Jerusalem. Eine Zitadelle der Festung namens Israel

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Text und Bilder von Martina Lukacova

“Because even after fifty-six years of independent sovereignty, still the earth trembles beneath Israel’s feet. Israel has not yet managed to establish among its citizens the sense that this place is their home. They may feel that Israel is their fortress, but still not truly their home.”
David Grossman, Writing in the Dark: Essays on Literature and Politics (2008)

So lauten die Worte des israelischen Schriftstellers David Grossman, dessen Bücher von der Idee ausgehen, dass zwischen Juden und Muslimen Frieden und Verständnis herrschen kann. Er ist einer der wenigen, der die Zwei-Staaten-Lösung im langdauernden Israel-Palästina- Konflikt unterstützt. Der Staat Israel kann wirklich mit einer Festung mit festen Regeln verglichen werden und Jerusalem kann in dem Fall ihre Zitadelle sein. Diese Hauptstadt ist laut aktuellen Forschungen die ärmste und die menschenreichste im jüdischen Land, wo aber die glücklichsten Leute leben1. Die Tätigkeiten, an denen sie sich schon gewöhnt haben, bereiten für Besucher oder Touristen erstmal einen kulturellen Schock. Man bekommt das Gefühl, dass hier einfach etwas nicht stimmt, dass die Bewohner ihre Zitadelle sorgfältig verteidigen und nur mit Schwierigkeiten „erobern“ lassen.

Was kann man also an einem Tag, sagen wir Freitag, bei der Besichtigung der heiligen Metropole erleben? Die Mehrheit der Besucher kommen mit einem Bus an. Von dem Hauptbusbahnhof aus fährt eine moderne und vollklimatisierte Straßenbahn. Eine Stimme im Lautsprecher kündigt Namen der Haltestellen in drei Sprachen an – Hebräisch, Arabisch, Englisch. Drinnen gibt es gewöhnlich nicht viele freie Sitzplätze. Einer langhaarigen Blondine gelingt es doch, einen Sitzplatz zu finden. Neben einem alten Mann, offensichtlich einem Juden, der seine Zeitung liest. Sobald sich die Blondine neben ihn setzt, wendet er sein böses Gesicht zu ihr und zeigt mit verärgerten Handgesten, dass sie neben ihm nicht erwünscht ist. Und das, obwohl sie vom Hals bis zu den Füßen komplett „bedeckt“ ist. Wo liegt wohl das Problem? Die Haare ohne Kopftuch? Das ausländische Aussehen? Sie steht auf und wechselt den Platz mit einem anderen Mann. Willkommen in der heiligen Stadt! Auch alle Straßen sind in diesen drei Sprachen erkennbar. An der ersten Stelle steht immer Hebräisch. Diese Tatsache spiegelt sich in der Struktur der ca. 815 000 Einwohner wider. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung liegt bei 63 %, der arabische Anteil bei 37 % und da der Anteil von Christen bzw. anderen Religionen so eine geringe Rolle spielt, dass dieser meistens mit der jüdischen Bevölkerung mitgezählt wird1. Der Geist der Geschichte herrscht überall. Hohe Stadtmauern kreisen das historische Zentrum ein, das aus vier Hauptvierteln ( judisches, christliches, armenisches und muslimisches) besteht.

Wir treten gerade in die Mitte der christlichen Gassen ein. Die Gläubigen sind in ihren göttlichen Gedanken so versunken, dass sie kaum einen Behälter in der Nähe des Haupteingangs der Grabeskirche bemerken können. Es dient zur Deaktivierung der Bomben. Jemand sagt, „ich fühle mich sicher oder soll ich mich bedroht fühlen, weil die Gefahr ständig present ist?“ Übrigens, die Grabeskirche, der heiligste Ort des Christentums, ist für alle ohne Kontrollen zugänglich – doch die Juden treten nicht hinein. Die Klagemauer, der heiligste Ort des Judentums, ist auch für alle zugänglich, wenn man alle Sicherheitskontrollen, Metalldetektoren und Röntgenstrahlen durchgeht – doch Muslime sind hier kaum zu finden. Am Tempelberg, dem dritten heiligsten Ort des Islams, muss man in einer langen Schlange stehen. Eine Inschrift mahnt die Juden, die ihren Glauben ernst nehmen, dass ihnen der Zutritt zum Tempelberg verboten ist – hier wiederum trifft man gar keine Juden. Und den Christen ist es nur erlaubt, gewisse Tore als Eingang zu benutzen (natürlich nicht ohne Sicherheitskontrollen). Zudem gilt, dass der Zutritt nur bis zu den Türen der Al-Aksa Moschee und des Felsendoms gestattet ist, hinein dürfen nur diejenigen, die an Allah glauben. Die prächtige Schönheit der Al-Aksa bleibt für Christen also für immer verborgen. Bei den Wanderungen durch die Gassen begegnet man den orthodoxen Jüdinnen, die ausschließlich schwarze Kleidung und Kopftuch tragen. Die nicht-orthodoxen unterscheiden sich von den europäischen Mädchen im Aussehen gar nicht. Doch es gibt eine Ausnahme: Militärangehörige, Soldatinnen, die statt Handtaschen und Stöckelschuhen Armeeschuhe und Waffen tragen. Ihre Weiblichkeit lässt sich nur durch die langen offenen Haare erkennen, ihr Interesse für die Mode zeigen sie durch berühmte Sonnenbrillenmarken. „Sie sehen so jung aus, sind sie schon 18?“ fragt man sich. Na ja, die Wehrpflicht ist nicht nur für Männer, sondern auch für die Frauen ab 18 obligatorisch. Doch immer mehr friedenliebende junge Menschen wählen die Möglichkeit, einen Zivildienst zu leisten. Von den historischen Mauern aus kann man einen Blick auf Ostjerusalem werfen. Dort leben die „Anderen“, die Muslime, das heißt die Palästinenser. Ihre Amtsgebäude, die Häuser und hauptsächlich auch Schulen werden durch bewaffnete Soldaten überwacht.

Am selben Tag schaffen wir es auch, einen Ausflug nach Bethlehem zu unternehmen. Die Stadt gehört zu Palästina. Diese Tatsache schließt die Möglichkeit aus, einen jüdischen Taxifahrer zu mieten. Die bessere Wahl ist also der Bus. An den Grenzen, oder besser gesagt Kontrollpunkten, müssen alle aussteigen, der Bus muss leer bleiben und danach eine Passkontrolle und dann wieder hinein. Auf dem Weg springen uns die israelischen Sperranlagen ins Augen – eine 759 Kilometer lange Absperrung entlang der Grenzen zwischen Israel und Palästina. Hinter dieser sind die Palästinenser eingeschlossen. Diejenigen, die für ein unabhängiges Palästina kämpfen und als „Terroristen“ bezeichnet werden. Dort findet man auch Flüchtlingscamps, wohin die Taxifahrer eine Exkursion für Interessenten anbieten. In Bethlehem erregen nicht die Sehenswürdigkeiten die Aufmerksamkeit, sondern wieder Soldaten und diesmal palästinensische, die ca. alle zehn Meter auf einer Straße stehen und auf ein „Hallo“ nett antworten. Auf der Rückfahrt wird der Bus angehalten, ist wohl etwas Schwerwiegendes passiert? Keineswegs. Nur eine normale Kontrolle. Die Ausländer drehen sich unsicher um, mit Millionen Fragen in den Augen, während die Heimischen ruhig sitzen und warten, bis die israelischen Soldaten und Soldatinnen ihre Verpflichtung durchgeführt haben. Die arroganten Blicke gehören dazu. Man muss sich etwas Respekt verdienen.

Sobald die Sonne untergeht, stirbt im jüdischen Viertel das Leben aus. Sogar alle Busse des Landes beenden ihre Fahrten knapp vor Sonnenuntergang. Der heilige Abend – Shabat – fängt an und beherrscht alles. Wenn man Hilfe braucht, ist das nicht der richtige Zeitpunkt. Eine Frau hatte ihre Jacke in einem anderen Bus vergessen. Sie wendet sich an den Fahrer, er hat es aber eilig, das Fundamtbüro ist geschlossen, die Telefonnumern funktionieren nicht. Sie muss bis Samstagabend warten oder sich einfach für immer von der Jacke verabschieden. Die Geschäfte schließen, die Angestellten verlassen ihren Arbeitsplatz, der Verkehr wird ruhig. Alle gläubigen Juden ziehen ihre religiösen Symbole an und beeilen sich, in eine Synagoge zu kommen. Ein paar Schritte weiter weg und die Situation ist ganz anders – im muslimischen Viertel hört das Leben nicht auf, die Verkäufer laden in die Geschäfte ein, die Restaurants ziehen die Kunden mit angenehmen Gerüchen an. Wenn der Tag fast vorbei ist, bleibt man doch nicht hungrig. Der Staat Israel ist tatsächlich eine Festung seiner Bürger, nicht ihr wirkliches Zuhause (ihre wirkliche Heimat). Wie alle anderen vor uns, haben wir Jerusalem als Hauptteil der Befestigungslinie nicht „besichtigt“, aber zumindest konnten wir einen Blick hineinwerfen. Einen Blick in die Stadt, die sich irgendeiner anderen europäischen, interkulturellen Stadt ähneln könnte. Trotzdem tut sie es nicht, weil es zwei Nationen bzw. Religionen gibt, die die Gemeinsamkeiten (vor allem was die Sprache und Geschichte betrifft) noch nicht ganz gefunden haben und auch nicht den Willen, etwas voneinander zu lernen. Ganz im Gegenteil. Die Juden wollen die Muslime vertreiben, die Muslime wünschen sich möglicherweise, dass die Juden für immer verschwinden. Und die Christen? Sie besuchen die heiligen Orte und versuchen, eine Lösung zu finden. Schließlich werden sie vielleicht die Gewinner – wenn sich zwei streiten, freut sich der dritte. Schließlich sind wir alle nur Menschen, die einfach glücklich leben wollen. Egal zu welcher Gottheit wir beten.


1 http://www.israelhayom.com/site/newsletter_article.php?id=17759

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