Muslime in Österreich

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Autor Tarkan Tek

Österreich ist in der Europäischen Union das einzige Land, das den Islam offiziell anerkannt und ihm den Status einer religiösen Gemeinschaft verliehen hat. Die Vorgeschichte dazu beginnt beim Berliner Kongress im Jahre 1878: Im Zuge einer Neuaufteilung der Gebiete wurde Bosnien-Herzegowina Österreich-Ungarn zugesprochen – zunächst nur zur Verwaltung, bevor es 1908 vollständig annektiert wurde. Hier übernimmt die österreichisch-ungarische Monarchie nicht nur das Gebiet von Bosnien und Herzegowina sondern auch eine großteils muslimische Bevölkerung, was dazu führt, dass am 15. Juni 1912 eine gesetzliche Regelung – das Islamgesetz – erlassen wird. Die Anerkennung des Islams in Österreich erfolgte also aufgrund dieser Annexion Bosniens und erst dadurch beginnt man auch den Islam besser kennenzulernen. Die massive Arbeitsmigration aus der Türkei und aus Ex-Jugoslawien seit den 1960er Jahren hat ihr Übriges getan und dazu geführt, dass sich ein wichtiger muslimischer Bevölkerungsanteil auch innerhalb der Grenzen des heutigen Österreichs etabliert hat.

Im Jahr 2012 wird die hundertjährige offizielle und staatliche Anerkennung des Islams durch das österreichische Islamgesetz mit verschiedenen Veranstaltungen gefeiert. Zu diesem Anlasss ist von drei renommierten ProfessorInnen der Universität Wien (Susanne Heine, Rüdiger Lohlker, Richard Potz) das Buch “Muslime in Österreich” erschienen. Die Autoren recherchieren seit langem über Muslime und den Islam in Österreich und verfügen über profunde Quellenkenntnisse.

Dies ist deshalb wichtig, weil sowohl in Europa als auch in Österreich viele Bücher geschrieben werden, die den Islam und die Muslime zum Thema haben, aber von reflexartigen Vorurteilen durchzogen sind oder geringe bis keine Kenntnisse über die islamische Theologie vorweisen können. Wie auch im Vorwort betont wird, haben sich dagegen die Autoren des Buches bemüht, der Pluralität Rechnung zu tragen und nicht in einseitige Bewertungen zu verfallen (S.13).

In dem Buch werden die lange Geschichte der Muslime in Österreich sowie die verschiedenen islamischen Glaubensgemeinschaften und Organisationen reflektiert. Als offizielle Vertretung für die verschiedenen muslimischen Gemeinschaften wurde 1979 die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) als Körperschaft öffentlichen Rechts gegründet. In diesem Sinne versteht sich auch die IGGiÖ heute als Koordinationszentrum für Muslime in Österreich.

Daneben werden in dem Buch auch aktuelle Statistiken über Muslime präsentiert, wobei es nicht verwundert, dass die letzten offiziellen Statistiken aus dem Jahre 2009 einen Anstieg der muslimischen Bevölkerung zeigen. Laut dieser Statistik bekennen sich 515.914 Menschen zum Islam.Diese Zahl entspricht 6,2% der österreichischen Gesamtbevölkerung (S.19). Während dabei der regional größte Prozentsatz von Muslimen mit einem Anteil von 8,4% an der Bevölkerung in Vorarlberg lebt (S.132), ist der zahlenmäßige Großteil der muslimischen Bevölkerung in der Hauptstadt Wien wohnhaft. Interessant ist auch, dass die Statistik Austria prognostiziert, dass sich im Jahre 2051 der Anteil an Muslimen in Österreich auf schätzungsweise rund 18,6% erhöhen wird (S.20).

In dem Buch werden systematisch Themen behandelt, die von den Anfängen des Islams in Österreich bis zu der Art und Weise, wie die Muslime ihre Institutionen und Organisationen etablierten, reichen. Auch die gegenwärtige und zukünftige islamische Präsenz in der österreichischen Gesellschaft und der damit verbundene aktuelle Islam-Diskurs (Islamfeindlichkeit, Jugendprobleme, das Minarettverbot, Halal-Schlachtung, Kopftuchproblem, usw.) werden kompetent abgehandelt.

Im letzten Teil wird umfassend auf den geschichtlichen Hintergrund eingegangen, die Beziehungen zwischen dem Christentum und dem Islam angeführt, christlich-muslimische Gespräche und Begegnungen sowohl in Europa als auch in der islamischen Welt erörtert. Zwar gibt es Aspekte, die Muslimen und sonstigen thematisch Interessierten bereits bekannt sein werden, doch sollte bedacht werden, dass sich das Buch auch voraussetzungslos an eine allgemeine Leserschaft richtet. Deswegen werden auch grundlegende Prinzipien des Islams umfassender erklärt – wie das Gebet, das Fasten, die Armensteuer, die Wallfahrt, die innerislamischen Strömungen, das Kalifat, die Scharia oder die Familie im Islam.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Autoren in ihrem Werk versuchen, die soziologische, demographische und geschichtliche Lage der Muslime in Österreich in ihren allgemeinen Zügen nachzuzeichnen. Mit seinem Titel ist dieses Werk eine erfreuliche Ausnahme, da hier Muslime und nicht der Islam genannt werden – was allem Anschein nach einen orientalistischen Essentialismus vermeiden soll. Das Buch stellt sich unter allen Veröffentlichungen über Muslime in Österreich bis heute als die am besten recherchierte und inhaltlich bedeutsamste Studie dar.


Titel: Muslime in Österreich
Autoren: Susanne Heine, Rüdiger Lohlker, Richard Potz
Verlag: Tyrolia – Verlag Innsbruck – Wien- 2012
Seiten: 296

Tarkan Tek

Politikwissenschaftler, NGO-Mitarbeiter, Studium der Politikwissenschaft an der Universität Wien
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