Lernen‘s Geschichte, alter Mann!

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Arik Brauer –Eine Jugend in Wien
ORF III: 12.12.2013
Lernen‘s Geschichte, alter Mann!
Hubert Krammer

Zum 85. Geburtstag feierte der ORF den Künstler Arik Brauer mit einem Porträt unter dem Namen „Eine Jugend in Wien“. Nun ist Arik Brauer ein exzellenter Maler und seine Lieder haben in den 1970ern den Austropop eingeleitet und mit einer kritischen Stimme bereichert. Heute präsentiert er sich als überraschend agiler Senior mit einem verschmitzten Lächeln. Nicht nur deshalb, und aus Rücksicht auf sein fortgeschrittenes Alter, gab es Stimmen, die von diesem Artikel abrieten, sondern auch, weil Arik Brauer seine Jugend im Versteck vor den Nazis verbracht hat und –trotz einer bedenklichen Gleichsetzung des Kommunismus mit dem Nationalsozialismus, die im Porträt schockiert –immerhin bis heute eine antifaschistische Gesinnung an den Tag legt. Doch dann gibt es die andere Seite von Brauer, wann immer der so genannte Nahost-Konflikt zur Sprache kommt. Dann verändert sich seine Mimik und plötzlich wirkt der freundliche ältere Mann gehässig und aggressiv.

Im Porträt sagte Arik Brauer, dass der neue Staat Israel, den er 1953 erstmals bereiste, ein Paradies gewesen sei, von dem er „hingerissen“ gewesen war. Die Auffassung, dort sei jemand vertrieben oder ermordet worden, verweist er ins Reich der Vorstellung von jungen Europäern, die glauben würden, dass „die Juden dort hinkuman san und olle umbrocht oda ausseghaut hobn.“ (Wenn er von den Israelis redet, dann redet Brauer prinzipiell von „Juden“, um Kritik automatisch mit Antisemitismus gleichzusetzen): „Des entspricht überhaupt net der Wirklichkeit“ – und er schiebt ein Kreisky Zitat nach: „Da kamma nur sagn, lernens Geschichte!“ Und er schildert eine neue Version der zionistischen Landnahme: Bis jetzt erzählten uns die Zionisten, dass sie in Palästina eine Wüste zum Blühen gebracht hätten. Bei Brauer werden dagegen Sümpfe trockengelegt. Wörtlich erzählt er, diese „Sümpfe“ seien mit „teurem jüdischen Geld den Türken abgekauft“ worden und die „Araber seien auf den Dächern gesessen und hätten die Juden ausgelacht“, wie sie die „Sümpfe entwässert“ und in „blühende Kibbuzims“ (sic) verwandelt hätten. Fragt sich nur, auf welchen Dächern die Araber gesessen sind, wenn sie doch gar nicht da waren. Denn er sagt auch, es gab kein palästinensisches Volk. Offensichtlich auch keine Massaker wie in Deir Yassin, keine zionistischen Terrororganisationen, keine Vertreibungen. Wenn es um Palästina geht, reagiert er entweder mit rassistischen Anekdoten oder steckt wie in einem seiner bekanntesten Lieder: „sein Köpferl in Sand“. Brauers Naqbaleugnung geht über die offizielle israelische Staatsgründungslegende hinaus und offiziell lügt sich der nette Mann da wohl ins eigene Hemd, was auch und gerade bei einer prominenten Person wie Arik Brauer nicht einfach entschuldigt werden kann. So widersprüchlich das angesichts seines sonstigen Lebenslaufs klingen mag, so wenig verwunderlich ist seine Legitimation des Siedlerkolonialismus, von dem er ja schließlich ganz persönlich profitiert hat. Denn Arik Brauer lebt nicht nur in Wien, sondern auch im Künstlerdorf En Hod, das neben Haifa im Norden Palästinas liegt.

Das klingt natürlich herrlich unkonventionell und wer von uns würde nicht gern in einem Künstlerdorf leben? Traurig nur, dass es sich um das palästinensische Dorf Aynn Hawd (nach anderer Schreibweise Ein Hawd) handelt, dessen Einwohner im Zuge der Naqba 1948 vertrieben wurden. Das Dorf wurde nicht nur deswegen bekannt, weil dort mehrere Künstler leben, die das offizielle Israel mit Preisen ehrte, sondern auch, weil dort geschmackvoll Moscheen zu Kneipen umgebaut wurden.

Wenn Brauer stolz darauf verweist, selbst sein Haus aus einer Ruine errichtet zu haben, sollten wir uns fragen, wie das früher dort stehende Haus zur Ruine wurde. Viele der ehemaligen Einwohner Ayn Hawds leben bis heute im Flüchtlingslager in Dschenin, das 2001 Schauplatz eines neuerlichen international verurteilten Massakers wurde. Die Einwohner von En Hawd waren aber nur ein Bruchteil der 750.000 Vertriebenen der Naqba, die es nach Brauer ja auch nicht gab. Schade eigentlich, dass diese Form der Vergangenheitsbewältigung, trotz völlig entgegengesetzter Voraussetzungen, so typisch österreichisch geblieben ist. Um abschließend wieder aus einem seiner besten Lieder zu zitieren, das ich wegen Ähnlichkeiten mit lebenden oder nicht lebenden Vertriebenen nicht ganz zufällig gewählt habe:

„wos mochma mit dem Haus, des hamma billig arisiert
de möbeln und de ölgemälde, de hamma requiriert,
dea wos friahra do daham woa,
der is sicher schon krepiert
hottas etwa überlebt, zahmas auße, bis er stirbt.“

Ein nicht nur wegen dem Singularitätsdogma unlauterer Vergleich, immerhin malt Brauer wenigstens seine Ölgemälde selbst. Sehr schöne übrigens.*

Hubert Krammer

Künstler, Musiker, Autor, jobbt im Kinder-Jugendbereich, Studium Politikwissenschaft, lebt in Wien
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