzelt wahr. Note für Note, Gebäude für Gebäude, um erst im Nachhinein ein Gesamtbild der Komposition bzw. der Stadt zu erhalten. Er betont deswegen die Wichtigkeit einer kontinuierlichen kulturellen Entwicklung.

Fathy, der betont, dass er keine anti-westliche Position einnimmt, will auf die Komplexität von Architektur und ihren Einflüssen aufmerksam machen und warnt vor einer Vernachlässigung der eigenen Kultur im naiven Prozess der Imitation, eine Sache, die er schlimmer findet als eine Übernahme von politischen Werten.

Er betont die Relevanz eines Bewusstseins der kulturellen Identität und bemerkt, dass nicht alles was neu ist unbedingt besser ist, oder wie Dante Alighieri es beschreibt, dass alles was „jetzt“ genannt wird, nicht wert ist überhaupt alt zu werden. Es dauert seine Identität zu finden und dies passiert nicht immer auf dem schnellsten Weg, aber auf dem Weg sieht man Dinge, die andere Leute nicht sehen, und das macht das Ergebnis so einzigartig. Sei es ein Gebäude, eine Kultur oder ein Mensch. Wenn man seine Identität negiert entsteht ein Vakuum und wenn dieses Vakuum mit fremden Elementen gefüllt wird die unpassend sind verbaut man sich die Möglichkeit die Ausdrucksformen seiner eigenen Kultur zur Anwendung zu bringen.

„How with this rage can beauty hold a plea Whose action is not stronger Than a flower.”


[1] Hassan Fathy, „What is a city?“, 1967, S. 123.
[2] Er bezieht sich hierbei hauptsächlich auf Ägypten, Syrien, Irak und Iran.
[3] Im Text beschrieben als der „Master builder“

Christine Schmelter

Studium der Kunstgeschichte und Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien

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