Kolonialismus und Dekolonialisierung – Ausstieg aus der Geschichte?

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von Kawthar El-Qasem

Vor rund 150 Jahren standen Kolonialwarenläden für das Besondere, Exotische und für bürgerlichen Luxus. Der Aufbruch in neue Welten war das Abenteuer der Zeit. Spezielles Equipment, das vor den lauernden Gefahren fern der Heimat schützen sollte – der letzte Schrei. Kolonialismus war nicht nur zweifelsfrei positiv konnotiert, die deutsche Kolonialpolitik war Gegenstand hitziger Debatten und diplomatischer Strategiespiele. Nicht etwa die Frage, ob die kolonialen Aktivitäten moralisch tragbar seien, sondern ob und wie Kolonialpolitik offensiver und effektiver zu gestalten sei, ob und wie mehr Ressourcen in die koloniale Unternehmung fließen könnten, erhitzten die Gemüter. Kolonialismus sollte mit der Forderung nach politischer Einbindung und militärischem Schutz zu einer nationalen Aufgabe erhoben werden. Deutschland wollte einen angemessenen Rang im kolonialen Zirkus erhalten, der rechtlich gesichert und nicht mehr vom Wohlwollen der Briten oder Franzosen abhängig war.

Von Scham keine Spur

An den offensichtlichen Verstrickungen von Kirche, Wirtschaft, Wissenschaft und Staat nahm man ebenso wenig Anstoß wie an Postkarten, die nichts weniger als Konzentrationslager, die Exekution von „Aufständischen“ in den Kolonien oder die Verschiffung von Schädeln der „Eingeborenen“ zwecks Vermessung zeigten. Schuld und Scham jedenfalls sind abwesend. So machte sich nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und dem damit verbundenen Verlust der Kolonien ein Kolonialrevisionismus breit, der den deutschen Anspruch auf die Kolonien bekräftigte und deren Rückgabe durch die Briten und Franzosen forderte. Auch wenn europäische Länder sich hier als Konkurrenten im imperialen Wettstreit gegenüberstanden, gab es doch einen Konsens darüber, wo die Frontlinie langfristig tatsächlich verlaufen würde. Dieser Konsens war keineswegs ein Geheimnis. Viele Politiker und Intellektuelle äußerten ihre Sichtweisen offen und durchaus stolz.

Ausgeprägtes Bewusstsein für Macht

Zwischen 1889 und 1896 verfasste der spätere amerikanische Präsident Theodore Roosevelt ein vierbändiges Geschichtsbuch der amerikanischen Geschichte. In The Winning of the West schrieb er:

„The most ultimately righteous of all wars is a war with savages, though it is apt to be also the most terrible and inhuman. The rude, fierce settler who drives the savage from the land lays all civilized mankind under a debt to him. American and Indian, Boer and Zulu, Cossak and Tartar, New Zealander and Maori, – in each case the victor, horrible though many of his deeds are, has laid deep the foundations for the future greatness of a mighty people. Looked at from the standpoint of the ages […] it is of incalculable importance that America, Australia and Siberia should pass out of the hands of their red, black, and yellow aboriginal owners, and become the heritage of the dominant world races.” (S. 366)

Solche Aussagen zeugen von einem Bewusstsein für die Nachhaltigkeit der durch die Kolonialisierung geschaffenen Verhältnisse und deren zentrale Bedeutung für die eigene Vormachtstellung. Die Vorgehensweise war dementsprechend strategisch durchdacht und langfristig angelegt. Sie zielte gleichermaßen auf die Kolonialisierer und deren Gesellschaften, wie auch auf die Kolonialisierten und deren Gesellschaften.

Entlastung und Legitimation

Gleichzeitig finden sich Entlastungs- und Legitimationsdiskurse, die das eigene Vorgehen rechtfertigen sollen. Eine solche Legitimation ist notwendig, weil ein Widerspruch zu ethischen Werten und Prinzipien offensichtlich wird. Ob nun religiöse Gebote, wie die Liebe zum Nächsten, oder das Verbot zu töten oder zu stehlen, oder die Parolen der französischen Revolution und die „Errungenschaften“ der Aufklärung: All das hatte in der Begegnung mit den Kolonialisierten – oder schon in der Antizipation dieser Begegnung – seine Gültigkeit verloren.

Um eine solche Legitimation zu konstruieren, wird die Idee von der eigenen Überlegenheit und der Unterlegenheit der „Anderen“ zentral. Klassifizierungen und Kategorisierungen von Menschen werden vorgenommen und Unterschiede und vermeintliche Eigenschaften naturalisiert und essentialisiert. Diese Konstruktionen waren nicht etwa das Werk von Verlierern und Abgehängten, sondern von führenden Intellektuellen, wie Kant, Hegel, Herder und vielen anderen mehr.[1] Die zugewiesenen Eigenschaften und Wertigkeiten entpuppen sich dabei als Konstruktionen, welche die „Anderen“ als das Gegenteil dessen zeigen, was als Selbstbild der Europäer konstruiert werden soll. Dieses Phänomen, das Edward Said als „Orientalismus“ bezeichnet, ist ein effektives Machtinstrument. Solche Konstruktionen sind unabhängig von den „Anderen“. Und sie machen nicht halt vor der „Menschlichkeit“ der Kolonisierten: Sie werden entmenschlicht, in verschiedenen Stufen verdinglicht, als Sklaven verkauft und gehandelt, ausgebeutet, vertrieben, gefoltert und getötet.

Die Vertuschung von Unrecht und das Aussetzen ethischer Prinzipien stützt sich auf diskursive und narrative Figurationen, die uns heute noch vertraut sind. Kolonialisierung wird demnach als humanitäres Projekt verhandelt, das eigene Handeln wird als Notwendigkeit („die anderen sind zurückgeblieben, irrational, wild, gefährlich, unzivilisiert“) und Recht (Ressourcen bleiben sonst ungenutzt, sie kennen den Wert nicht und sind faul und unfähig) propagiert. Gleichzeitig sei es die Pflicht und „Bürde des Weißen Mannes“, wie Rudyard Kipling es 1899 in einem Gedicht formuliert, für Ordnung, Rettung, Zivilisierung und Fortschritt zu sorgen.

Kolonialisierung und Kolonialität

Obwohl Kolonialisierung vordergründig an ein Territorium gebunden ist, durchdringt sie schließlich mithilfe dieser Konstruktionen, der so erzeugten Bilder und ihrer jahrhundertelangen Verbreitung in Wissenschaft, Politik, Kunst und Literatur Zeit und Raum. Sie prägt als Struktur wirksam Denken und Fühlen von Menschen seit Jahrhunderten. Dies gilt unabhängig davon, ob eine Gesellschaft von Kolonialismus positiv oder negativ betroffen ist. Auch wenn das Etikett des Kolonialismus entfernt wurde, die geschaffenen, von Rassismus und Entmenschlichung geprägten Machtverhältnisse, sind weiter wirksam. Auch nachdem Kolonialmächte in antikolonialen Kämpfen verdrängt werden konnten, ist der Zustand der Kolonialität damit nicht überwunden. Die zugehörigen Diskurse und Narrative werden in Dauerschleife reproduziert, Bilder und Vorstellungen von den „Anderen“, ob nun Afrikaner, Asiaten, Juden oder Muslime sind ein global verinnerlichtes „Wissen“.

Kolonialität ist als inkorporierte Haltung zu verstehen, als eine ins kollektive (Unter-)Bewusstsein eingeschriebene Geschichte. Diese Geschichte ist eine Geschichte der Vernichtung des Selbst. Die Kolonialisierten haben gelernt, sich mit den Augen der Kolonialisierer zu sehen, sich selbst mit ihren Gedanken und Kategorien zu denken. Die Kolonialisierer haben gelernt, dass sie ihrer eigenen Ethik nicht vertrauen können, weil sie plötzlich im Angesicht des „Anderen“ ihre Gültigkeit verliert. Sie haben die koloniale Angst gelernt: Die Angst, Opfer ihrer eigenen Schuld zu werden und genau deshalb niemals ihre Machtstellung verlieren zu dürfen.

Kolonialität als Struktur

Kolonialität als Prinzip durchdringt Raum und Zeit, Körper, Gedanken und Gefühle. Sie ist in unseren Kühlschränken und Vorratskammern, auf unserer Haut und in unseren Vorstellungen. Das, was ehemals als Kolonialwaren bezeichnet wurde, ist heute selbstverständlicher Teil unseres Alltags. Ebenso selbstverständlich ist es, dass wir auf Kosten anderer leben. Damit wir unseren Lebensstandard halten können, müssen Andere dafür zu äußerst unfairen Bedingungen arbeiten und leben. Diese Ausbeutung bestimmt den Alltag eines großen Teils der Weltbevölkerung. Gleichzeitig erscheint uns unser Wohlstand berechtigt und wohl verdient, und wir erheben den Anspruch, dass er aufrechterhalten und gesichert werden muss. Von unserer Sicherheit ganz zu schweigen: Die eigenen Ängste sind die einzig legitimen, während die Ängste der „Anderen“ weder antizipiert noch empathiert werden können. Wenn davon die Rede ist, dass die Ängste der Menschen ernst genommen werden müssen, dann sind nicht die Ängste derjenigen gemeint, die von Diskriminierung, Rassismus, Gewalt und Krieg betroffen oder bedroht sind. Es sind im Gegenteil die Ängste der ohnehin Privilegierten gemeint.

Entlarvt wird diese Logik jenseits unserer Wahrnehmung an den Rändern und Unorten unserer Welt. Vor allem dann, wenn die Rassifizierung von Menschen noch nach ihrem Tod greift: Die Leichen derjenigen Geflüchteten, die es nicht übers Mittelmeer geschafft haben und die an den Küsten Spaniens, Griechenlands und Italiens angeschwemmt werden, werden entlang rassistischer Kriterien verwaltet. Ihre Hautfarbe oder ihre zugeschriebene Religionszugehörigkeit entscheidet über Optionen und Sorgfalt der zuständigen Beamten und Kommunen in der Registrierung, Dokumentation und Bestattung. Je dunkler die Hautfarbe, desto weniger sorgfältig erfolgt die Erfassung. Damit sinken die Möglichkeiten für Verwandte, überhaupt vom Tod ihrer Familienmitglieder zu erfahren oder ihren Bestattungsort herauszufinden. Bei beschnittenen männlichen Leichen wird pauschal eine muslimische Religionszugehörigkeit angenommen, was zu Weigerungen von Kommunen geführt hat, diese auf ihren christlichen Friedhöfen zu bestatten. So konnten absurde Situationen entstehen, in denen Leichen vor dem Friedhof abgelegt wurden, wo sie verwesten, bis der Geruch so unerträglich wurde, dass man sich gezwungen sah, diese doch zu bestatten.[1] Dieses „postmortale Racial Profiling“[2] zeigt, dass die „Ängste“ in Wirklichkeit Rassismen vertuschen, die auch ohne den „Anderen“ oder die vermeintliche Bedrohung durch ihn, existieren.

Kolonialität ist auch deshalb ein komplexes Phänomen, weil sie Irritationen verursacht, weil Räume und Rollen ineinandergreifen und weil unsere eigene Verstricktheit uns unüberwindbar erscheinen mag. Wenn Schuld in unser Bewusstsein dringt und wir nicht zu denen gehören, die das Leugnen vorziehen, dann kann diese uns zuweilen lähmen. Aber auch Ambivalenzen, Hilflosigkeit und Überforderung können uns handlungsunfähig machen. Doch wie aus der Geschichte aussteigen?

Dekolonialisierung heute – jenseits von Kolonialität denken und handeln

Widerstand während der tatsächlich aktiven Kolonialisierung wurde und wird brutal unterdrückt.

Im Nachhinein – zumindest in der Perspektive kritischer Zeitgenossen – wird dieser Widerstand als edles Heldentum angesehen. Die postmortale „Ehrung“ der Figur des tapferen Kriegers und der eindimensional zu Opfern stilisierten Kolonialisierten geschieht aus der sicheren Position der überlegenen Sieger. Nun, nachdem der Widerstand auf eine Weise gebrochen ist, dass keine Gefahr mehr von den Kolonialisierten ausgeht, werden sie idealisiert, kulturalisiert und zuweilen romantisiert.

Die koloniale Schuld hingegen wird keineswegs als eine offene, zu begleichende Schuld verhandelt, sondern insbesondere durch die Geschehnisse und Verbrechen rund um den zweiten Weltkrieg und dem anschließenden kalten Krieg völlig verdrängt. Sie wird als von der eigenen Verantwortlichkeit losgelöste Geschichte erzählt, die keinen Handlungsbedarf nach sich zieht. So werden z. B. personelle, narrative und diskursive Kontinuitäten und Zusammenhänge zwischen den Verbrechen in den Kolonien und dem Nationalsozialismus selten und nur am Rande in den Fokus genommen. Eine solche Betrachtungsweise wird zugunsten einer vermeintlichen Exklusivität und Singularität der nationalsozialistischen Verbrechen vermieden, sodass ihr Gewordensein unterbelichtet bleibt. Sie brechen wie eine Naturkatastrophe über die Menschen ein, und gehen genauso auch wieder vorbei.

Dekolonialität als Haltung und Handeln

Dekolonialität bedeutet deshalb vor allem viele Fragen zu stellen – auch uns selbst – und eine dekoloniale Ethik[1] zu etablieren. Sie bedeutet zuzuhören und die Antworten nicht zu wissen. Sie setzt (geschichtliches) Wissen und einen intensiven, auch schmerzhaften Lernprozess voraus. Es gilt nicht nur zu lernen, sondern vor allem zu verlernen. Wissen zu dekolonialisieren, koloniale Narrative und Diskurse zu durchschauen und zu verwerfen. Räume freizugeben oder wiederzuerlangen, Deutungshoheit zurückzugeben oder zurückzunehmen. Zu hinterfragen, warum bestimmte Bedeutungen und Wertigkeiten zugewiesen werden und diese umzudenken. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei die Sprache: Wie wir Sprache benutzen, aber auch welche Sprache wir benutzen, hat viel mit Kolonialisierung und Dekolonialisierung zu tun.

Der Prozess der Dekolonialisierung ist zeitlich nicht begrenzt und muss – wie die Kolonialität selbst – alle Lebensbereiche erfassen. Am Anfang steht das Erkennen der Notwendigkeit einer Veränderung und das Eingestehen der eigenen Hilf- und Machtlosigkeit. Gleichzeitig ist dieser Prozess mit Verunsicherung verbunden, die es auszuhalten gilt: Wenn wir uns immer nur mithilfe der Konstruktion des „Anderen“ definieren, wer sind wir dann ohne den „Anderen“? Dieser Prozess verlangt von uns, uns zu positionieren, zu solidarisieren und Konsequenzen zu ziehen. Es gilt zu verstehen, wo es nötig ist, zu handeln und wo es dringend notwendig ist, Handlungen zu unterlassen.

Dekolonialisierung bedeutet, zwischenmenschliche und gedankliche Grenzen aufzuheben. Sie bedeutet auch, Räume freizugeben, zurückzugeben oder zurückzunehmen. Auf diese Weise können Räume entstehen, in denen ein Zuhören, ein Gehört-Werden und ein neues Denken möglich werden. Diese Räume werden nicht frei von Widersprüchen und Ambivalenzen sein. Aber sie bieten Platz für Aushandlungen, Reflexionen und neue, gemeinsame Ideen.

Dekolonialisierung bedeutet, Nein zu sagen. Sie bedeutet aber auch, Ja zu sagen und dem nachzuspüren, was genommen wurde, was hätte sein können, was möglich ist. Herauszufinden, wer wir sind, was wir wollen und was wir können. Dieser Weg wird nicht fehlerfrei sein und verlangt große Achtsamkeit und ständige Reflexion, um nicht in gewohnte Muster zu verfallen. Dekolonialität als Modus Operandi, als Haltung und Handeln ist untrennbar verbunden mit einer dekolonialen Ethik. Sie setzt genau da an, wo die Ethik versagt hat, weil sie zu einer Praxis der ethischen Apartheid verkommen ist. Dekolonialität braucht Klarheit, Entschiedenheit, Ausdauer und Standhaftigkeit: Die Dinge wieder an ihren Platz zu legen,[2] wie Fanon es ausdrückt, wird nicht ohne Widerstand bleiben.


Kawthar El-Qasem studierte in Düsseldorf Architektur und Baukunst. Sie forschte im Rahmen ihrer Promotion zur Praxis der palästinensischen mündlichen Überlieferung.
Ihre Arbeit ist im transcript Verlag erschienen uter dem Titel “Palästina erzählen – Inversion als Strategie zur Bewahrung des Eigenen in Dekulturalisierungsprozessen“.


[1] Zum Begriff der Dekolonialität und der dekolonialen Ethik vgl. Maldonado Torres, N. (2008): Against War. Durham & London: Duke University Press.

[2] Vgl. Fanon, F. (1968): Black Skin, White Masks. S.11 f., zitiert nach Maldonado Torres (2008): Against War. Durham & London: Duke University Press. S. 100.



[1] In ihrem Vortrag auf der Konferenz „Racial Displacements“ (Birmingham) berichtet Tamara Last am 19.06.2018 von den Ergebnissen ihrer Arbeit im Rahmen des Forschungsprojekts The Human Costs of Border Control: Last, Tamara: Management of EU border deaths through a lens of racial exclusion.

[2] Diesen Begriff habe ich von Mehmet Daimagüler übernommen. Der Vertreter der Nebenklage im NSU Prozess, spricht im Kontext der NSU Morde von einem „postmortalen Racial Profiling“.



[1] Vgl. Hund, W. (2018): Wie die Deutschen weiß wurden. Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. S. 81-96.

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Der.Wisch – Zeitschrift für Vielseitige

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