Social Distancing – für immer?

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Stell dir vor, die Ausgangssperren werden aufgehoben, aber keiner will heraus? Wo man sich doch so bequem vom Sofa aus die Welt aneignen kann, sich durchklickend und durchscrollend. Mag sein, dass im historischen Rückblick eines Tages die Corona-Quarantäne endgültig für die Durchsetzung der weltweiten Digitalisierung verantwortlich gemacht werden wird. Ein epochemachender Einschnitt könnte es sein.

In manchen der Ecken der islamischen Welt wird schon über Ersatzriten nachgedacht: Dschum’ah-Gebet von Zuhause aus, vor dem Bildschirm. Sicherlich brauchen die Menschen in dieser Zeit ein bisschen Halt, andererseits führt ein Nachgeben hier noch weiter zu einer Erosion des Gemeinschaftsgefühls. Zum rituellen Gebet gehört das Stehen Schulter an Schulter, denn nur so kann die Hingabe und die Sorge vor dem Jüngsten Tag auch tatsächlich körperlich nachgefühlt werden. Nicht immer ist es leicht, im realen Leben mit dem Menschen auszukommen. Schulter an Schulter zu stehen – das ist mehr als nur eine nette Geste. Es zeigt, dass man den anderen benötigt. Es zeigt, dass man sich bemüht, die Schranken des Individualismus zu überschreiten. Will eine Gesellschaft dies nicht mehr ausführen oder kann es nicht, dann verheißt das nichts Gutes. Jede Ersatzhandlung beeinflusst den Blick auf das Ursprünglich-Eigentliche und bringt ein Surrogat hervor.

Digitalisierung: warum?

Social Distancing kann süchtig machen. Wie schön, wenn man sich vom anderen zurückziehen kann und nur in ausgewählten Maße online kommuniziert. Wen man nicht mag, den klickt man einfach weg. Etwas, was im realen Leben nicht so leicht geht. Blickkontakt, Körpersprache – all das schafft Bindungen, die nicht so leicht zu kappen sind. Es sind Hindernisse gegenüber der drohenden Vereinzelung. Die Digitalisierung macht hier vieles leichter. Vielleicht zu leicht.

Vielleicht lernen wir auch in der jetzigen Situation, den Wert des Zusammenseins mit anderen mehr zu schätzen. Wer macht nicht gerade Pläne für die Zeit danach. Zusammensitzen, ohne bei jeder Begrüßung instinktiv an Ansteckung zu denken. Doch werden wir es umsetzen können? Oder bleibt es ein Neujahrsvorsatz, der morgen schon vergessen ist?

Die Welt ist kompliziert geworden, unübersichtlich. Digitalisierung ist unter anderem ein Resultat des (nachvollziehbaren) Wunsches, alles bequem, aber auch anonymisiert und losgelöst von tatsächlichen Face-to-Face-Beziehungen, funktionieren zu sehen. Möglicherweise bekommen wir durch diese Krise das, was wir als Einzelne schon längst systematisch vorbereitet haben. Weil wir uns alle in unser eigenes Häuslein zurückgezogen haben, werden wir jetzt in dieses Häuslein hineingezwängt und die Tür hinter uns verriegelt.

Digitalisierung bedeutet immer auch Störanfälligkeit. Je komplizierter und ausgeklügelter ein System, desto leichter gerät es aus der Balance. Das erzeugt Ängste. Und diese Ängste wiederum verstärken die Neigung, noch mehr Sicherheitsmaßnahmen und komplizierte Überwachungsmechanismen zuzulassen. Alles erinnert uns an die sorgfältig aufeinandergeschichtete Pyramide – im qur‘anischen Sinne sicherlich ein Symbol des pharaonischen Sicherheitssystems. Jeder Einzelne trägt einen Stein dazu bei, damit das große Ganze weitergeht. Eingekauft wird Sicherheit und Geborgenheit, verkauft wird jedoch die menschliche Freiheit und Würde des Einzelnen. Je höher die (soziale) Pyramide, desto stärker der Wunsch des Einzelnen, es sich in diesem Gebäude gemütlich zu machen. Doch der Preis ist hoch: Die Pyramide, die eigentlich in ihrer Zerbrechlichkeit einem Spinnennetz ähnelt, muss beschützt werden. Die Wahrheit muss verdreht werden, die Sonne verdunkelt werden, um ja nicht Kritik und Widerstand zuzulassen.

Digitalisierung bedeutet Anonymisierung. Wer was macht und einleitet, ist kaum noch zu durchschauen. Nur zu erahnen. Logisch, dass im gleichen Maße Verschwörungstheorien florieren. Je unübersichtlicher das Ganze, desto einfacher und banaler gestrickt dürfen die Verschwörungstheorien sein, um dem Einzelnen noch eine Erklärung zu liefern: eine „Erklärung“ – oder wahrscheinlich eher ein weiteres Lügengespinst.

Ihr dürft jetzt rauskommen

Was wird geschehen, wenn am Ende der Quarantäne die Menschen sich weigern, herauszukommen. Gewiss nicht im physischen Sinne. Die Parks werden sicherlich gefüllt und die ersten Urlaubsreisen schnell ausgebucht sein. Doch wenn sie nicht wirklich aus ihrem Schneckenhaus herauskommen? Wenn Social Distancing zum Normalzustand wird – aus Angst vor Veränderung? Geschichtlich scheint es häufig zu sein, dass am Ende von Epidemien der Wunsch nach stärkerer staatlicher Kontrolle zunimmt. Verständlich – einen Vorwurf kann man kaum jemandem machen. Werden wir unsere letzten Freiheiten dem Staat zu Füßen legen wie ein Opfer? Als ob wir unsere Opfergabe übergeben und uns endgültig der staatlichen Überwachung überantworten: mit einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit und der Ehrfurcht vor dem Großen und Ganzen? Ein Herz im Austausch für reibungsloses Funktionieren?

Klingt dystopisch, soll es aber nicht. Es soll uns lieber zum Nachdenken anregen, wie wir uns selbst verorten im großen Ganzen und dass wir uns nicht unter Wert verkaufen. Bei Rumi heißt es:

O Herz, wenn du nach Gras dich bückest, – was soll ich tun?
In Eden keine Rosen pflückest, – was soll ich tun?
Strahlt nicht die Welt von Seiner Schönheit in hellem Glanz?
Blind bist du, daß du’s nicht erblickest! Was soll ich du tun?!
(Rumi: Gedichte aus dem Diwan. München 2003, S. 56)

Warum gerade ein Gedicht von Rumi? So viel Romantik in unserer Situation – ist das nicht zynisch? War das nicht ein Dichter, der vor 800 Jahren durch Rosengärten spazierte? Weit gefehlt. Rumi erlebte eine der schlimmsten Epochen der Menschheit. Die Zeit des mongolischen Völkermords. Rumis Heimat war verwüstet, wie der gesamte Osten der islamischen Welt. Ganze Landstriche verödet und entvölkert. Rumi: ein Flüchtling. Er begab sich in das Reich der Rum-Seldschuken von Anatolien, einem letzten Refugium vor dem großen Sturm. Die Mongolen folgten jedoch bis Anatolien und fast hätten sie das Seldschuken-Reich ebenfalls vernichtet. Und was macht Rumi? Er hätte genug Grund gehabt, zu klagen, zu lamentieren und zu fluchen. Ihm ging es um etwas anderes: Wie kann man in dieser Welt trotz all ihrer Prüfungen den Blick so verändern, dass man sich nicht mit dem Gras zufriedengibt – in Rumis Bildsprache offensichtlich eine Anspielung auf das grasende Vieh–, sondern dass man Wertvolleres pflückt. Der Garten liegt vor der Nase: Man muss ihn nur sehen.

Sollte es also in wenigen Wochen an der Tür klopfen und man hört „Ihr könnt nun herauskommen“, dann kann man das im rumischen Sinn deuten: herauskommen, um noch mal die Welt mit einem anderen Blick zu betrachten.

Bildnachweis: https://www.verywellmind.com/what-is-social-distancing-4799570

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About Author

Studium der Übersetzungswissenschaft, Islamkunde, Soziologie und allgemeinen Religionswissenschaft.

1 Kommentar

  1. Wunderschön und auf den punkt gebracht. Vielen Dank für die Aussicht danach und das reflektieren der Gegenwart.

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