Matraqci Nasuh. Herr des Matraq-Spiels, der Mathematik und der Geschichtsschreibung

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Autor: Ömer Faruk Bağ

Nasuh b. Karagoz b. Abdullah war ein Mathematiker, Historiker, Kunstler und Fechtmeister im Osmanischen Reich zur Zeit von Yavuz Sultan Selim (reg. 1512 – 1520) und Suleyman dem Prachtigen (reg. 1520 – 1566).

Über den Ort und die Zeit seiner Geburt ist uns heute nichts bekannt. Entgegen der zahlreichen Wiederholung seines bosnischen Ursprungs in den Quellen, wurde auch die These von seiner Herkunft aus Pristina verteidigt.1 Noch zur Zeit II. Bayezids wurde er in die Enderun-Schule aufgenommen und von Said Celebi unterrichtet.2 Nasuh nahm am ersten und zweiten Feldzug Suleymans gegen Persien, sowie an seinen Vorstosen gegen Karaboğdan (Moldawien) und Ungarn teil, wobei er sich auch an der Hilfsflotte beteiligte, welche der Sultan unter der Fuhrung Barbaros Hayreddin Paschas an die Seite der Franzosen gegen die Riviera stellte. Zwischen 1517 und 1553 schrieb Nasuh vier Werke, wobei alle auf Turkisch verfasst wurden: zwei davon befassen sich mit der Mathematik, eines mit der Geschichte und das vierte mit dem Kriegswesen. Aufgrund seiner Uberlegenheit im Matraq-Spiel wurde unser Protagonist unter dem Beinamen Matraqi und wegen seiner hervorragenden Handhabung von Waffen als Silahi beruhmt. Wahrend Matraq als ‚Stab der Ringkampfer‘ oder als ‚Rapier der Fechter‘ ubersetzt wird, versteht man unter Matraqci jenen, der den Umgang mit einem solchen belehrt. Evliya Celebi bemerkt in seinem Seyahatname, dass ein Matraq in der Regel aus Buchsholz geformt und poliert wird. Einem Kegel ahnlich wird ein Matraq dicker an der Spitze, ist aber groser und schwerer als dieser. Im gleichnamigen Spiel geht es darum, den Gegner am Kopf zu treffen, wobei man ca. zwischen 160 Techniken unterscheidet. Den Angriffen des Kontrahenten erfolgreich auszuweichen, deutet hierbei auf die Begabung des Kriegers hin.

Ob Matraqcı Nasuh der Erfinder dieses Spiels sei, ist umstritten. Im Gegensatz zu Prof. Dr. Huseyin G. Yurdaydın, der 1963 diese Frage in seiner Monographie bejaht, fuhren spatere Autoren wie Erkan Davut oder Irene Waetzoldt- Reitter3 das Entstehen dieses Wettkampfes auf frühere Epochen zurück.

Die deutliche kriegerische Überlegenheit seinen Zeitgenossen gegenuber bestatigt die grosherrliche Urkunde (Berat), die ihm im Jahre 1530 vom Sultan ausgestellt wurde. Schlieslich kampfte Nasuh in den Begegnungen in Agypten zur Zeit Hayr Begs so meisterhaft, dass er mit dem legendaren Held Persiens Rustem-i Zal verglichen wurde.

Auszug aus dem Werk Umdet-ü’l-hisâb, eine überarbeitete und
erweiterte Version des Cemâl el küttâb ve kemâlü‘l-hessâb

Matraqcıs Tuhfet’ul guzat, das 1529/1530 verfasst wurde, soll eines Fechters Wegweiser darstellen. Kapitelweise handelt er hier das Bogenschiesen, den Umgang mit dem Schwert, dem Schild und der Keule samt diversen Details ab. Sein erstes Werk zur Mathematik Cemal el kuttab ve kemalu‘l-hessab schrieb Nasuh Bey im Jahre 1517 und widmete es dem Sultan I. Selim. Umdet-u’l-hisab, sein zweites Buch zu diesem Gebiet, ist eine uberarbeitete und erweiterte Version des vorigen, welches dem Kanuni uberreicht wurde. Nach Prof. Dr. İhsan Fazlıoğlu legte Matraqcı die wichtigsten Schriften der osmanischen Buchhaltungsmathematik nach Muhyiddin Atmacaoğlu vor.4 Im Vorwort des Umdet-u’l-hisab schreibt Nasuh, dass er wahrend seinem Studium der Mathematik auf folgenden Hadith des Propheten (F.s.m.I.) sties: „Rechnet eure Taten ab, ehe ihr zur Rechenschaft gezogen wird.“ Davon ermutigt beschreibt er die Mathematik als eine vornehme Wissenschaft, die mit religiosen Angelegenheiten und sicheren Verdiensten in Verbindung steht.5 Zu Beginn seiner Werke stellt Nasuh die besondere Buchfuhrungsmethode vor: die Siyakat. Diese schwerentzifferbare Schriftart dient der Geheimhaltung der Dokumente, ist platzsparend und braucht fur die Niederschrift weniger Zeit. Sowohl Umdet als auch Cemal setzen sich aus zwei Teilen zusammen, wobei der erstere aus 22 Kapiteln besteht, in denen u. a. die Zahlen, Bruche, arithmetische Grundoperationen, eines Buchhalters Recheneinheiten oder die Regula falsi-Methode, die die exakte Losung einer Gleichung ersten Grades liefert, behandelt und mit Beispielen illustriert werden. Diese sollen zum einen zum besseren Verstandnis der Lektionen, andererseits als eine Art Beweisfuhrung dienen. Die zweiten Teile widmet Nasuh 15 Anwendungsbeispielen, auf die er in den Werken seiner Vorganger selten traf. Hier diskutiert er Problemfalle aus der Erbschaft oder dem Steuersystem samt den Losungswegen.

Wo doch das Osmanische Reich die naturliche Kontinuation der „klassischen muslimischen Zivilisation“ ist, wird es fur Nasuh Bey unausweichlich, von diesem grosen Erbe zu profitieren. Deutlicher als in seinen mathematischen Schriften lasst sich dies in seinem geschichtlichen Werk nachweisen. Schlieslich fing er 1520 auf den Wunsch Sultan Suleymans an, Cerir et-Taberis (838- 923) Tarih-ul umem ve-l muluk zu ubersetzen. Jedoch bietet Nasuhs Werk Mecmau’t-tevarih mit seinen Anhangen mehr als eine Ubertragung des letzeren. Den ersten Band beginnt Nasuh mit der Erschaffung des Menschen und schliest ihn mit der Geschichte des Propheten Suleyman ab. Der zweite fangt mit dem legendaren Konig Persiens Keykubad an und reicht bis zum Sassanidenherrscher Nuşirevan. Mit der Geburt des Propheten Muhammads startend, handelt er im dritten Band den Ursprung der Turken, die Zeit der Abbasiden, Gazhnawiden, Seldschuken und auch kurz der Osmanen ab und ging schon uber eine Ubersetzung hinaus.

Jene Abhandlungen uber die Zeiten Selim und Kanunis, die in den ersten drei Schriften nicht enthalten sind und einzeln veroffentlicht wurden, fasst Prof. Yurdaydın als den vierten Band des Werkes zusammen. Suleyman-name, jene Studie der Zeit Kanunis, umfasst sechs Teile: der erste beinhaltet die Ereignisse zwischen den Jahren 1520 und 1537. Das 90-seitige Mecmu-i Menazil behandelt den ersten Iranfeldzug mit 107 Miniaturen und 25 Bildern. Fetihname-i Karaboğdan umfasst den gleichnamigen Vorstos im Jahre 1538. Tarih-i Feth-i Sikloş, Estergon ve İstolni Belgrad beinhaltet Kanunis Heereszug gegen Ungarn im Jahre 1543. Der funfte Teil handelt die Zeit zwischen 1543 und 1551 und der letztere schlussendlich den zweiten Persienfeldzug im Jahre 1548 ab.

Matraqcı Nasuh starb 1564, noch bevor er die Geschichte Suleyman des Prachtigen vervollstandigen konnte. In seinem Mecmau’t- tevarih stost man ofters auf in Versform verfasste Stellen, worauf ihm auch die Dichtkunst zugeschrieben wurde. Schlieslich endet das Pariser Manuskript des zweiten Bandes mit den folgenden Versen:

„… Oh mein Herr, erbarme jener Leben
Die dem Autor eine Fatiha geben.“
[„… Ya ilahi rahmet it ol can-cun
Kim okur fatiha yazan icun.”]


1 Erkan, Davut: Matraqcı Nasuh’un Suleymannamesi. Masterarbeit, Marmara Univ., 2005, S. 10
2 Corlu M. Sencer/Lynn M. Burlbaw/Robert M. Capraro/Ail M. Corlu/Sun Young Han: The Ottoman Palace School Enderun and the Man with Multiple Talents, Matrakci Nasuh, D – 수학교육연구, 2010, Vol. 14, S.19-31
3 Waetzoldt-Reitter, Irene: Zu den osmanischen Verbformen des 16. Jahrhunderts nach dem Mecmu-i Menazil des Matraqci Nasuh. Klaus Schwarz Verlag, Freiburg, 1978, S. 4
4 Fazlioglu, Ihsan: Devlet’in hesabını tutmak: Osmanlı muhasebe matematiğinin teknik iceriği uzerine. KutadgubiligFelsefe-BilimAraştırmaları, Nr: 17, İstanbul/Marz 2010, S.165-178.
5 Yurdaydın, Huseyin G.: Matrakcı Nasuh, Ankara Universitesi İlahiyat Fakultesi, 1963, S.17f.

Ömer Faruk Bağ

Studium der Mathematik an der Universität Wien
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