Loyalität und Glaube: Der Umgang mit den Anderen!

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Autor: Sinan Ertuğrul

Jan Hus starb im Jahr 1415; er wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Als promovierter Theologe an der Prager Universität war Jan Hus ein angesehener Mann. Der Grund seiner Hinrichtung war nicht der, weil er eine urchristliche Bibelinterpretation vertritt. Das Problem war nicht ein theologischer Meinungsunterschied, sondern die Loyalität. Das „Anderssein“ hat es schließlich immer gegeben; eine Gruppe von Menschen ist im Grunde genommen immer anders als eine „andere“. Jedoch ist die Loyalität maßgebender als ein Meinungsunterschied. Die ersten Protestanten haben sich selbst als Evangelisten bezeichnet; der Begriff Protestant war eine katholische, pejorative Fremdbezeichnung, aber letztendlich haben die Protestanten sich selbst diese Bezeichnung angeeignet und im positiven Sinne (wieder) verwendet.

Für den Kaiser war es irrelevant, an wen seine Untertanen glaubten. Wichtiger war ihm die Frage, ob seine Untertanen treu seien oder nicht. In einer Zeit jedoch, wo der Kaiser selbst seine Legitimität von Gottes Gnaden bekam, brauchte er auch die Anerkennung dieser Gottheit. Während der Reformation haben die reichen Fürsten für ihre eigenen Interessen Martin Luther unterstützt, um den Kaiser loszuwerden, schließlich war Luther ein „kleineres Übel“ als der Kaiser. Es waren aber dieselben Fürsten, die eine radikale urchristliche Interpretation der Bibel von den unterdrückten Bauern nicht akzeptierten. Auch im protestantischen Lager geht es nicht um die alleinige Glaubensfrage, wie man die Bibel interpretiert, sondern um die Loyalität der Untertanen.

Die „Augsburger Religionsfreiheit“ war ein Kompromiss zwischen den Konfliktparteien. Cuius regio eius religio: Der Souverän bestimmt die Religion und gewinnt somit die Loyalität seiner Untertanen. Es war eigentlich keine Religionsfreiheit, wie wir sie uns heute vorstellen, sondern eine solche des Souveränen. Während dem Dreißigjährigen Krieg hat allein die Stadt Magdeburg 26-mal ihre Konfession gewechselt, da die beiden Mächte dort zwei unterschiedliche Konfessionen hatten. Nach einer Weile hat wahrscheinlich niemand mehr Interesse daran gehabt, wer die Macht ergriff und welche Konfession bestimmt wurde, weil der nächste Souverän die Glaubensrichtung wieder nach seiner eigenen Auffassung festlegen konnte. Im Grunde genommen geht es im Falle Magdeburgs nicht um den richtigen Glauben, sondern um die Loyalität der Untertanen gegenüber ihrem Machthaber.

Der englische König Henry VIII wollte auch nicht die „urchristliche“ Rückführung, als er die Entscheidung traf, sich von der katholischen Kirche zu trennen und seine eigene zu gründen. Der Monarch ist der absolute Herrscher und alle Untertanen sind mit ihrem Glauben ihm gegenüber loyal. Der anglikanische Glaube ist, unter allen protestantischen Kirchen, von der Theologie her die ähnlichste zur katholischen Kirche. Deswegen erblickt man auch auf der katholischen Seite Annäherungen zu den Priestern der anglikanischen Kirche. Ein anglikanischer Priester darf, auch wenn er verheiratet ist, zur katholischen Kirche übertreten. Aber der Grund der glorreichen Revolution von 1688 war die Verhinderung der englischen Monarchie durch die katholischen Könige. In diesem Moment taucht Wilhelm von Oranien als Protestant zur Hilfe auf und verbannt somit die Gefahr, eine katholische Dynastie im englischen Thron einzurichten. Auch hier geht es in erster Linie auch um die Loyalität der Untertanen gegenüber dem Souveränen.

Das Habsburger Kaiserreich erreichte ihre „volle“ Religionsfreiheit erst durch den Kaiser Joseph II. Nach seinem Erlassen galten schrittweise erst die Protestanten, dann auch die Juden im Reich als frei, natürlich mit bestimmten Vorbehalten. Der Höhepunkt wurde aber erst durch Kaiser Joseph II. erreicht. Seine Mutter – Kaiserin Maria Theresia- hatte die Privilegien der Kirche unterbunden und somit den Weg für seinen Sohn vorbereitet. Loyalität und Glaube spielten in der europäischen Geschichte eine enorme Bedeutung. Hier geht es eigentlich nicht nur um den dogmatischen Wahrheitsanspruch der scholastischen Kirchenlehre, sondern vielmehr um den Machtanspruch des Herrschers und die Loyalität der Untertanen. Wenn der Souverän sein Loyalitätsanspruch und sein Territorium zunächst gesichert hatte, begann er diese Errungenschaften zu verfestigen: Im Fachjargon heißt das „Säkularismus“.

Dieses Verständnis von Loyalität und Glaube zeigte erstmals in der Französischen Revolution sein schreckliches Gesicht. Hier wurde im Jahr 1798 der Souverän selbst enthauptet und eine neue Zeit ausgerufen. Schlimmer wird die Situation unter Robespierre und seiner berühmten „Terrorherrschaft“. Tausende Priester wurden durch Guillotinen umgebracht, bevor ihnen eine Frage gestellt wurde: Glaubst du an die Bibel oder an die Verfassung der Republik? Viele Priester entschieden sich (mit Recht) für die Bibel und damit auch für die Hinrichtung. Jene Menschen, die diese Frage als ein Alibi benutzten, missachteten zehn Jahre später selbst diese Verfassung. Und noch dazu fühlt man sich dann auch als ein stolzer Republikaner. Diese Art von Loyalitätsfragen werden auch in der Gegenwart sehr häufig diskutiert, beispielsweise seitens einem ehemaligen Dissertanten der Universität Wien und dem Autor einer vieldiskutierten Studie (Mouhanad Khorchide).

Abgesehen davon, ob die wissenschaftlichen Kriterien erfüllt sind oder nicht, stellte die Studie Fragen, die man als „Fragen der Loyalität“ deuten kann. Als Antwort schrieben die befragten Religionslehrer, dass sie ihr Glauben der Verfassung vorziehen würden. Gott sei Dank, existieren keine Guillotinen mehr an den Hauptplätzen, aber leider wurden in den Medien diese islamischen Religionslehrer wegen ihrer „untreuen Antworten“ in Generalverdacht gestellt. Der Dissertant machte weiter eine Blitzkarriere in Deutschland und in Österreich blieb nach seiner Abreise ein Misstrauen gegenüber Religionslehrern über. In jeder Diskussion über den Islam wurde diese Fragestellung/Studie heftig thematisiert und diesmal wurden nicht nur Religionslehrer, sondern auch die Gläubigen „verdächtigt“. Niemand denkt aber daran, welche Antworten wir bekommen würden, wenn wir die gleichen Fragen an die katholischen Religionslehrern gestellt hätten. In Österreich feiert man die zweite Republik, die Franzosen zelebrieren schon ihre fünfte. Die Menschen, die Loyalität für ihre Verfassung erwarten, haben ihre eigene heilige Verfassung mehrere Male verachtet und erwarten von anderen eine Loyalität. Dies ist nicht nur absurd, sondern auch erbärmlich. Schließlich ist die Bibel seit 2000 Jahren unverändert geblieben, es hat Herrscher gegeben, die sie nicht in Acht genommen haben, aber das Buch wurde im Original beibehalten. Der Koran ist auch seit über 1400 Jahren unverändert bewahrt. Warum sollen Menschen diesen „Heuchlern“ glauben, die nicht mal selbst ihre eigene Verfassung respektieren? Noch schlimmer ist es, dass nach diesen Kriterien die Menschen stigmatisiert verdächtigt werden und eine „extra“ Loyalität verlangt wird. Aber die republikanischen Heuchler genießen ihre Selbstverständlichkeit; schließlich bestimmen sie, wer loyal ist und wer nicht.

Loyalität und Glaube ist immer noch ein aktuelles Thema in unserer Gegenwart, besonders wenn Muslime immer wieder in den Medien vorkommen. Das traurigste an dieser Problematik ist, dass die säkularen und aufgeklärten Republikaner für ihre Position nicht die Autochthonen verwenden. Dafür gibt es freiwillige Islamexperten in jedem Kaliber. Es gibt jetzt auch sowohl in der Politik als auch an der Akademie genügend Loyalitäts-Kritiker. In jeder Situation geht es um die Fragen wie, ob die Muslime sich integriert hätten oder ob sie sich an den europäischen, modernen Verfassungsstaat anpassten. Das größte Problem ist, dass all diese Diskussionen unter dem Begriff „Integration“ stattfinden. Der aufgeklärte Links-liberale schämt sich nicht in so einer Situation gegen eine Minderheit vorzugehen; deswegen braucht er eine Selbstkritik von einem nicht-integrierbarem Gesellschaftsteil. Das Problem ist eigentlich noch gravierender als seine Diagnose. Der Doktorvater Mouhanad Khorchides ist auch ein sehr berühmter Islamexperte in vielen österreichischen Medien: Prof. Ednan Aslan. Sowie alle anderen beherrscht er das koloniale Vokabular und seine Kritik richtet sich explizit gegen die muslimischen Organisationen im Besonderen und die Muslime in Allgemeinen. Der größte Beweis, dass die Islamexperten loyal sind, ist der regelmäßige Auftritt in der Öffentlichkeit. Damit bestätigen sie ihre Loyalität gegenüber der Republik und ihre wissenschaftliche Diagnose: Loyalitätsverdacht gegenüber muslimischen Organisationen.

Die Juden wurden seit den christlichen Herrschern immer wieder in Generalverdacht gestellt. An ihrer Loyalität wird immer wieder gezweifelt. Der erste kontinentalmediale Prozess von Dreyfus (1894) verlieh diesem Verdacht eine neue Qualität. Ein Offizier der französischen Republik wurde wegen Hochverrat entlassen. Ernst Ludwig Freud, der Sohn von Sigmund Freud, unterbrach sein Studium wegen dem Militärdienst. Ludwig Wittgenstein schrieb sein weltbewegendes Werk „Tractatus“ unter Schützengraben, wo er gegen den Feind und für Gott, Kaiser und dem Vaterland kämpfte. Danach kommt irgendjemand und behauptet, dass die Menschen nicht loyal sind. Was für ein Niedergang nach den Errungenschaften von Kaiser Joseph II. …

Loyalität und Glaube war immer ein wichtiges Thema der Menschheitsgeschichte. Was aber die Menschen in erster Linie interessierte war, dass man einfach im Frieden leben kann. Jeder Mensch möchte mit seiner Vorstellung und seinem Glauben glücklich werden. Wenn auch die Kosmologie dieser glücklichen Harmonie unterschiedlich ist; das Streben ist das gleiche. Im Grunde genommen ist die Loyalität eines Islamexperten oder eines „einfachen“ muslimischen Bürgers gegenüber dem Staat das gleiche. Der einzige Unterschied ist, dass die Islamexperten mit ihrer Haltung eine Karriere machen dürfen, dem gegenüber ein einfacher Muslim immer diesen Verdacht mit sich tragen muss. Ein abstrakter, labiler Loyalitätsbegriff im Bezug auf bestimmte Glaubensvorstellungen ist nicht haltbar. Die Menschen sind überall und immer loyal gegenüber den Herrschern, die gerecht und gut sind. Das heißt, wenn sich in Österreich die Rechtslage verändert oder das Land in Korruption absinkt, dann bleibt hier niemand, auch wenn er hier geboren ist.

Eines Tages wurde in diesem Land die Gerechtigkeit verachtet, Menschen wurden herabgewürdigt, erniedrigt, in Generalverdacht gestellt, enteignet und gedemütigt. Einige Österreicher mussten ihre Heimat für immer verlassen, weil ein Verdacht auf ihre Loyalität bestand: Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein, Karl Popper, Paul F. Lazarsfeld, Ödon von Horvath. Wenn solche Menschen das Land verlassen, dann bleiben uns nur noch die Islamexperten über…

Mag. phil. Sinan Ertuğrul

Politikwissenschaftler, lebt und arbeitet in Wien

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