Leidensfähigkeit als absoluter Leitwert? Auswirkungen einer Tierethik auf unser Bild vom Menschen

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Grenzziehungen zu diskriminierten Gruppen aufzuheben oder zumindest zu hinterfragen, liegt im ethischen Trend. Erst einmal begrüßenswert. Wer kann schon Einwände haben, wenn es um die Gleichstellung ausgeschlossener Bevölkerungsteile geht. Interessant wird es, wenn die Frage aufkommt, ob eine solche Ausweitung auch vom Menschen auf die Tierwelt erfolgen sollte. Peter Singer (geb. 1946, Melbourne), sicherlich der umstrittenste Moralphilosoph der letzten Jahrzehnte, fordert dies, indem er den Speziesismus kritisiert. Was ist damit gemeint? Nach der (philosophischen) Überwindung von Rassismus und Sexismus müsse auch der Speziesismus überwunden werden: die Vorrangstellung, die der Mensch aus seiner Spezies in Abgrenzung zur Tierwelt zieht. Der Mensch solle aus tiefer Einsicht heraus einen Schritt zurücktreten und begreifen, dass seine zweifellos vorhandene intellektuelle Vormachtstellung nicht mit einer höheren Würde gekoppelt werden dürfe. Anders ausgedrückt: Gerade weil der Mensch sich empathisch verhalten und das Leid anderer Wesen nachvollziehen könne, solle er seine Überlegenheit nicht unbegründet ausnützen.

Sich gegen das sinnlose Leid einzusetzen, das in der Massentierhaltung schwächeren Lebewesen zugefügt wird – wer sollte etwas dagegen haben? Interessant aber wird es, wenn man nach einem Maßstab sucht, wie diese Ablehnung zu begründen sei. Manchen Vertretern einer Tierethik bleibt nur noch das Kriterium der Leidensfähigkeit als einziges prinzipiell für alle nachvollziehbares Kriterium bestehen. In einfacheren Worten: Jedes Lebewesen, das leidensfähig ist, hat ein Interesse und dieses muss geschützt werden. Klingt plausibel. Wie aber solle man handeln, wenn verschiedene Ausmaße von Leiden aufeinandertreffen? Im Sinne des Utilitarismus müsste man hier folgern, dass die Vermeidung von größerem Leid Priorität vor allem anderen besitze.

Was aber passiert, wenn der Maßstab der Leidensfähigkeit alle anderen Kriterien der Menschenwürde verdrängt? Erschreckende Konsequenzen sind, dass demnach möglicherweise einem intelligenten Primaten mehr Rechte zukommen müssten als einem menschlichen Komapatienten! Wo ist die Grenze der menschlichen Würde für den Schutz derselben und für ihre Unantastbarkeit zu ziehen? Bei einigen Theoretikern scheint das Unaussprechbare ausgesprochen zu werden: Die Grenzen zwischen Tierwelt und Menschenwelt verschwimmen, es entsteht ein Kontinuum zwischen verschiedenen Lebensformen. Die ethischen Dilemmata nehmen zu, wenn es um die Entscheidung für oder gegen das Interesse eines der betroffenen Lebewesen geht. Aus diesem Grund mahnen konservative Ethiker an, dass die Einführung eines Begriffs der Tierrechte nicht unproblematisch ist. Wer (bzw. „was“) Rechte besitzt, der müsse mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln Schutz genießen. Tierrechte müssten konsequenterweise einklagbar sein; es kommt ihnen ein absoluter Wert zu. Entsprechend müssten Verfolgungen von Tier x gegen Tier y zur Straftat erklärt werden, was jedoch die gesamte Tierethik absurd werden ließe. Und die lässige Alltagsmentalität – „Tiere müssen geschützt werden, es sei denn wir haben keine Lust dazu und es wird zu teuer“ – eine solche Haltung kann natürlich keiner Ethik gerecht werden.

Der Mensch: Herr über Leben und Tod?

Bei Peter Singer finden sich tatsächlich erschreckende Zitate, die kaum anders gedeutet werden können, als dass sie die Grenzen zwischen Mensch und Tier aufweichen; vordergründig zum Schutz des Tieres, letztendlich jedoch zum Preis der Aufgabe einer absoluten Menschenwürde. Die Absolutsetzung des Kriteriums der Leidensfähigkeit bringt einen anderen Blick auf Menschen mit Behinderung hervor:

Das Postulat, dass alles menschliche Leben heilig ist, gilt nicht mehr.“

„Moralisch wichtig ist doch nicht, ob ein Embryo menschliches Leben ist, sondern einzig die Frage, welche Fähigkeiten und Eigenschaften er hat. Denn auf diese gründet sich sein moralischer Status.“

„Wenn Sie vor der Implantation an einem Embryo einen Gentest vornehmen und dann entscheiden, dass dies nicht die Art von Embryo ist, die Sie wollen, dann habe ich keinen Einwand dagegen, ihn zu zerstören.“

„Ich neige dazu zu sagen, irgendwann im Laufe des ersten Lebensjahres. Bis zu diesem Zeitpunkt mag man das Leben eines sich entwickelnden Kindes auf verschiedene Weise schützen. Trotzdem finde ich, dass man nicht eindeutig sagen kann: Das Vergehen, ein solches Kind zu töten, ist ebenso schwer wie das Vergehen, einen erwachsenen, voll seiner selbst bewussten Menschen zu töten.“

„Ich habe einmal den Vorschlag gemacht, eine Phase von 28 Tagen nach der Geburt festzusetzen, nach der dann das volle Lebensrecht erst in Kraft tritt. Das ist zwar ein sehr willkürlicher Zeitpunkt, den wir einer Idee aus dem antiken Griechenland entlehnt haben. Aber es würde den Eltern Zeit für ihre Entscheidungen geben.“

 [Frage]: „Wie aber steht es mit schwer behinderten Babys, die möglicherweise nie volles Bewusstsein ihrer selbst erlangen werden. Kommen die nie im Laufe ihres Lebens in den Genuss eines vollwertigen Rechts zu leben?“ [Singer]: „In derartigen Fällen bin ich der Auffassung, dass sie selbst kein derartiges Recht haben. Aber sie können Eltern haben, denen sie etwas bedeuten, die ihnen Liebe geben und die sich um sie kümmern.“

„Sagen wir es so: Wenn Menschen auf einem so niedrigen intellektuellen Entwicklungsstand sind, dass sie ihrer selbst nicht bewusst sind, dann sind wir nicht verpflichtet, sie am Leben zu erhalten. Aber ich halte es für durchaus vernünftig, wenn sich eine wohlhabende Gesellschaft dafür entscheidet, sie zu pflegen und damit unseren Respekt für sie auszudrücken.“

(https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/gespraech-mit-peter-singer-nicht-alles-leben-ist-heilig-a-169604.html )

Genug geboren: Auf in den Antinatalismus?

Ethische Dilemmata erzeugen Kopfweh. Vielleicht ist es gut so, dass der Mensch bestimmte Widersprüche offen stehen lässt. Leiden zu vermeiden als Kriterium – in der Tier- und Menschenwelt – ist zweifellos ein hehres Ziel. Doch wenn Leidensvermeidung zur alles bestimmenden und sinnstiftenden Kategorie erhoben wird, ist der Weg zum Antinatalismus nicht mehr fern. Diese Bewegung begründet – logisch kann man ihr durchaus folgen –, dass jedes Hervorbringen von Leben unweigerlich mit Leid verbunden ist. Keine Freude dieser Welt könne es jedoch aufwiegen, was an menschlichem Leid bis jetzt produziert worden ist. Wird nach dieser Logik die Vermeidung von Leid höher angesetzt als jede (eventuelle) Freude am Leben, dann müsse die Gleichung lauten, dass der Mensch sich bewusst für ein Ende der Reproduktion entscheiden müsse. Nicht viele sind diesen konsequenten Weg gegangen, doch der existiert Antinatalismus als ein Denkangebot.

Geht es nur noch um Vermeidung von Leiden? Wird dadurch nicht das Leben mit all seinen Seiten und in seiner ganzen Vielfältigkeit entwertet? Wäre dies nicht eine trostlose Welt, die an Huxleys (kritisierte und karikierte) Gesellschaft der Schönen neuen Welt erinnert? In seinem Roman existiert eine Klasse von glücklichen und auserwählten Menschen, die durch die Einnahme sanfter Drogen keinen Schmerz mehr kennt, sondern ein Leben in ewiger Lust verbringt. Eine Utopie oder besser eine Dystopie, die wahrscheinlich auf jeden Leser abstoßend wirkt. Erstaunlich aber, dass man kaum noch vernünftige Argumente gegen ein solches Bild auf die menschliche Zukunft formulieren kann und die gesellschaftliche Entwicklung in diese Richtung verlaufen scheint.

Willensfreiheit als evolutionärer Unfall?

Was passiert, wenn die menschliche Würde und deren Unantastbarkeit dem Primat der Leidensvermeidung geopfert wird? Wird das menschliche Leben nicht reduziert auf einen „Fehler im System“, einen „Unfall der Geschichte“? Erstaunlich ist, dass extreme antinatalistische Gedanken immer ein Privileg der Ersten Welt waren und sind. Haben deren Vertreter vielleicht zu lange hinter dem warmen Ofen verbracht, dass sie auf solche Gedanken gekommen sind? Erstaunlich ist, dass bei allem Elend der Dritten Welt dort kaum Spuren von solchen Gedankenspielen zu finden sind.

Die von Peter Singer favorisierte Ethik lautet „effektiver Altruismus“. Man müsse sich bei ethischen Entscheidungen von persönlichen Beweggründen distanzieren und einen möglichst neutralen Standpunkt auf alles (menschliche und nichtmenschliche) Leben einnehmen. Persönliche Neigungen, Stammesbeziehungen, Nähe zu Verwandten, zum eigenen Volk oder zur Spezies Mensch – all das dürfe keine Rolle spielen. Bei dieser Form von Altruismus müssen Argumente von dieser Art überwunden werden:

  • Man spendet für die Krebsforschung, weil ein eigenes Familienmitglied an Krebs gestorben ist.
  • Man möchte die Natur schützen, weil man sie liebt.

Das ist der „Standpunkt des Universums“. Eine solche altruistische Haltung muss zuerst respektiert werden. Doch die Folgen sind immens. Wenn es nur darum geht, mit seinem eigenen Handeln Leiden zu verhindern, läuft man dann nicht Gefahr, sich selbst moralisch zu überfordern und in eine Hölle der Gewissensbisse zu stürzen? Was gibt einem nun das Recht, seine eigenen Organe anderen zu verweigern? Nach dieser Logik ist eine Verweigerung nach dem eigenen Tod Organspender zu werden, Unrecht gegenüber einem potentiellen Organempfänger. Mit welcher Begründung darf man die eigene zweite Niere behandeln? Egal wie man handelt, es bleibt ein schlechtes Gewissen übrig. Wenn alles Leben auf gleicher Stufe betrachtet wird, dann wird auch das eigene Leben entwürdigt. Man reduziert sich auf ein wandelndes organisches Ersatzteillager auf Abruf. Wenn die Sichtweise der Religionen auf die menschliche Würde als „speziesistisch“ beiseitegeschoben wird, dann sind das die erschreckenden Konsequenzen.

Bildnachweis: https://www.cubanfineart.com/Renee-Koenig/Renee-Koenig-Landschaft-Ebene-Tiere-Land-Moderne-Impressionismus-Postimpressionismus/346227

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About Author

Studium der Übersetzungswissenschaft, Islamkunde, Soziologie und allgemeinen Religionswissenschaft.

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