Medien als Prothesen

0

Autor: Christine Schmelter

„Medien sind die Sinnesprothesen der Menschen“1
Marshall McLuhan

Der Mensch hat die Welt dank der neuen Medien an seinen Fingerspitzen. McLuhan verwendete den Begriff des „global Village“ als es erstmals möglich war, über den Fernseher Menschen an einem Ort zusammen zu bringen, obwohl sie sich geographisch an völlig un- terschiedlichen Orten befinden könnten. Diese Form der Überwindung von Raum und Zeit ist durch das Inter- net exponentiell gestiegen. Nicht nur hat man eine viel größere Auswahl an Angeboten, sondern auch die Mög- lichkeit, direkt miteinander auf verschiedenen media- len Ebenen zu kommunizieren. Durch Hypertextualität, neue Formen der Interaktivität und den Netzwerken, die die Konvergenz verschiedener medialer Präsentations- weisen unterstützen und neue Kommunikationsformen kreieren, entstehen endlose Ressourcen des Wissens und der Kreativität, die wir schnell durchwandern kön- nen. Wie alle Medien hat auch das Internet zum einen das Bedürfnis gedeckt, schnell und effizient mit Men- schen an anderen Orten zu kommunizieren, aber auch einen enormen Raum für Wissensauslagerung geschaf- fen. Neben diesen Faktoren sind auch mit dem Internet neue Kommunikationsformen, Textsorten und dadurch Diskursstrukturen entstanden. Dieser radikale Informa- tionszufluss bietet für die Nutzer des Internets ein enor- mes Potential, aber gleichzeitig auch eine ernstzuneh- mende Herausforderung. Unglücklicherweise scheint es, dass die meisten an dieser Herausforderung scheitern und in den Möglichkeiten der Wissensauslagerung, die das Internet bietet, sich treiben lassen bis sie förmlich ertrinken. Die Möglichkeit der Wissensauslagerung war bisher immer ein gewinnender Moment in der Entwick- lung der Medien um die Wörter von Michel Serres zu verwenden.2

Das erste Ereignis in der Geschichte der Menschheit, welches überhaupt einen medialen Umbruch laut Serres ermöglichte, ereignete sich dadurch, dass der Menschen- affe sich aufrichtete und auf zwei anstatt vier Beinen ging. Dadurch wurden die Vordergliedmaßen nutzbar, mit de- nen Werkzeuge und Waffen gehalten oder handwerkliche Prozesse durchgeführt werden konnten. Man beobachte- te, dass durch diesen aufrechten Gang die Gesichtswin- kel steiler wurden und sich dadurch die Stirnlappen he- rausbilden konnten, deren Ergebnis in der Entwicklung der Sprache liegt. Wir verloren also die Möglichkeit, uns schneller auf vier Gliedmaßen fortzubewegen, gewannen aber die Fähigkeit zu greifen und, viel wichtiger, die Fä- higkeit der Sprache, die uns als erstes Medium dienen sollte. Ein offensichtlicher Gewinn für die Menschheit. Der erste mediale Umbruch der sich ereignete, hatte ebenfalls weitreichende Gewinne als Folge. Die Entwick- lung der Schrift bot ein unheimliches Entlastungspoten- tial für das Gehirn. Der Handel wurde enorm beschleu- nigt. Schriftreligionen konnten sich konstituieren, die bis heute unsere Wertesysteme prägen. Tausende Verse von Gedichten, die man sich bisher merken musste, konnten aufgeschrieben werden. Die Entlastung des Gehirns er- möglichte dem Menschen, abstrakt zu denken, wodurch wir unter anderem die Geometrie entdeckten.

Die Schrift war auch der erste Schritt zur Objekti- vierung des Wissens. Sprache und Erinnerungen sind immer subjektiv, während niedergeschriebene Texte Wissen nach einer langen Zeitperiode immer noch ob- jektiv vermitteln können. Ein erneuter Gewinn für die Menschheit.

Der zweite mediale Umbruch war die Entwicklung des Buchdruckes. Der Buchdruck verkürzte den Dokumen- tationsprozess im Vergleich zum Manuskript nicht nur maßgebend, wodurch die Naturwissenschaften entstan- den, sondern ermöglichte auch eine breitere Wissensvermittlung.

An dieser Stelle ist es interessant einen Vergleich mit der Entwicklung des Buchdrucks in der islamischen Welt zu ziehen. Da die islamische Religion viel stärker als die christliche Religion eine orale Verbindung zur heiligen Schrift hat bzw. Kalligraphie ein wichtiger Faktor in der Rezeption der Religion ist, hat sich das Medium des Buchdrucks erst sehr viel später durchsetzen können, als in der westlichen Welt. Dies ist ein sehr weitreichendes und ausgiebiges Thema, welches einen eigenen Diskurs verdient, den Dan Diner unter anderem in seinem Buch „Die verriegelte Zeit. Über den Stillstand in der islami- schen Welt“ nachverfolgt.

Mit der Entwicklung des Buchdruckes entstand das Medium, welches unser Denken seit seiner Erfindung bis zur Ablöse durch das Internet am meisten prägen sollte. Während die Manuskriptkultur dazu diente, orale Erzäh- lungen zu unterstützen, konnte die Buchdruckkultur ein chronologisches Denken in unserem Gehirn manifestie- ren. Wissen wurde nun vollkommen objektiviert. Das Buch stellt den Anfang zum ersten Massenkonsumgut dar und sollte in diesem Bereich bald durch den dritten medialen Umbruch abgelöst werden, der Entwicklung der technischen Medien.

Das Radio und später auch das Fernsehen erreichten den Menschen und brachten Einflüsse von verschiede- nen Punkten der Welt in ihr Wohnzimmer. Der Gewinn hierbei lag bei einer höheren Informationsfrequenz, die die Menschen tagtäglich erreichte und die zeitlich-räumliche Dimension, die die Informationen zum Nutzer zu- rücklegen mussten, wurde fast nicht existent gemacht. Doch der Mensch wurde zum ersten Mal zum Opfer seiner Medien. Durch die Kombination aus einer zu hohen Stellung, die das Medium einnahm, und der einseitigen Beschallung unterlag der Konsument den Institutionen, die Macht über das Medium ausübten. Es entstehen Begriffe wie „Kulturindustrie“ oder „Massen-Eremit“, die in Bezug auf die Nutzung des Mediums und dessen Folgen verwendet werden. Hier sieht man schon im An- satz, dass der Gewinn, den man durch das Medium in der gesellschaftlichen Entwicklung beobachten konnte, zwar enorm war, aber der Verlust sich nicht mehr auf die Nutzung von Gliedmaßen beschränkte, sondern auf die Nutzung unseres Verstandes.

Den letzten medialen Umbruch stellt das Internet dar. Wie schon in der Einleitung beschrieben birgt das Inter- net unendliche Möglichkeiten der Wissensauslagerung. Hier möchte ich auf das Zitat von McLuhan, welches ich am Anfang angeführt habe, verweisen. Wenn Medien die Sinnesprothesen der Menschen sind, sind wir in einer Zeit angelangt, wo sie das Potential haben uns zu einer leeren Schale zu verwandeln. Wie viel Mensch sind wir dann noch bzw. wie viel Prothese sind wir schon?

Durch Optionen wie Copy-Paste, Verlinkungen, Li- kes, Emoticons, Hashtags, Abkürzungen, Autocorrect und zunehmenden Video-Dateien im Internet hat sich unsere bisherige Form des Denkens und des Kommuni- zierens drastisch verändert. Was vorher chronologisch geordnet war und auf einer Basis „gespeicherter“ Infor- mationen fungierte, hat sich nun in ein fragmentiertes, assoziatives Denken verändert. Es ist nicht mehr not- wendig einen Satz im Kopf vorher zu Ende zu formu- lieren, weil man nicht mehr mit Tinte schreibt und mit einer falschen Formulierung von vorne anfangen muss. Man muss nicht mehr darauf achten, ob man „udn“, „dun“ oder tatsächlich „und“ schreibt, da Autocorrect es für ei- nen übernimmt. Diese komplette Entlastung des aktiven Denkens während man quasi mit der Welt kommuniziert sollte eigentlich etwas positives sein, aber wenn es dazu genutzt wird mitzuteilen, dass man aufs Klo geht, was man gegessen hat oder wie man geschlafen hat, weil man das so schnell kann, ist es einfach eine Verschwendung des unglaublichen Potentials des Mediums.

Es ist wichtig sich bewusst zu werden, was für eine Macht das Internet jedem einzelnen Menschen auf der Welt gibt. Man sieht es besonders an (aktuellen) Beispie- len wie dem arabischen Frühling, der Occupy Wallstreet Bewegung und nicht zuletzt den Gezi-Park Demonst- rationen. Innerhalb von Sekunden kann eine unglaub- liche Anzahl von Menschen national und international mobilisiert werden und Informationen können geteilt werden. Die Kombination von mobilen Geräten, die mit Kamera (Film und Foto!!) und Internet ausgestattet sind (und den sozialen Medien), setzen dem Nutzer fast keine Grenzen mehr.

Es ist wichtig, dass man als Nutzer des Internets eine kritische Position zu den Informationen, denen man aus- gesetzt ist, einnimmt, bevor man nur als leere Prothese sein Mittagessen mitteilt.


1 McLuhan, Marshall: Understanding Media. The Extensions of Man , New York, Routledge 1964
2 Serres, Michel: „Der Mensch ohne Fähigkeiten. Die neuen Technologien und die Ökonomie des Vergessens“ in: Rea- der neue Medien – Texte zu digitalen Kultur und Kommu- nikation, Hg. v. Karin Bruns, Ramón Reichert, Bielefeld, Transcript 2007. S. 76-87

Christine Schmelter

Studium der Kunstgeschichte und Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien

Letzte Artikel von Christine Schmelter (Alle anzeigen)

TEILEN

Schreiben Sie einen Kommentar

zwei + 14 =

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.