Was kommt nach dem Kemalismus?

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Autor: Sinan Ertuğrul

Bevor wir anfangen diese Frage zu beantworten, müssen wir folgendes klären: Was ist der Kemalismus? Wie ich bemerkt habe, hat man einen sehr positiven Eindruck von Kemal Atatürk, und zwar nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa. Das ist natürlich berechtigt, aber mangelhaft. Für einen durchschnittlichen Europäer ist Atatürk im wahrsten Sinn des Wortes das moderne Gesicht der Türkei. Es gibt sehr unterschiedliche Atatürk- Interpretationen, darum möchte ich hier keinen polemischen Text verfassen. Atatürk und seine Ideologie, der Kemalismus, sind zudem auch emotionale Themen, deswegen möchte ich nur von Fakten sprechen, damit ich nicht als „Atatürkhasser“ oder Bewunderer identifiziert werde. Mein Hauptthema ist die Geschichtsphilosophie des Kemalismus und seine Rezeption in der Türkei.

Zunächst muss klar gestellt werden, dass Atatürk ein Kind seiner Zeit ist. Sein berühmtestes Zitat lautet: „Die Türkei wurde an die westliche Zivilisation angepasst“. Atatürk ist im Jahr 1938 gestorben und zu dieser Zeit waren folgende Politiker in Europa repräsentativ für die westliche Zivilisation: Adolf Hitler, Franco, Mussolini, Stalin und die anderen kleinen Diktatoren. Atatürk konnte fließend Französisch und ein bisschen Deutsch, seine Begeisterung für die Französische Revolution war bekannt, er hatte wahrscheinlich alle französischen Klassiker gelesen und er nahm die Jakobiner als Vorbild. Seine Art die Türkei zu modernisieren, war totalitär und autoritär. Er hat eine Republik mit einem Parlament gegründet und es existierten theoretisch auch Wahlen, aber bis zu seinem Tod regierte er mit eiserner Hand. Der Legende nach hat Atatürk schon im Jahr 1926 das Wahlrecht für Frauen eingeführt, fast jeder halbwegs gebildete Österreicher weiß heute darüber Bescheid. Was sie aber nicht wissen ist, dass sowohl Frauen als auch Männer erst im Jahr 1950 bei den ersten freien Wahlen teilgenommen haben. Das heißt ein Recht allein reicht nicht aus, um Demokrat zu werden. Wie wir aber schon oben beschrieben haben, waren seine Vorbilder in Europa nicht besser als Atatürk. Ich möchte mit diesem Argument nur die Situation besser verstehen, warum er so gehandelt hat. Natürlich legitimiert dieses Argument nicht seine Taten.

Als Jakobiner verdrängte Atatürk all seine potentiellen Gegner, befestigte seine Macht, bestellte ein Alibi-Parlament und versuchte das Land nach seinem eigenen Willen zu modernisieren. Natürlich hat er auch gute Dinge vollzogen: Straßen, Schulen, Fabriken – sowie andere Entwicklungsdiktatoren auf dieser Erde. Sein größtes Vorhaben war es aber aus einem multi-ethnischem Reich einen nationalen Staat zu kreieren. Nach französischem Vorbild bezeichnete er die osmanische Zeit als Ancien Régime. Atatürk hat in aller Eile nacheinander viele Reformen durchgeführt: Kalender, Schrift, Zivilrecht nach Schweizer Vorbild. Ironischerweise wurde zum Beispiel die Übernahme der lateinischen Buchstaben im Jahr 1926 durchgeführt, aber das mit arabischen Buchstaben bedruckte Geld – auf dem sein eigenes Konterfei zu sehen war, blieb bis 1936 im Umlauf, solch eine Praxis war sonst nur Königen vorbehalten gewesen. Um die Lage besser zu verstehen möchte ich dieses Beispiel näher erörtern: Stellen sie sich vor, dass Dr. Karl Renner – nach seiner Rückkehr von St. Germain – Geldscheine drucken lässt, worauf sein eigenes Abbild zu sehen ist. Wie würden Österreicher dieses interpretieren? Engelbert Dollfuss ist immer noch ein Streitthema in Österreich, aber trotzdem würde ihn niemand als Erneuerer oder Modernisierer bezeichnen, nicht einmal die Christdemokraten.

Um einen Nationalstaat zu schaffen braucht man eine Geschichte, die auch diesen Zweck erfüllt. Nach der Hegelschen Geschichtsphilosophie wurde eine determinierte, kontinuierliche Geschichte neu geschrieben. Nach dieser Geschichte wurde das ganze osmanische, seldschukische, römische, hellenistische und persische Erbe von Anatolien ausgeblendet und so kam man auf die Hettiter für den Anfang der Geschichtsschreibung. Im Jahr des Nürnberger Rassengesetzes tritt in der Türkei Atatürk als Initiator einer Tagung auf. Nach dieser „wissenschaftlichen“ Tagung wurde am Schluss eine Theorie ins Leben gerufen, die lautete: „Sonnensprachtheorie“. Nach dieser Theorie würden alle Sprachen dieser Erde von der türkischen Sprache abstammen. Ich möchte hier nicht Atatürks Interesse an der verlorenen „Mu“ Zivilisation erwähnen, aber seine Mammut-Projekte zeigen, wie ambitioniert dieser Mann gewesen war.

Wenn wir zurück zur Geschichtsphilosophie in Verbindung mit dem Kemalismus kommen, so können wir sagen, dass wir diesen blinden Nationalismus aus Europa bereits kennen. Das Problem ist nicht nur eine eigene Geschichte zu schreiben, die in der tiefen Vergangenheit liegen soll, sondern die nahe liegende Geschichte wird dabei total ausgeblendet. Wenn es um die Kurdenaufstände geht oder die Dersim-Massaker, die armenische Vertreibung oder alle anderen Menschenrechtsverletzungen gegenüber den türkischen Bürgern; diese alle werden auch nach Lust und Laune neu geformt und niedergeschrieben. Was einmal für die Modernisierung der Türkei als Vorantreibung der Institutionen und Gesetze galt, ist jetzt ein Hindernis, bzw. steht dem postmodernen Zeitalter im Wege. Die Moderne an sich ist eine Anomalie der Geschichte und um das zu überwinden, müssen wir unsere Geschichte neu schreiben. Die Überwindung des Kemalismus ist nur mit diesem Schritt möglich. Die Probleme, die jetzt in der Türkei diskutiert werden, gehen auf diese Geschichtsphilosophie zurück. Wenn wir die Geschichte in den Schulen nicht neu schreiben, dann kann es keinen Frieden mit Kurden, Muslimen, Alewiten, Armeniern, Juden und allen anderen Minderheiten, die darunter leiden, geben. Das Projekt Kemalismus, „eine homogene, glückliche Nation zu schaffen“, ist gescheitert. Die Geschichte ist immer eine Konstruktion und seit der Antike wird die Frage diskutiert, ob „Historia“ ein(e) Wissen(schaft) sein kann oder nicht. Bis Immanuel Kant haben alle Philosophen die „Historia“ als Wissen(schaft) abgelehnt, sie wurde lediglich als Literatur betrachtet. Erst mit Hegel wurde die Geschichte als eine determinierte Einheit wahrgenommen. Die Marxisten machten daraus eine Wissenschaft und am Ende war die Geschichte die Metaphysik, die Gott hinterlassen hat. Diese schreckliche Erfahrung kennen wir vom ersten und zweiten Weltkrieg. Jedoch ist die Gesellschaft nicht determiniert und die Geschichte ist es auch nicht. Was wir nach dem Kemalismus machen können ist eine neue Geschichte nach Kantischem Vorbild/Vorstellung zu schreiben. Alle Geschichtsschreibungen sind reine Konstruktionen, es geht hier nicht um meine Wahrheit oder die eines anderen, darüber könnten wir ewig mit Fakten und Daten diskutieren. Es geht darum, dass man, wenn man eine Geschichte schreibt, die Geschichte auf die Menschenrechte reduziert, was damit auch bindend für alle Menschen ist, wo und in welcher Form auch immer das ist. Wir müssen eine neue türkische Geschichte mit dem Schwerpunkt auf die Menschenrechte erarbeiten. Somit bringen wir auch in den Schulen all diese Gräueltaten, Verbrechen und Ungerechtigkeiten den Schülern gegenüber zu Ende. Damit rückt nicht nur eine Nation oder eine Ethnie in das Zentrum der Geschichte, sondern der Mensch.

Mag. phil. Sinan Ertuğrul

Politikwissenschaftler, lebt und arbeitet in Wien

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