Habe die Ehre

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Das Interview führte Ibrahim Yavuz

Ibrahim Amir ist ein Kurde aus Syrien und wurde 1984 in Aleppo geboren. Er studierte Theater- und Medienwissenschaft an der Universität Aleppo. Nachdem ihm die Fortsetzung seines Studiums nach drei Semestern aus politischen Gründen nicht mehr möglich war, kam er 2002 nach Wien, wo er das Studium der Medizin aufnahm und es 2012 erfolgreich abgeschlossen hat.

2009 wurde Ibrahim Amir mit dem exil-Literaturpreis „schreiben zwischen den kulturen“ für die Kurzgeschichte „In jener Nacht schlief sie tief“ ausgezeichnet (Abdruck in der Anthologie: Preistexte 09, edition exil, Wien 2009). Im Rahmen seiner Tätigkeit als Autor bei den WIENER WORTSTAETTEN seit 2010/11 entstand sein erstes Theaterstück „Habe die Ehre“, welches im Jänner 2013 im Theater Nestroyhof Hamakom uraufgeführt wurde .

Nun ist dein erstes Bühnenstück vorbei. Welches Feedback kam bisher vom Publikum und was waren die interessantesten Rückmeldungen?
Die Rückmeldungen waren ziemlich positiv, dennoch gab es da und dort Kritik, die ich nicht unbedingt als Kritik nennen will. Aber es sind doch interessante Meinungen gewesen, wie z.B.: „Warum hast du in aller Welt dieses Thema dir ausgesucht? Die Ehre. Es gibt doch andere Themen, über die du schreiben könntest. Die Ehre ist eine rote Linie, darüber wird nicht diskutiert!“ Oder wie eine andere Stimme sagte: „Also ich finde es nicht ok von dir Geld zu verdienen, indem du die Ehre verspottest“ – hier meinte er, dass ich vom Theater Geld verdiene! Darüber konnte ich nur lachen.

Eine interessante Kritik hat mich allerdings berührt und zwar wie es mir dabei geht, wenn jemand, die oder der ein Opfer vom Ehrenmord ist, sich mein Stück anschauen würde. Sie oder er würde es bestimmt nicht so lustig finden, wie die anderen im Saal!

Hier möchte ich darauf hinweisen, dass das Stück keine Komödie im herkömmlichen Sinne ist. Und ich mache mich nicht darüber lustig, nein im Gegenteil. Wer das Stück gesehen hat, weiß, dass es um einen harten, schweren Stoff geht und die ersten 30 Minuten gibt es nichts zum Lachen. Das ist ja gerade das Reizende an diesem Stück, dass man trotz der Härte des Themas noch lachen kann.

Du hast eine sehr pfiffige und vulgäre Art bei deinen Dialogen. Gibt es einen bestimmten Grund dafür?
Das ist richtig. Die Figuren sind in den meisten meiner -wenigen- Werke impulsiv und auch vulgär. Darüber kann ich nur sagen: Das ist eine Art, die Frustration der Figuren und deren Ängste zu zeigen. Und außerdem ist dieses auch eine Frage des Stils, den ich übernommen habe. Brutal, Vulgär und irgendwo komisch. So sind meine Figuren.

Hattest du dieses Stück schon länger geplant oder gab es für dich einen bestimmten Anlass?
Naja, ein Stück habe ich nicht groß geplant, aber das Thema „die Ehre“ hat mich sehr lange beschäftigt. Ich wollte mich damit beim Schreiben auseinandersetzen. Glaub mir, es hat lange gedauert, bis ich mich entschieden habe darüber zu schreiben. Ich komme aus einer Gesellschaft, wo die Ehre als die Hauptwertvorstellung gilt. Da erst einmal raus zu kommen und dann zu reflektieren, ist sehr schwer. Ich würde lügen wenn ich behaupten würde, dass ich jetzt ganz objektiv darüber denken kann. Ein Teil bleibt immer noch schwer zu erforschen, denn es hängt immer noch irgendwo fest. Aber es ist nun mal so; die Selbstreflexion ist ein langjähriger Prozess.

Die Dialoge der Polizisten in deinem Stück sind sehr interessant. Möchtest du damit etwas bestimmtes über die Beamten in Wien sagen? Wie empfindest du persönlich die „Staatsgewalt des Gastlandes“?
Ich habe hier die Erfahrung gemacht, dass sie -die Beamten- es immer besser wissen und wehe, man versucht sie was zu lehren. Und wie die Polizisten mit Immigranten umgehen? Das ist selbstverständlich individuell. Man kann jetzt nicht verallgemeinern. Aber sie, wie die meisten, sind gegenüber „Fremden“ sehr skeptisch und haben ihre eigenen Vorstellungen.

Wie kommst du mit der Konstellation als Arzt und Schriftsteller klar?
Also jede Konstellation mit dem Arztberuf ist notwendig. Denn es ist ein Beruf, der einen sehr schnell überbelasten kann. Die Medizin und das Arztsein verlangen viel Disziplin, Schriftstellersein und das Schreiben hingegen verlangen viel Phantasie und Inspiration. Die Konstellation zwischen den beiden Tätigkeiten ist herrlich aber auch sehr mühsam. Denn die beiden Berufe verlangen von einem eine enorme Energie. Ich versuche das Beste daraus zu machen.

Gibt es bestimmte Menschen und Orte, die dich inspirieren?
Also die meisten Menschen können für mich inspirierend sein, denn ich höre gerne zu, was sie zu sagen haben. Und, glaub mir, bei jedem von uns ist irgendwo eine Geschichte, die bühnenreif ist. Es gibt keinen bestimmten Ort, der mich besonders inspiriert, aber eine Stadt wie Wien ist eine inspirierende Stadt mit großem Stil.

Du kommst aus Aleppo. Die Situation dort ist immer noch relativ unsicher und ich weiß, dass deine Familie noch dort lebt. Wie kommst du damit klar?
Ich verdränge es so gut wie möglich. Das klingt vielleicht ein wenig komisch, aber wenn man nichts machen kann, dann verdrängt man es auch. Ich hoffe, dass die Situation in Syrien sich verbessert und der Krieg aufhört, denn es reicht jetzt! Es sind mittlerweile mehr als siebzigtausend Menschen, die gestorben sind, Hunderttausende inhaftierte und Millionen Flüchtlinge. Es muss endlich aufhören.

Meinst du, du hast ein neues Genre kreiert: die sogenannte „Parallelgesellschaftskomödie“?
Das sollten lieber die Zuschauer und die Kritiker beurteilen.

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