last falling angel

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TEIL 1
Autor: Hubert Krammer

Für alle Gestrandeten, die aus ihren Schubladen – weltanschaulicher, religiöser oder politischer Natur – gefallen sind.
Nicht als Orientierungshilfe,
sondern als Anerkennung.

c. war erleichtert, als er die augen öffnete. der blauschimmernde planet tauchte aus der finsternis, durch die er seit ewigkeiten schwebte. er wusste selbst nicht, wie lange seine reise bereits dauerte, ob er geschlafen und womit er sich die zeit sonst vertrieben hatte, die seit seinem missglückten tod keine rolle mehr zu spielen schien. missglückt, weil seine irdische hülle noch immer an irgendeiner maschine klebte, die sein sterben ausdehnte. ….

scheinbar unendliche gelassenheit hatte sich in ihm ausgebreitet, nachdem er seine rolle als lebendiger toter akzeptiert hatte, nicht als zombie, sondern als engel mit einer bestimmten, ihm noch unbekannten funktion. so sah er es und es erleichterte seinen zustand ungemein.
er landete weich und unverletzt auf einer lichtung, es war dunkel, er registrierte mitteleuropäisches klima und den fortgeschrittenen sommer. der geruch von nassem gras umhüllte ihn, erinnerte ihn schmerzhaft an bewusste momente seiner alten existenz. der kontakt mit materie faszinierte ihn und löste keine angst mehr aus, wie in den wenigen nächten, die er früher im freien verbracht hatte. er blickte hinauf und suchte die sterne, die sich hinter einer smogglocke verkrochen hatten, atmete tief ein, um noch etwas sauerstoff abzubekommen – obwohl seine lunge bereits seit längerer Zeit aufgehört hatte, ohne technische hilfe zu arbeiten.

der sonnenaufgang war überwältigend. c. wurde klar, dass er bisher viele aspekte seines lebens überhaupt nicht wahrgenommen und das glück meistens auf ruhigere zeiten verschoben hatte. unwesentliche phänomene, die den stress echt nicht wert waren, hatte er dagegen zum mittelpunkt seines alltags erklärt. scheiße. zu spät.
das leben als engel hatte auch nachteile. er stellte sich zu einem gebüsch und versuchte, sich zu erleichtern. doch die meisten körperfunktionen streikten gnadenlos, und der übergang zum geistwesen verursachte seit seinem wiedereintritt in die atmosphäre schmerzen, die seine gelassenheit störten. er hatte das gefühl, seine blase würde platzen. er fragte sich, ob sich seine situation normalisieren würde, wenn er sich nur lange genug in der gewohnten umgebung aufhalten würde, in die er zurückgekehrt war. schließlich schienen seine schmerzen einen heilungsprozess darzustellen. er kontrollierte seinen tastsinn, bohrte sich die nägel in die haut, bis sie blutete – die wunde schloß sich innerhalb von sekunden.
er wartete, bis sich seine unruhe gelegt hatte, dann folgte er dem lärm, der ihn in die nächste stadt führen sollte.

diese stadt hatte sich verändert. oder es war dieselbe kloake, die er einst so gehasst, aber die er nie so bewusst beobachtet hatte wie jetzt. die menschen waren jedenfalls schöner, als er sie in erinnerung hatte, er beneidete sie um ihre wirklichkeit, die offensichtliche fähigkeit, mensch zu sein. sie funktionierten. aßen, tranken, konnten verdauen und ausscheiden, atmen, schlafen und manchmal liebten sie sich sogar.
c. war gespannt, wie er auf andere menschen wirkte, ob er auffallen und irgendwie feindlich aufgenommen werden würde. er hielt es aber auch für möglich, dass sie ihn überhaupt nicht sehen konnten – schließlich war er tot. zumindest diese sorge war grundlos. sie grüßten ihn, als er ein geschäft betrat und behandelten ihn mit derselben gleichgültigkeit wie ihresgleichen. er mietete sich ein billiges loft am stadtrand. das geld dafür fand er in einer seiner jackentaschen, und er zahlte im voraus, ohne sich gedanken darüber zu machen, wie er künftig ohne einkommen überleben würde.

… er blieb ein paar tage zuhause, um sich zu orientieren und sich auszuruhen, doch er fand keinen schlaf. ihm wurde klar, dass sein körper sich nur sehr langsam wieder an die verhältnisse anpassen würde. als er versuchte, zu essen, musste er sich übergeben.

früher war er ein rastloser geist gewesen, der ständig etwas leisten mußte, um sich nicht selbst als faul und untätig zu verurteilen. jetzt liebte er es, sich stundenlang auf einen punkt an der decke zu konzentrieren, bis er die bekannten bilder darin entdeckte, die zu kreisen und zu tanzen begannen. ein experiment, das ihm früher nur nach dem konsum verschiedener drogen gelungen war.
die schlaflosigkeit machte ihm schwer zu schaffen. anfangs hatte er es genossen, diese ruhigen nächte für sich allein zu haben, doch bald fühlte er sich erschöpft, außerdem vermisste er die träume, die ihm früher als orientierung gedient hatten. oft legte er sich auf die matratze und schloss die augen, aber es war umsonst. wer tot ist, schläft nicht mehr.

seine gedanken kreisten um den bruch in seiner geschichte – er hätte es schaffen können, wenn er nur nicht versucht hätte, zu fliegen. an jenem verregneten dienstag, den ein verblüffend euphorisches horoskop zum wendepunkt seines bisher von katastrophen verschonten, aber eher langweiligen und bescheidenen lebens erklärt hatte. er war aus acht stockwerken hinabgetaucht, ohne sich an die landung erinnern zu können – wann immer er in den nächsten wochen versucht hatte, seine tonnenschweren lider zu heben, hatte er das gefühl gehabt, immer noch, immer weiter und immer tiefer zu fallen.
vermutlich wäre es vernünftiger gewesen, seinen job hinzuschmeißen, einen politiker zu ermorden oder sich mit seiner politisch korrekten nachbarin, einem als feministin getarnten, pedantischen kontrollfreak, anzulegen. aber zu all diesen alternativen war seine erziehung zu trivial gewesen, sein bewusstsein zu genormt. lieber tot sein als ungehorsam. seine ganze sehnsucht, seine aggressionen, seine orientierung und sein vorstellungsvermögen waren dermaßen blockiert gewesen, dass sich sein leben zum todeswunsch, seine liebe zu hass und seine kreativität zu destruktion verklumpt hatte. wann immer ihm jemand gesagt hatte: laß es raus, hatte er es in sich hineingefressen – das einzige, was er ausgespuckt hatte, waren die schalen gewesen, die sich um die ihn bewegenden phänomene gelegt hatten. immer hatte er nur an der oberfläche gekratzt, war niemals in die tiefe gegangen, während er sich im spiegelbild als einen echt „wilden hund“ wiedererkannte. zumindest wenn er ihm die lächerlichen grimassen geschnitten hatte, mit denen er irgendwelche filmstars zu imitieren oder imaginäre groupies zu beeindrucken versucht hatte.

als er so oben gestanden war, auf dem sims in der obersten etage, hatte sich nichts als seine erbärmlichkeit im asphalt gespiegelt – c. wusste jetzt, dass er damals gar nicht sterben, nur einen seiner ansicht nach behinderten gott erpressen wollte, der ihn blind, taub und stumm ignoriert hatte. und als dieser, genervt und überfordert, aber immerhin rechtzeitig, um bei den ihm unterstellten superkräften c`s schicksal zu renovieren, auf dem fensterbrett neben ihm landete, erfasste ihn eine böe – in panik ergriff er die hand gottes und riß ihn mit in die tiefe. ein schrei und ein fluch wie donner.

seither ging c. davon aus, dass gott tot war. ein absurder gedanke angesichts seines eigenen – zumindest maschinellen – überlebens, aber das war, was ihm seine erinnerung sagte. der erschrockene gesichtsausdruck und der vorwurfsvolle blick, als er an ihm vorbeiraste. die stille danach. der siedend heiße gral, der in und neben der obligatorischen kreidezeichnung, mit denen die ermittlungsbeamten wie nach einem ritual einen tatort markieren, die strasse purpur gefärbt hatte.

seither kam c. die welt wie ein klassenzimmer vor, aus dem die schüler den lehrer vertrieben hatten. einige waren wohl erleichtert, vielleicht sogar glücklich, anderen würde aber die unheimliche einsamkeit zusetzen, orientierungs-und schutzlos würden sie leben müssen, niemandem verantwortlich als sich selbst. völlig offen wäre die frage, ob sich statt der gewonnenen freiheit eine neue hierarchie etablieren würde und auf welcher stufe der einzelne schüler und die einzelne schülerin landen würden.

aber andererseits war diese phase auch ein reifungsprozess, eine möglichkeit, erwachsen zu werden. wenn gott uns nicht bloß so verzogen hätte. die menschen wirkten verloren, hektisch und verbittert, enttäuscht, ohne dass sie überhaupt wussten, dass gott tot war.

philosophen und wissenschaftler bemühten sich um ersatzdrogen, waren aber nur mäßig erfolgreich.

c. überlegte sich, wie sich das konzept zahlreicher revolutionen auf das universum umlegen und der alleinherrscher durch ein kollektiv ersetzen ließe. das problem war nur, dass er gott eigentlich ziemlich gern gehabt hatte und abgesehen von der bigotterie seiner anhänger nur wenig fand, was er ihm vorwerfen konnte.

c. bemühte sich, diese geschichte zu vergessen und sich auf seine aufgabe zu konzentrieren; obwohl er sich nicht erklären konnte, wer ihm diese aufgabe gegeben haben könnte – jetzt, nachdem gott tot war. vielleicht wollte er ihn auch einfach nur ein stück weit ersetzen, da er sich natürlich für sein verschwinden verantwortlich fühlte und hoffte, irgendwer würde ihm verzeihen. das geld fand er überall – es lag nicht nur auf der straße, es steckte in seinen klamotten, lag unter den kargen möbeln und wurde ihm von fremden passanten an den ungewöhnlichsten orten zugesteckt. manchmal klopften boten an seine tür und übergaben ihm schecks und kreditkarten mit einem großzügigen überziehungsrahmen.

tatsächlich brauchte er nicht besonders viel, seine miete war günstig, lebensmittel außer wasser benötigte er eigentlich nicht und die meisten umkosten verwendete er ausschließlich für seine tarnung. er bemühte sich, nicht aufzufallen – weder in seinem verhalten, noch in seinem äußeren erscheinungsbild. er versuchte, die menschen genauer zu beobachten, um sie besser kopieren zu können. es war nicht leicht – die mode schaffte es kaum noch, sich länger als einen tag in den auslagen zu halten.

er lag in seinem zimmer auf dem fußboden – die matratze war ihm zu weich und zu eintönig geworden – und reflektierte seine situation; er rätselte, was sein auftrag sein könnte und ob er überhaupt eine chance hatte, unter den aktuellen bedingungen zu bestehen.

die schlagzeilen trieften nach krieg und patriotismus – auch eine variante einer gehetzten modernität, die ihm früher nicht aufgefallen war oder die sich in der zwischenzeit verändert hatte. fanatiker mit glänzenden augen drückten ihm fahnen in die hände, menschentrauben lauschten vor öffentlich aufgestellten leinwänden, mit tränen der rührung in den augen, den phrasen
des dümmsten präsidenten des letzten jahrhunderts.

die produktion war in völlig unsichtbare bereiche verschwunden, abgedriftet in die hinterhöfe etablierter spielhöllen. dort quälten sich kinder in ketten durch den schlamm, der immense profite abwarf. materialistische fundamentalisten tummelten sich in den talkshows und scheuerten die gehirne mit neu patentierten fremdwörtern oder mit neuen bedeutungen bereits bekannter begriffe. auf ihren kutten prangten wie bei sportlern und politikern die symbole der reichsten konzerne des landes, die ihre shows sponserten.

er entschied sich, seinen gewohnten bezirksteil aufzusuchen und dort seine tätigkeit aufzunehmen. worin diese tätigkeit bestehen sollte, war ihm immer noch nicht klar, aber er dachte, dass es zunächst einmal das beste sei, sich konstruktiv im bekanntenkreis oder bei seinen angehörigen zu betätigen.

unsicher betrat er vertraute straßen und klopfte an die tür seiner kindheit. für die familie war er ein fremder, doch sie baten ihn hinein. seine absichten verbarg er hinter der mitgliedschaft in einer christlichen sekte. mit einer gewissen wehmut (was für ein schreckliches wort) registrierte er die veränderung der konstellationen in der familie, das alter und die gramfurchen in den gesichtern seiner eltern. nicht einmal seine mutter erkannte ihn – doch sie zog ihn ins vertrauen und erzählte ihm von einem sohn, der in einem krankenhaus an einer maschine hing und den sie jeden tag besuchte, in der hoffnung, sein zustand würde sich verbessern. es war schwer, sie zu trösten und sie verjagte ihn, nachdem er versucht hatte, sie zum abschalten der maschine zu überreden.

auch in den bars und lokalen, die er früher besucht hatte, erkannten sie ihn nicht – außer ein stockbetrunkener freund, der sich am nächsten tag nicht mehr an diese begegnung erinnern würde. er fiel ihm um den hals und weinte, und c. flüchtete, um kein aufsehen zu erregen.

als er in seine wohnung zurückkehrte, fühlte er sich verletzt und aufgewühlt von den ereignissen des tages. die vergangenheit hatte ihn eingeholt, wände aus wut und trauer begruben ihn für einige tage in einer ihm bisher unbekannten depression. selbst am tag seines abflugs war er in einer vergleichsweise besseren stimmung gewesen. wie eine zweite haut legte sich traurigkeit um ihn.
er überlegte gerade, ob es eine geniale idee wäre, sich selbst im krankenhaus zu besuchen, als es an der tür läutete. einer der boten brachte ihm sein geld und überreichte ihm wortlos ein verschlossenes kuvert.

er hatte es längst aufgegeben, fragen an ihn zu stellen, denn noch nie hatte er eine antwort erhalten, selbst damals nicht, als er ihn am kragen gepackt und gegen die wand gestoßen hatte. zumeist grüßte der bote nicht mal und seine mimik drückte nichts als stoische ruhe aus. aber die sache mit dem kuvert war ein absolutes novum und c. war ziemlich aufgeregt, als er es öffnete. ihm wurde klar, dass er nicht in der stadt bleiben konnte.

die landkarte, die er vor sich ausbreitete, war zuvor ein dutzendmal gefaltet worden, damit sie in den umschlag passte. irgendwelche koordinaten waren in orange markiert und er begann, mit stecknadeln und farbigen fäden seinen aktionsradius einzugrenzen.

Hubert Krammer

Künstler, Musiker, Autor, jobbt im Kinder-Jugendbereich, Studium Politikwissenschaft, lebt in Wien
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