Kolonialismus und nationale Selbsterhebung in der deutschen Sprache

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Alle Sprache ist Bezeichnung der Gedanken, 
und umgekehrt die vorzüglichste Art der 
Gedankenbezeichnung ist die durch 
Sprache, dieses größte Mittel, 
sich selbst und andere 
zu verstehen. 
Kant

Sprache ist nicht nur ein alltäglicher Teil unseres Lebens, es ist einer der wertvollsten diesseitigen Güter, die dem Menschen gegeben wurde. Sie ist das Mittel zur Kommunikation, Reflexion, Internalisierung und geistigen Ontogenese. Auch im Quran wird auf den hohen Wert und Segen der Sprache aufmerksam gemacht, als Adam aufgefordert wird, die Namen der Dinge zu benennen, von denen selbst die Engel kein Wissen besaßen. Doch Sprache kann auch missbraucht werden, wenn besondere Begriffe mit einer einzigartigen Bedeutung nur in speziellen Situationen angewandt werden. Das herrschende Narrativ überträgt seine subjektive Wahrnehmung auf den Rest der Gesellschaft, der mit der Zeit dadurch beeinflusst wird. Dadurch kann Sprache Weltbilder und Haltungen gegenüber Dritten transferieren, ohne bemerkt zu werden. Obwohl der deutsche Raum keine große Kolonialmacht in der Vergangenheit war, kreierten sich trotzdem kolonialisierende Begriffe und eine kolonialisierende Sprache. 

Das Andere = fremd?

Das Buch „Deutsche Sprache und Kolonialismus“ (hg. Ingo H. Warnke) analysiert die Aspekte der nationalen Kommunikation 1884-1919 und befragt die verflochtene Realität kolonisatorischer Aussagen über Afrika auf ihre Wirksamkeit. Ein gutes Beispiel für die kolonialistische Wahrnehmung und das kolonialistische Sprechen ist ein Auszug aus dem Roman „Peter Moors Fahrt nach Südwest: Ein Feldzugbericht“:

„In meiner freien Zeit stand ich oft bei den Schwarzen und beobachtete sie, wie sie friedlich beieinander saßen und in gurgelnden Tönen miteinander schwatzten, und wie sie um die großen Eßtöpfe hockten, mit den Fingern eine Unmenge Reis zum Munde führten, und mit großen knarrenden Tiergebissen Beine, Gekröse und Eingeweide ungereinigt fraßen; es schien ihnen gar nicht darauf anzukommen etwas Schmackhaftes zu essen, sondern nur, ihren Bauch zu füllen. Und es schien mir, daß es so stand, daß die Leute von Madeira zwar Fremde für uns sind, aber wie Vettern, die man selten sieht, daß diese Schwarzen aber ganz, ganz anders sind als wir. Mir schien, als wenn zwischen uns und ihnen gar kein Verständnis und Verhältnis des Herzens möglich wäre. Es müßte lauter Mißverständnisse geben.“

Das kurze Zitat beweist das koloniale Gedankengut des Autors, das nicht anders, als durch die Sprache zum Ausdruck gebracht wird. Eine besondere Erwähnung des „friedlichen Beieinander-Sitzens“, denn so etwas kann wohl schwer zur alltäglichen Praxis dieser Menschen gehören. Es werden besondere Laute und Essgewohnheiten beschrieben. Diese Menschen sind „anders“ und damit „fremd“. Damit gäbe es keine Möglichkeit für Verständnis oder ein Verhältnis der Herzen. Der Autor suggeriert, dass kein friedliches und normales Zusammenleben zwischen ihnen und „uns“ existieren könne. Er begegnet dem Anderen nicht auf Augenhöhe und erläutert die eigene überhebliche Haltung sehr deutlich. Statt einer gepflegten Konversation gibt es Schwatzen und gurgelnde Töne. Statt Essmanieren wird mit den Fingern gegessen. Das Essen der ungereinigten Tiereingeweide soll dem Leser den „Schwarzen“ als ein unhygienischses Wesen transferieren, das durch derartige Nahrung Infektionen in sich trägt. Es ist die Rede von Madeira, einem Ort weit weg von zuhause und dadurch wird dem Leser etwas Unbekanntes bzw. Fremdes als negativ beschrieben.

Doch ist etwas, das anders ist, automatisch fremd oder will das kolonialistische Weltbild so etwas den Menschen glauben lassen? Wenn es nicht automatisch fremd ist, wann wird das andere dann fremd und wie könnte man versuchen es zu definieren?

Gutjahr erläutert: „Das Andere wird in dem Moment zum Fremden, wenn es nicht in ein vertrautes Schema überführt und damit wiedererkannt werden kann.“Es handelt sich also bei dem Interpretament „fremd“ um ein kollektives, kulturell tradiertes Deutungsmuster, das historischen Wandlungen unterliegt. Wie ein Individuum auf das „Fremde“ reagiert, ist auch stark kulturell geprägt. Wenn in der Gegenwart etwas als fremd erachtet wird, bedeutet dies nicht unbedingt, dass es in Zukunft genauso als fremd gesehen wird. Es existiert eine Möglichkeit der Adaption. Der Umgang mit dem „Fremden“ kann auch über die Jahre geändert werden und so könnte das Fremde zum „Anderen“ werden. Der koloniale Diskurs ist heterogen und vielstimmig und er ist mit gesellschaftlich relevanten Ideologien, Epistemen und Diskursen verschränkt.

Fremd im deutschen Kontext

Es muss auf die Polymesie des Begriffs „fremd“ im alltagssprachigen Kontext verwiesen werden, um den Begriff genau zu verstehen. Fremd kann als „nicht eigen sein“, „nicht angehören“ und „einem anderen angehörig sein“ definiert werden. Waldenfels macht auf die besondere Verführung der Sprache aufmerksam, wenn das Fremde adjektivisch verwendet wird. Im Deutschen ergeben sich dadurch Doppelsubstantive wie Fremdsprache, Fremdkultur oder Fremdgruppe. Bei diesen Begriffen hört es sich so an, als wüssten wir bereits, was Sprache, Kultur oder Gruppe bedeuten und wie sie zu definieren sind und als würde die Bedeutung der Stammwörter lediglich durch die Eigenschaft der Fremdheit spezifiziert werden.

Der räumliche Kontext spielt auch eine große Rolle, wenn das Wort „fremd“ benützt wird. Die deutsche Sprache produziert besondere Imaginationen bei einem Individuum, wenn von dem subsaharischen Gebiet die Rede ist. Die Darstellung der afrikanischen Natur ist oft die eines Dschungels. Der Dschungel wird mit einem dunklen Labyrinth, Verschlungen-Werden und mit der Triebnatur assoziiert. Die Grenzziehungen zwischen Natur und Kultur werden verschoben, und die Einwohner des subsaharischen Raums werden in die Sphäre der Natur eigegliedert. Die Hautfarbe wird damit automatisch in den Raum eingeordnet und spielt eine Rolle, die sich viele nicht eingestehen wollen. 

In der Metaphorologie des Abendlandes spielt das Licht eine wichtige Rolle. Es ist die Metapher für die Quelle der Erkenntnis. Das Weiße bringt das Licht mit sich, das Schwarze ist etwas ganz anderes. Frantz Fanon erläutert dies genauer. Er beschreibt, dass der schwarze Mann das Symbol des Bösen und des Teufels ist, denn der Teufel ist schwarz, der Folterer ist schwarz, der Schatten ist schwarz und wenn eine Person schmutzig ist, ist der Schmutz schwarz. Laut Fanon ist der schwarze Mensch das Symbol für alles Schlechte im Charakter und dieses Gedankengut wird durch sprachliche Begriffe übertragen. 

Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft

Existiert eine kolonialistische Sprache in der heutigen Zeit? Wir würden lügen, wenn wir dies verneinen würden. Es bedarf eines Paradigmenwechsel in der Denkart der Sprecher und der Medien, um dem Fremden nicht xenophob entgegen zu treten, sondern ihn als eine positive Chance zu sehen, seinen eigenen Horizont und seine Denkart durch neue Erfahrungen zu erweitern. Nicht umsonst warnen viele Menschen heute davor, dass die Sprache des Hasses zu Taten des Hasses führen kann. Genauso könnte aber Sprache den Umgang der Welt positiv verändern. Es liegt am Menschen dafür zu sorgen, dass das wertvolle diesseitige Gut, die Sprache, nicht missbraucht wird. 

Bildnachweis: https://www.bbc.com/news/world-asia-india-45506092

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About Author

Studium an der IRPA/KPH-Wien, "Bachelor of Education" in Religionspädagogik

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