ŠTO TE NEMA?

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Erinnerungskultur – ŠTO TE NEMA? (Wo bleibst DU? / Warum bist DU nicht hier?)

Mit ŠTO TE NEMA schuf Aida Šehović eine Art Nomaden-Denkmal für die 8.372 Opfer des Genozids in Srebrenica, das jedes Jahr in einer anderen Stadt durchgeführt wird. Dabei handelt es sich um von vielen Menschen gespendete mit bosnischem Kaffee gefüllte Findžani (kleine Kaffeetassen), die am Jahrestag (11. Juli) aufgestellt werden. Jede Kaffeetasse steht für ein Opfer, welches aus dem Leben gerissen wurde. Seit 2006 findet diese Ausstellung jährlich in unterschiedlichen US-amerikanischen und europäischen Städten statt. Das Projekt ŠTO TE NEMA schafft für vom Genozid betroffene Hinterbliebene und mit jenen sich Erinnernde einen integrativen Raum, der es ermöglicht, sich den Völkermord zu vergegenwärtigen, sich gemeinsam zu erinnern, aufarbeitend zu trauern und einander heilend beizustehen.[1]


Šehović, Aida, https://www.aidasehovic.com/

Genozid in Srebrenica, Opfer des Krieges in Bosnien

„Srebrenica“ ist heutzutage jedem ein Begriff, es erfolgt nicht unbedingt sofort eine geografische Assoziation, sondern es wird in erster Linie in den Köpfen die Erinnerung an ein Horrorszenario provoziert. „Srebrenica“ ist zum Synonym geworden für Völkermord, systematische Aggression und Gewalt, Verlust, „Im-Stich-gelassen-werden“ u.v.m.

Doch wie kam es dazu, dass zu Ende des Bosnienkrieges, am 11.7.1995 der größte organisierte Massenmord in Europa seit dem 2. Weltkrieg stattfand?

Noch immer gibt es Menschen, die verleugnen, dass an diesem Tag mehr als 8000 muslimische Männer und Jungen hingerichtet wurden, sie wollen den Genozid totschweigen, und versuchen, die Opfer zu Tätern zu machen.

Warum versucht man nicht, zu vergessen – oder besser – warum versucht man, nicht zu vergessen?

Erinnerungskultur – wozu?

Vergeben und vergessen oder doch bewusst erinnern? Solche Traumata kann man nicht vergessen, man könnte sie bestenfalls verdrängen. Aber man kann mit Hilfe einer Erinnerungskultur versuchen, das Erlebte dahingehend zu transformieren, dass die Erinnerung daran einen nicht zerstört. Durch ein Zusammenkommen von Betroffenen und auch nicht direkt Betroffenen kann man zur Aufarbeitung des Traumas auf Seiten der Opferfamilien durch bewusstes Gedenken verhelfen. Das bedeutet nicht, dass Hass und Schmerz ständig erinnert und vergegenwärtigt werden, es ist eine ewige Erinnerung, aber NICHT ewiges Leid und Schmerz, man darf keine Zonen des Schweigens und Verdrängens zulassen, sonst ist keine Transformation möglich.

Positive Erinnerungskultur! – Aber wie?

Erinnerungskultur soll hier im positiven Sinne geschaffen werden, damit so etwas nie wieder passiert. Ganz sicher nicht in dem Sinne, dass das Leid immer wieder neu „aufgewärmt“ und der Hass immer wieder neu geschürt wird, um, wenn es möglich wäre, den Gegenschlag auszuführen. Will man sich weiter in diesem Leid suhlen, oder daraus lernen, weitergehen? Es muss ein Weg von der negativen zur positiven Erinnerungskultur geschaffen werden, indem Möglichkeiten aufgezeigt werden, um die Sichtweise und den Umgang mit dem Erlebtem zu ändern (wobei viele „Betroffene“ es gar nicht selbst erlebt haben, aber durch den Umgang der Peergroup mit diesem Thema dieses Verhalten selbst internalisieren).

Wichtig ist dabei eine konstruktive Erinnerung zu kreieren, damit sich Geschichte nicht wiederholt. Nicht Hass soll an die Nachfolgegeneration weitergegeben, viel eher soll mit ihr gearbeitet werden, eine eigene Erinnerungskultur mit ihr zu schaffen, ihnen Settings anbieten eventuell durch Schulprojekte oder mediative Begleitung zur Bewusstseinsänderung, wo Fachleute bzw. neutrale Personen notwendig sind, um den Menschen Kanäle, Ventile, Wege aufzeigen, über diese schwierigen Themen zu reden und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Denn nur durch positive Erinnerungskultur ist eine Änderung des Bewusstseins und ein Abnehmen des Misstrauens denkbar.

Vor allem der Jugend muss die Wertigkeit der Aspekte der Zwischenmenschlichkeit und gegenseitigen, individuellen Verantwortung füreinander, weg vom Nationalitätsdenken, bewusst gemacht werden, um sie zur Idee des Menschseins hinzuführen.

Wo bleibst DU? – Im Leid, oder kommst du in der Gegenwart an?

Wie leicht neigt der Mensch dazu, mit seinem Schicksal zu hadern, zu fragen – „Warum passiert das gerade mir?“ – im Sinne einer Anklage gegen alle anderen, aber nicht als Selbstreflexion. Natürlich kann man den Opfern nicht die Schuld zuweisen, jedoch muss man alles aus dem holistischen Blickwinkel betrachten.

„[…] ALLAAH ändert nichts von dem, worin Menschen sind, bis sie das ändern, was sie in sich tragen. Sollte ALLAAH für Menschen Übel bestimmen, so kann es nicht aufgehalten werden. […].“ [13:11]

Allaah prüft oder bestraft oft ein ganzes Volk, nicht nur einzelne Individuen in ihm. In diesem Sinne ist die Erinnerungskultur eine Bewusstmachung im Sinne der Erziehung des Individuums als Grundlage der Gesellschaft. Jeder einzelne ist verantwortlich für die Gesellschaft, für die Ummah – also – ist die Gesellschaft die Summe ihrer Teile (Individuen)? Oder doch mehr – nämlich wirklich eine Ummah?

Ist es nicht so, dass für Menschen mit islamischem Bewusstsein der Umgang mit Verlust und Trauer anders geartet als für Menschen ohne islamisches Bewusstsein ist? Diese sehen nur die Sinnlosigkeit und übertragen die Hassgefühle gegenüber den Kriegsgegnern auf die gesamte Ethnie der Täter.

„WIR werden euch mit etwas Angst, Hunger und Rückgang von Vermögen, Bevölkerung und Erzeugnissen prüfen! Überbringe den Duldsamen frohe Botschaft – die, wenn ein Unglück sie trifft, sagen: ‚Wir gehören ALLAAH und zu IHM werden wir zurückkehren‘“ [2:155-156].

Hat Allaah die Menschen verlassen oder die Menschen Allaah? Wann ist dies geschehen? – Als Reaktion auf diese traumatischen Erlebnisse oder schon zuvor? Oder waren diese Erlebnisse eine Strafe auf die Abwendung eines Teils des Volkes von Allaah? Oder war es gar für viele eine Barmherzigkeit Allaahs, Der sie dadurch zu Ihm zurückkehren ließ?

Šarena džamija, Travnik. (Eigene Aufnahme 2017)
Šarena džamija, Travnik. (Eigene Aufnahme 2017)

ŠTO TE NEMA? Als Frage von Allaah? Bei wem suchten einige Menschen Hilfe? – Bei Tito oder anderen Menschen (Nato)? Schon bei Kriegsausbrauch rannten Teile der bosnischen Bevölkerung mit Tito-Bildern im Arm auf die Straße und flehten ihn um Hilfe an. Auch in die anwesenden Nato-Truppen setzten viele ihre Hoffnung auf Hilfe – doch ist nicht Allaah der beste (einzige) Beschützer? „[…] Auch haben sie anstelle von IHM keinen Beschützer.“ [13:11]

ŠTO TE NEMA? In der anfangs erwähnten Aktion ist mit dieser Frage der Verstorbene gemeint, in dieser Ausführung zur Reflexion jedoch ist jeder einzelne von uns gemeint.

ŠTO TE NEMA? Wo bleibt das islamische Bewusstsein?

ŠTO TE NEMA? Wo bleibt die Ummah?

Denn nur eine starke Erinnerungskultur, in der die Ummah ihre Erinnerungen an die nächste Generation weitergibt, kann dazu beitragen, dass sich die Inschrift auf dem Mahnmal von Srebrenica verwirklicht:

„Möge Srebrenica nie wieder stattfinden: Niemandem und Nirgendwo! Mögen die Tränen der Mütter zu Gebeten werden.“


Belma Muhić – Studium an der IRPA/KPH-Wien in Religionspädagogik, Master in Interreligiöse Kompetenz und Mediation.


[1] Vgl.: Šehović, Aida: https://www.aidasehovic.com

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Der.Wisch – Zeitschrift für Vielseitige

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