Mehr als eine Maschinerie?

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ANMERKUNGEN ZU KANTS MENSCHENBILD
Autor: Ihsan Fazlioglu

“Was ist Aufklärung?” Seit J. F. Zöllner diese Frage im Jahre 1783 gestellt hat, sind darauf die unterschiedlichsten Antworten geäußert worden. Angefangen von Moses Mendelssohn und Immanuel Kant haben Denker und Intellektuelle wie Haffner, Hamann, Cassirer, Hazard, Horkheimer und Adorno sich mit dieser Frage beschäftigt.

Zwangsläufig brachte die Aufklärung mit sich den Begriff der Gegenaufklärung; ebenso wurde statt von einer Aufklärung von verschiedenen “Aufklärungen” geredet. Mit der Zeit trat der eigentliche Gehalt der Frage in den Hintergrund und der Begriff der Aufklärung nahm allmählich Symbolcharakter an; mit diesem konnte man intellektuelle Einschüchterung betreiben. Obwohl bis heute sein Gehalt noch immer nicht klar umrissen ist, wird er in religiösen, philosophischen und sogar in politischen Diskussionen als Druckmittel eingesetzt und rücksichtslos als Instrument der symbolischen Selbstbehauptung missbraucht.

Der Berliner Pfarrer Johann Friedrich Zöllner veröffentlicht in der Zeitschrift „Berlinische Monatsschrift“ von 1783 den Artikel: „Ist es rathsam, das Ehebündniß nicht ferner durch die Religion zu sanciren?“ In einer Fußnote stellte er die provozierende Frage „Was ist Aufklärung?“. (cc) Wikimedia Commons

Im Folgenden soll unter Berücksichtigung des historischen Rahmens Kants Streitschrift in Auszügen kommentiert werden. Dieser Prozess des Kommentierens folgt der Grundannahme, dass Wissen eine zielorientierte Form des Handelns ist. Anders ausgedrückt stellen in der Tradition, der ich mich zugehörig fühle, Wissen und Handeln Zwillinge dar, dementsprechend ist Handeln ohne Wissen und Wissen ohne Handeln undenkbar. Wissen und Handeln bedingen sich gegenseitig, überlappen sich und sind gleichzeitig zwei Seiten ein und derselben Medaille. Wissen und alles damit Verbundene sind damit keine vektorenartige Bewegungen in Raum und Zeit, sondern ganz im Gegenteil ein dynamischer Strom, wo sich Konstantes und Variables ineinander umwandeln. In diesem Prozess steht alles mit allem in Relation. Auch wenn man annimmt, dass auf der Wissensebene Konstanten existieren, die von der menschlichen Wahrnehmung konstituiert werden (was quasi das zutiefst Natürliche der menschlichen Wahrnehmung ist), so sind doch Raum und Zeit mit dieser Bewegung zutiefst verbunden auf der Ebene der empirischen Realität und bedingen sich gegenseitig. Mit anderen Worten, der Begriff ist ein Konstrukt des Begreifenden, das innerhalb der Handlung des Begreifens in Erscheinung tritt.

Mit diesem Text wollen wir uns in das historische Umfeld der Frage nach der Aufklärung zurückbegeben, um diese besser zu fassen. In Kants Abhandlung “Was ist Aufklärung?” (1784) kann ein doppelter Ansatz beobachtet werden. Der erste Aspekt, welche bis jetzt großes Aufsehen erregt hat, ist auf die Geschichte bezogen und stellt eher eine Kritik der Willkürherrschaft über die menschliche Vernunft dar, wie sie in der westeuropäischen Geschichte systematisch in Kirche und Politik ausgeübt wurde. Diese Kritik steht in hohem Maße im Zusammenhang mit der gegen die Kirche gerichteten Suche nach einer tieferen Wahrheit, welche viel später als Revolution der Wissenschaft bezeichnet wurde.

Immanuel Kant: „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“. Original aus dem Jahr 1784, hier die Fassung von 1799. (cc) Wikimedia Commons

Zweifellos gab es viele materielle und geistige Bedingungen, die diesen Prozess ermöglichten: An der Spitze stehen zwei Arten von Krisen: solche epistemologischer Natur, welche nach dem Jahre 1250 Grund waren für die mathemtisch-astronomische Forschung der Schule von Meraga (Nähe Tabriz / Nordiran) und ihren Nachfolgerinstitutionen und solche, welche durch Erkenntnisse hervorgerufen wurden, die durch die Entdeckung der “Neuen Welt” eingetreten waren. Dieser Prozess bewirkte in Westeuropa, dass die Vernunft des Menschen statt durch öffentliche Institutionen vom Individuum her begründet und befähigt wurde, sich den vom System erzeugten Ängsten entgegenzustellen. Ebenso trug dies dazu bei, dass sich die Selbstwahrnehmung der Person im psychischen, sozialen, religiösen und politischen und sogar im wirtschaftlichen Bereich wandelte.

Der zweite Aspekt in Kants Abhandlung betrifft die neue Form des Wissens, welche zu seiner Zeit zu blühen begann und später systematisiert wurde und die daraus resultierende Vorstellung vom Menschen als Maschinerie.

Zweifellos legt Kant in seiner Abhandlung den Fokus auf den ersten Aspekt. Zum Ende hin verweist er jedoch auf die Gefahr dieser neuen Auffassung, welche die Vernunft des Menschen zu beherrschen und kontrollieren droht und betont, dass der Mensch eben “mehr als eine Maschinerie sei”. Dieser Hinweis Kants, so kurz er auch sein mag, zeigt, dass er die Gefahr jener neuen Wissenschaft erkannte, welche besonders durch die französischen Aufklärer betrieben wurde und auf der Grundlage des von der monotheistischen Theologie “bereinigten” Newtonschen Weltbildes ruhte.

Die Auffassung vom Menschen als Quasi-Maschinerie stellt kein isoliertes Phänomen dar, sondern gründet in hohem Maße auf einer philosophischen Vorannahme, welche aus einer neuen Form von auf die Natur ausgerichteter mechanisch-mathematisch-empirischen Forschung basierte. Diese neue Form von Wissen ersetzte Deduktion durch Verallgemeinerung, Begriffe durch Formeln, Kausal-Ursachen durch Regeln, Gewissheit durch Wahrscheinlichkeit; statt um die Erkenntnis des Logos drehte sich das Wissen nun um die “technische Vernunft”.

Dementsprechend galten nun statt tiefer Schau der Dinge Mess- und Zählvorgänge als ausreichend. Man ging davon aus, dass der Abstand zwischen dem Objekt und der menschlichen Wahrnehmung nicht durch Verstehen, sondern durch reines Rechnen und Messen überbrückt werden könne. Kurz: Phänomene, welche mit der Natur oder dem Leben in Verbindung standen, riefen kein eigentliches Staunen mehr hervor, sondern wurden auf ihren Gebrauchswert reduziert. Die Konsequenzen dieser Auffassungen sind offenkundig: Um den Gebrauch zu legitimieren, müssen sowohl Natur als auch Leben ihrer Bedeutung beraubt und “gereinigt” werden – der viel zitierte Prozess der Entzauberung der Natur.

Bereits die Griechen der Antike hatten das Wissen der noch älteren Kulturen, wie Ägypten und Mesopotamien vom Mythos entblößt, den Übergang zum Logos eingeleitet und die mythischen Kräfte des Kosmos in metaphysische Kräfte verwandelt. Diese Sichtweise erreichte insbesondere mit Aristoteles ihre höchste Form und wurde später durch andere Philosophen wie Ibn Sina (Avicenna; gest. 1037) bis an ihre Grenzen einer ständigen Modifizierung und Verfeinerung unterzogen.

Die islamische Zivilisation jedoch hatte den Tauhid (Einsheit, Einzigkeit und Unvergleichbarkeit Allahs) zu einem metaphysischen Prinzip ausgebaut. Besonders die theologisch ausgerichteten Philosophen, begriffen den Logos als Wissen. In diesem Zusammenhang befreiten sie das “Sein” von seiner Verzauberung und den Kosmos von jeglichen außer-göttlichen metaphysischen Akteuren und Ursachen. Ebenso verorteten sie die Vernunft nicht in der Natur, sondern beschränkten sie auf den Menschen. Dies leitete nebenbei konzeptionelle, semantische und theoretische Umwälzungen ein, welche den Weg für eine Wahrnehmung des Kosmos als mechanischen Zusammenhang bereiteten.

Entsprechend dieser Sichtweise wurde das menschliche Wissen in Bezug auf die Natur als etwas rein Wahrscheinliches angesehen. Wie Ibn Qutaiba hervorgehoben hat, galt als Bedingung, dass das natürliche Phänomen sinnlich wahrnehmbar und überprüfbar sei. Ebenso musste es theoretisch und praktisch nützliche Ergebnisse zeitigen. Daneben betrachteten sie beim Erwerb des Wissens über natürliche Phänomene und Ereignisse die menschliche Auffassung als Einflussfaktor und das menschliche Wissen als Verknüpfung von Wahrheit und Annahme.

Trotz all dieser Umwälzungen hat die islamische Zivilisation weder Natur noch Leben, noch den Menschen seiner Bedeutung entkleidet, da der Mensch selbst ein metaphysisches Wesen ist, anders ausgedrückt, er selbst “Bedeutung” darstellt. Aus diesem Grund kann der Mensch nicht von Bedeutung losgelöst werden, ohne ihn zu verstümmeln. Entsprechend ist die Auffassung vom Menschen als Maschinerie eine Verkürzung und verstößt, wie es bei Kant angedeutet wird, gegen den freien menschlichen Willen. Kurz, es ist unvereinbar mit der Würde des Menschen, der nun mal mehr als eine Maschinerie ist.1

Der Aufschrei Kants fand in den späteren Entwicklungen der deutschen Philosophie seinen Wiederhall. Fast alle Philosophen, die sich dem deutschen Idealismus zugehörig fühlten, bemühten sich der “Bedeutung” erneut zu ihrem Recht zu verhelfen. Besonders W. Dilthey machte sich daran, zwischen der Natur, welche durch Erklären, und dem Leben, welches durch Verstehen ergründet wird, zu unterscheiden. Damit begann man, die Bedeutung des Menschen in der Geschichte zu suchen. Wissenschaftsgeschichte wurde damit als Disziplin begründet. Man begriff, dass Wissen etwas geschichtlich Gewachsenes darstelle und damit das Ergebnis der menschlichen Suche nach Bedeutung sei. In ähnliche Richtung bewegten sich die Bemühungen des Existentialismus und Heideggers. Diese typisch deutsche Suche nach Bedeutung musste sich jedoch in den Weltkriegen vor der angelsächsischen Übermacht des technischen Wissens geschlagen geben.

Die wichtigste Furcht des Menschen ist nicht die Furcht vor dem Existieren, sondern die Furcht vor dem Vergehen. Diese Furcht bringt das Staunen und dementsprechend Bedeutung hervor. Solange es Furcht gibt, gibt es den Menschen. Solange es den Menschen gibt, kann Bedeutung existieren. Diese Bedeutung wird durch den Prozess des Verstehens wahr genommen. Daher haben die Lehren der Religionen stets ihre Unverzichtbarkeit bewiesen. Sie behandeln die zutiefst menschlichen Fragen nach dem Sein, dem Leben und der Bedeutung des Menschen.

Die Befürchtung Kants ist tatsächlich eingetreten. Der Mensch ist zur Maschine degeneriert, die Dinge wurden auf ihre Messbarkeit und Zählbarkeit reduziert, Bedeutung wurde auf Profit reduziert. Der Mensch ist nun ein Wesen, dass sich bei Google auf die Suche nach der Bedeutung von Sein, Leben und Mensch begibt. Genau dies widerspricht zutiefst der menschlichen Willensfreiheit und dem Bild des Menschen als etwas, dass eine Maschinerie übertrifft und transzendiert.

Die großen Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, sind heutzutage nicht Naturereignisse, sondern die Probleme, die aus der technisierten Wissenschaft hervorgegangen sind. Wir stehen vor der Frage: Kann der Mensch vor dem “maschinisierten Menschen” geschützt werden? Oder soll etwa der “maschinisierte Mensch” vor dem Menschen geschützt werden? Die Wahl, die zwischen diesen beiden Fragen getroffen werden muss, bestimmt die Schlachten der Zukunft um die wahre Aufklärung.

Übersetzung: Kerim Edipoğlu


[1] Zentral für die Ethik Kants ist der Begriff der Selbstzwecklichkeit des Menschen: „Handle so, dass Du Dich selbst und andere Menschen niemals nur als Mittel gebrauchst, sondern stets auch die Selbstzwecklichkeit des Menschen, seinen Charakter als freies, zu einem selbstbestimmten Lebensvollzug berechtigtes Subjekt achtest.“ (Anm. d. Übers.)

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Dr. Kerim Edipoğlu

Studium der Übersetzungswissenschaft, Islamkunde, Soziologie und allgemeinen Religionswissenschaft an den Universitäten Germersheim und Tübingen; Dozent an der Islamischen Religionspädagogischen Akademie (IRPA) Wien
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