93/13

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INTERVIEW MIT MIRZA ODABAŞI geführt von Ibrahim Yavuz

Es ist 20 Jahre her, dass bei einem rassistischen Brandanschlag in Solingen (Deutschland) fünf Menschen ums Leben kamen. Nachdem die vier Täter, die das Haus der Familie Genç in Brand gesteckt hatten, ihre Haftstrafe verbüßten, sind sie mittlerweile wieder auf freiem Fuß.

Der Grafikdesignstudent Mirza Odabaşı (25) nahm dieses Ereignis zum Anlass, eine Dokumentation mit dem Titel „93/13 – Zwanzig Jahre nach Solingen“ zu drehen.

Zum Zeitpunkt der Ereignisse in Solingen warst du ja noch ein Kind. Was hat dich dazu bewegt, 20 Jahre später ein Filmprojekt darüber ins Leben zu rufen? Woher kam das Interesse?
Ich war fünf Jahre alt als der Brandanschlag von Solingen war. Ich erinnere mich an die Nachricht, dass Rassisten andere Menschen aufgrund ihrer Herkunft getötet haben. Ich habe mich an die Angst erinnert, die ich mit fünf hatte. Die Angst bleibt dieselbe, auch nach 20 Jahren. Nach der Aufdeckung der NSU-Morde habe ich Angst. Ich rede nicht von der Angst, durch die Straße zu gehen und physisch angegriffen zu werden, sondern von der Angst davor, keine Ruhe zu finden. Angst davor, immer zu wissen, dass man anders ist. Angst davor, immer Angst zu haben in seinem eigenen Land. Ich habe bei der Recherche zu meinem Film zum Beispiel erfahren, dass es damals viele türkische Familien gab, die Funkgeräte zu Hause hatten. Einige haben auch zeitweise nachts Wache geschoben.

Worum geht es in dem Projekt „93/13“?
Der Film „93/13“ beschäftigt sich mit dem Solinger Brandanschlag, der NSU-Mordserie und dem Alltagsrassismus, der anhand von Gesprächen dargestellt wird. Es ist eine persönliche Verarbeitung bestimmter Rückschläge, die ich als in Deutschland Geborener hinnehmen musste und muss. Es gibt viel Berichterstattung und viele Auseinandersetzungen mit dieser Thematik, aber nie aus der Sicht der „Betroffenen“. Es ist die Kommunikation einer ganzen Generation.

Was ist dein primäres Ziel und wen möchtest du in erster Linie damit erreichen?
Wir sind eine Gesellschaft. Ich habe keinen Film über Türkenfeindlichkeit gedreht, sondern über Menschenfeindlichkeit. Wenn in Solingen Deutsche umgekommen wären, wäre das genauso traurig. Ich möchte damit bezwecken, dass wir in Deutschland ein gemeinsames „Problem“ haben, denn die Mehrheitsgesellschaft interessiert sich nicht für rassistische Übergriffe, solange sie sich nicht mit den Tätern oder Opfern identifizieren kann.

Gab es Schwierigkeiten während der Entstehung des Films?
Da ich eine Dokumentation gedreht habe und daher kein Drehbuch oder Ähnliches hatte, war ich abhängig von den Aussagen und Berichten von Anderen und am Anfang meiner Reise war ich von einigen Statements sehr enttäuscht, weil ich es mir zum Beispiel so nicht vorgestellt hatte. Aber mit der Zeit bin ich auch da reingewachsen und habe es viel besser verstanden. Ich habe nicht mein Wissen geteilt, sondern vieles sogar selbst gelernt, auf der Suche nach Antworten.

In einem Interview mit dem Deutsch Türkischen Journal hast du gesagt „Wir sind die Re-Generation“. Was macht diese Generation aus?
Die erste Generation der Einwanderer kam nur zum Arbeiten. Die zweite Generation schwankt zwischen gehen und bleiben, die dritte hingegen ist hier geboren und ist nicht heimatlos, sondern alternativlos. Für mich gibt es den Gedanken nicht, irgendwohin zurück zu gehen, da es dort keinen Anfang gab. Wir haben das Potenzial in Deutschland, etwas besser oder anders zu machen, weil wir die Generation sind, die frei von den Gedanken der vorigen Generationen ist.

Vielen Dank und viel Erfolg weiterhin!

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