„Migration ist mittlerweile ein globales Phänomen.“

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Ein Interview mit Dr. Katerina Kratzmann, Head of Office der IOM (International Organisation for Migration) in Wien. Die Fragen stellte Ibrahim Yavuz

Sie leiten das Österreich-Büro der IOM. Können Sie uns kurz Ihre Projekte vorstellen?
Wir haben sehr unterschiedliche Projekte von der freiwilligen Rückkehr, den Reintegrationsprojekten bis hin zu einem Forschungsprojekt und Themen der Integration. Im Länderbüro haben wir fünf Abteilungen: Administration und Finance, Operations die vor allen Dingen für die Betreuung am Flughafen (Flugbuchung, Betreuung) zuständig sind. Die dritte Abteilung ist für die Reintegration nach der Rückkehr zuständig. Dort können wir AsylbewerberInnen, abgelehnten AsylbewerberInnen, Subsidiär Schutzberechtigen sowie anerkannten Flüchtlingen Reintegrationsförderung anbieten, wenn diese zurückkehren möchten und bestimmte Kriterien erfüllen. Diese Maßnahmen konzentrieren sich vor allem auf einkommensgenerierende Aktivitäten, umfassen aber auch soziale Unterstützung für vulnerable Fälle, und werden momentan in Russland, Afghanistan, Pakistan und Nigeria angeboten. Die vierte Abteilung beschäftigt sich mit Integration. Hier bieten wir im CulTrain Projekt kulturelle Orientierungstrainings für unbegleitete Minderjährige und junge Flüchtlinge an. Die fünfte Abteilung ist das europäische Migrationsnetzwerk, ein Forschungsprojekt, wo wir verschiedene Studien zum österreichischen Kontext bezüglich Fragestellungen zu Asyl und Migration produzieren. Dazu haben wir noch mehrere internationale Projekte mit verschiedenen Schwerpunkten. Wir haben momentan insgesamt 18 Projekte – es ist ein wenig schwierig, diese kurz und knapp zusammenzufassen.

Wie ist IOM entstanden? Können Sie uns etwas über den geschichtlichen Hintergrund der Einrichtung erzählen?
Migration ist mittlerweile ein globales Phänomen. IOM ist als „Provisional Intergovernmental Commitee for the Movement of Migrants from Europe“ 1951 gegründet worden, und wie der Name schon sagt, ging es hier hauptsächlich um die Emigration nach dem Zweiten Weltkrieg, wo viele Menschen aus Europa auswandern wollten.Heute assoziieren wir mit Europa ja oft, dass alle hierher möchten – aber das war historisch nicht immer so und ist global betrachtet auch ein falsches Bild. IOM wurde dann mehrere Male umbenannt: 1952 in das Intergovernmental Comittee for European Migration (ICEM) und in den 80ern zum Intergovernmental Committee for Migration; bis wir dann 1989 zur Internationalen Organisation für Migration wurden. Die Namensänderungen reflektieren auch den Übergang von einer sehr stark operativ logistisch tätigen Agentur, hin zu einer globalen Migrationsagentur. Wenn man sich dann ansieht, was wir im Globalen bewegen, erkennt man erstens, dass die meisten unserer Tätigkeiten nach wie vor im operativen Bereich liegen (nur etliche andere Aktivitäten dazu gekommen sind), beispielsweise gerade in der Libyen-Krise. Und zweitens kann man sehen, dass unsere meisten Aktivitäten gar nicht in Europa sind, sondern auf dem afrikanischen Kontinent, Südamerika und Krisenregionen.

Betreuen Sie die Flüchtlinge, die in Europa Zuflucht suchen, oder jene, die im jeweiligen Kontinent in die Nachbarländer fliehen?
Wir betreuen gar keine Flüchtlinge. UNHCR (Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen) ist für Flüchtlinge zuständig und hat ein Schutzmandat; wir haben keines. Wir haben vor Ort verschiedene Maßnahmen, die praktisch sicherlich zum Schutz von Menschen beitragen, aber dezidiertes Ziel ist das nicht. Wir haben 155 Mitgliedstaaten und einen Rat in dem jeder Mitgliedpolitik der|wisch 10 35 staat durch einen Repräsentanten / eine Repräsentantin vertreten ist. Der Rat fungiert als oberste Autorität und bestimmt die IOM Politiken. Somit sind wir sehr stark von den Interessen der Mitgliedstaaten bestimmt, was nicht immer einfach ist, weil erstens Staaten teilweise unterschiedliche (und teilweise widersprüchliche) Interessen haben und wir nicht auf alle Wünsche eingehen können; und zweitens weil wir auch im Interesse der MigrantInnen handeln möchten. Und das MigrantInnen und Staaten nicht immer die gleichen Interessen haben, ist bekannt. Also, das ist nicht so einfach.

Denken Sie, dass Europa generell wenig Migranten aufnimmt? Sind die Grenzen dicht?
Das kommt drauf an, von welcher Gruppe sie sprechen. Es gibt die Fluchtmigration und wir haben eine Verpflichtung, einen Schutz anzubieten; die Genfer Flüchtlingskonvention wurde unterschrieben und natürlich hat man diese auch einzuhalten. Dann gibt es die irreguläre Migration, und die Grenzen sind hier teilweise sehr fließend, welche insgesamt sehr negativ wahrgenommen wird und wo der Sicherheitsdiskurs als Antwort vorherrscht. Auf der anderen Seite haben wir aber auch qualifizierte und hochqualifizierte ArbeitsmigrantInnen, wo die Staaten darüber nachdenken, wie man diese am besten anziehen und halten kann. Also, es gibt dort sehr viele Bereiche und die Grenzen sind generell nicht zu. Insgesamt nehmen Grenzübertritte zu, viele sind gewollt – und ungewollte kann man auch nicht wirklich durch Mauern verhindern. Nach wie vor gilt, was Zygmunt Bauman schon vor Jahren geschrieben hat: ‚Green light for the tourists, red light for the vagabonds‘. Wir waren schon immer an der Schnittstelle dieser zwei Seiten. Deswegen versuchen wir Lösungen zu finden, die sowohl zum Wohl der Migranten als auch der jeweiligen Regierung sind. Also ist die Frage immer die, was ich mir bei der Migration anschaue. Es gibt viele verschiedene Facetten, Gründe und Mechanismen.

Im Profil wurde kürzlich ein Bericht über die Zahl der syrischen Flüchtlinge veröffentlicht, die Österreich offiziell aufnehmen wird. Wie bewerten Sie die Situation?
Es ist grundsätzlich gut, dass Österreich die Nachbarstaaten Syriens unterstützt und entlastet, indem 500 syrische Flüchtlinge aufgenommen werden. Nach dem, was wir von den KollegInnen vor Ort wissen, ist die Versorgung in Syrien selber teilweise sehr schwierig und die Nachbarstaaten gelangen auch an das Ende ihrer Kapazitäten – daher macht es sicher Sinn, wenn die europäischen Staaten humanitäre Hilfe anbieten. Das österreichische Programm ist ja zweigeteilt (250 Menschen, die von der Kirche ausgewählt werden und 250, die von UNHCR ausgewählt werden), und von einigen Menschen haben wir die Rückmeldung bekommen, dass die Auswahl nicht nachvollziehbar ist. Wir machen den ganzen operativen Bereich und holen die Leute dann tatsächlich nach Österreich. Die Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Inneres funktioniert hier sehr gut; ebenso wie mit den anderen Beteiligten wie UNHCR und Außenministerium. Wir bekommen auch relativ viele Anfragen dazu, die sich häufig auf die Dauer beziehen. Es macht aber meiner Meinung nach hier wenig Sinn zu drängeln; Menschen brauchen einfach Zeit, um sich vorzubereiten, Dinge abzuschließen, etc. Bis sie „travel ready“ sind, wie wir sagen, dauert es – und auch bis politisch und vom Ablauf her alles geklärt ist, dauert es. Also, es ist wenig förderlich immer nach der Zeit zu fragen, wenn es doch darum gehen sollte, dass es den Menschen gut geht.

Mit welchen Problemen werden Sie im Zuge ihrer Arbeit konfrontiert?
Es gibt viele Herausforderungen, von ganz kleinen bis zu ganz großen. Häufig beobachte ich, dass verschiedene Ebenen fast gar nicht mehr zusammenzubringen sind; es sind einfach unterschiedliche Realitäten. Realitäten der Menschen, Realitäten in der Politik, Realitäten im akademischen Diskurs – teilweise ist das sehr weit voneinander entfernt und das gegenseitige Verständnis wird dadurch nicht unterstützt. Migration ist ein stark politisch besetztes Thema und ich kann eigentlich nichts machen, ohne Politik mit zu bedenken. Und der einzelne Mensch ist ja auch politisiert. Der kann nicht mehr als einzelner Migrant oder einzelner Flüchtling sagen: „Ich bin doch nur eine Person und ich will mit dem ganzen Fremdenrecht in Österreich nichts zu tun haben, verstehe ich sowieso nicht, das ist mir zu kompliziert.“ Das kann er zwar sagen, aber nichtsdestotrotz wird es ihr oder sein Leben total beeinflussen und bestimmen. Dieses Spannungsfeld, das Verhältnis von dem Einzelnen, in diesem Fall Migrant, zur Gesellschaft, spiegelt sich in all unseren Projekten wider.

Kann man bezüglich der EU-Politik etwas beeinflussen oder verändern; vor allem was die EU-Erweiterung anbelangt, durch die ja nun Menschen, die einst einen Asylantrag stellen mussten, Teil der EU sind?
Die EU Politik wird jeden Tag beeinflusst – es fragt sich eher: von wem? EU-Bürger können jedenfalls keinen Asylantrag in der EU stellen, da davon ausgegangen wird, dass die EU sicher ist. Was allerdings nicht heißt, dass das Asylsystem in allen Mitgliedstaaten gleich ist. Das wird durch das Common European Asylum System (CEAS) angestrebt, aber noch ist es nicht soweit.

ZUR PERSON:
Dr. Katerina Kratzmann hat in Berlin Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaften mit Fokus auf Migration, Fremdenfeindlichkeit und Integration studiert. Es folgte ein Jahr Auslandsaufenthalt in Großbritannien. Wieder in Wien wurde sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Wien (Europäische Ethnologie) und schloß ihre Doktorarbeit ab (Projekt über undokumentierte Migranten). Nach zwei Jahren Beschäftigung in der freien Wirtschaft, begann sie schließlich ab 2010 bei der IOM zu arbeiten, zuerst als Head of Research und heute als Head of Office.

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