„Wir sind keine Bettler, wir brauchen politische Unterstützung.“

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Ein Interview mit Adalat Khan, einem Aktivisten der Bewegung „Protest Camp Vienna
Die Fragen stellte Tarkan Tek

Wie war dein Leben, bevor du dein Herkunftsland verlassen hast?

Manchmal denke ich darüber nach und es bereitet mir Kummer. Ich bin Flüchtling seit zehn Jahren, acht Jahre davon in Griechenland, seit zwei Jahren in Österreich… Aber die angespannte Situation in meinem Herkunftsland hat sich nicht verändert: religiöse Extremisten und Sicherheitskräfte töten mit Waffen, mit Drohnen, mit Bombenanschlägen. Ich denke, das ist kein normales, kein einfaches Leben, das wir führen. Es gibt den Krieg gegen den Terror, den Krieg der Europäischen Union und den Krieg von Amerika seit langer Zeit, wo alles zerstört wurde: Das Ausbildungssystem, das Familienwesen, die Geschäfte. Es sind nun 10 Jahre vergangen, aber wir können noch immer kein normales Leben beginnen.

Gibt es einige besondere Erfahrungen auf der Flucht, die du mit uns teilen möchtest?

Ja, ich könnte ein ganzes Buch darüber schreiben, welche Probleme ich auf der Flucht erlebte, wie ich mit meiner Familie vor der Flucht in der Region gelebt habe, was ich erlebt habe, was meine Familie erlebt hat und was wir hier in Europa erleben. Und wie wir auf das System in Europa reagieren.

Über das System hier haben wir in der Schule gelernt oder die Artikel in den Zeitungen gelesen; dass es hier in Europa Menschenrechte gibt, die überall in der Welt gelten sollen. Aber hier gibt es keine Menschenrechte, das ist die Erfahrung auf der Straße. Früher lebte ich in meiner Region ein normales Leben, ich hatte ein nettes Geschäft, eine sehr gute Ausbildung, lebte mit meiner Familie nun sind wir auf der Straße, das ist eine wichtige Erfahrung und eine große Wende in meinem Leben. Die Reise über 10.000 Kilometer und das Überqueren der Grenzen war illegal, wir wurden mit lebensgefährlichen Situationen konfrontiert.

Wie waren deine ersten Erfahrungen,die du in Österreich gemacht hast?

Ich will nicht nur über die Erfahrungen mit dem österreichischen System sprechen, das sehr rigoros ist das war der Grund für die Proteste und die Demonstrationen. Aber wir haben ein enges Verhältnis zu den Leuten, die uns unterstützen. Ich fühle mich ihnen verbunden wie eine Familie. Es war ein großer Traum, nach Europa zu kommen. Aber die 8 Jahre in Griechenland, die Probleme bei der Grenzkontrolle, die Probleme auf dem Weg, die Reise … Besonders das österreichische System müsste geändert werden, wie wir den Gesprächen der vielen Asylsuchenden ebenso entnehmen können. Aber es gibt einige wenige Leute hier in dieser Gesellschaft, die unterstützt, beschützt und mitgekämpft haben.

Ich lebte z.B. in einer kleinen Pension nahe der österreichischen Grenze, die Pension war 25 Jahre alt und gewährte 40 Flüchtlingen Unterschlupf. Aber in der Pension hat das Management und die Verwaltung einige Sparmaßnahmen getroffen. Das hat die Bedingungen verschärft. Ich habe die Pension deshalb ein halbes Jahr lang kritisiert, vor 3-4 Monaten haben die Behörden diese Pension unter die Lupe genommen und jetzt ist sie geschlossen worden. Das war ein positives Signal.

Was hat die Refugee-Bewegung für dich bedeutet, wenn du heute auf die verschiedenen Stationen des Kampfes der Votivpark, die Votivkirche, das Kloster und die Akademie – zurückdenkst? Hat sich dein Leben dadurch verändert?

Ich glaube nicht, dass sich das Leben der Refugees so sehr verändert hat, denn wie du weißt, kamen am Anfang zwischen 400 und 500 Leute im Herbst 2012 in den Votivpark, wir blieben etwa einen Monat lang dort, doch die Behörden begannen die Flüchtlinge zu bevormunden, Druck aufzubauen und den Votivpark zu kontrollieren, dann machten wir einen Schritt und gingen in die Votivkirche. Die Medien hätten nicht reagiert, ehe wir nicht hineingegangen wären, wir mussten zeigen, was im österreichischen Asylsystem los war. So entschieden wir uns, in die Kirche zu gehen und haben es dort für eine lange Zeit ausgehalten. Dann haben einige Organisationen zu uns gesagt, wir bräuchten eine Veränderung, einen sicheren und warmen Platz, das haben wir akzeptiert, gingen für mehr als ein halbes Jahr in das Kloster. Die Behörden versuchten, die Bewegung zu stoppen und abzudrehen. Wir haben gedacht, okay, wir haben etwas erreicht, wir sind nahe am Ziel. Doch von 400-500 Personen blieben nur mehr 25 oder 30 Personen übrig, die Behörden haben im Juli 2013 acht Personen deportiert, andere wurden kriminalisiert und warten auf ihren Prozess.

Hast du etwas über die Freunde gehört, die nach Pakistan abgeschoben wurden?

Wir haben von diesen 8 Freunden nur zu zwei oder drei, die im Swat-Tal leben, Kontakt, einer heißt Habib Bichair, er lebte für 7 oder 8 Jahre in Europa, seine Mutter gehört zu den meistgesuchten Personen, denn seine Familie und sein Vater haben in der Übergangsphase gegen die Extremisten gekämpft. Er hat 10.000- 12.000 Euro gezahlt, um erneut zu flüchten. Ein anderer lebt im Untergrund, er hat mehrere Familienmitglieder durch die Extremisten oder durch die Sicherheitsdienste verloren. Er fürchtet jederzeit um sein Leben.

Hast du eine Perspektive für dich oder für die Bewegung?

Ich will nur ein normales Leben führen. Immer wenn ich die akuten Probleme anspreche, möchte ich damit auf die wirklichen Verhältnisse in der Region oder im österreichischen Asylsystem hinweisen … Manchmal denke ich, die Leute könnten die Flüchtlinge für die Wirtschaftskrise verantwortlich machen, als kriminelle Leute oder als Drogenschmuggler sehen. Das ist eine Beleidigung für unseren Kampf.

Und ein wesentlicher Grund, warum wir in Österreich protestieren, ist die Frage, wie wir ein normales Leben führen, arbeiten oder ein Geschäft aufbauen können. So viele Flüchtlinge in Europa und so viele in Österreich sind sehr jung, 18 oder 20 Jahre, und sie haben ihr normales Leben verloren. Sie brauchen eine Ausbildung, eine Schule oder ein College, einfach um etwas zu lernen… Wir müssen unsere wirkliche Situation aufzeigen. Denn die politischen Autoritäten und viele österreichische Menschen kennen diese Situation nicht, manchmal stempeln sie uns als Kriminelle oder gar als Drogenschmuggler ab … Ich bin jetzt 45, bald 46, ich denke nicht an meine Zukunft. Ich bin noch immer auf der Straße nach 10 Jahren in Europa, aber ich will etwas für die Zukunft der Flüchtlinge tun und für die Region.

Hast du eine Botschaft an die österreichische Gesellschaft?

Ja, eine spezielle Botschaft: Schaut über die Grenzen. Österreich unterstützt die Abschiebepraxis, die Sicherheitsabteilungen und das GPS-Programm, die Kontrollen der Flüchtlinge. Die Menschen sollen darüber nachdenken, was der „Schutz der Nationen“ bedeutet. Wir haben viele Familienmitglieder und Freunde verloren, und wir streben nur ein normales Leben an. Denkt an eure eigene Situation in den Weltkriegen. Das sollte nicht bedeuten, dass du dein normales Leben weiterführst und die Augen verschließt, weil du einen guten Job und ein normales Leben hast und dich nicht mehr um die Welt kümmerst. Denn wir sind auch ein Teil dieser Welt. Wenn die Menschen denken, dass sie uns verurteilen können, so haben sie die Möglichkeit, sich die Anfänge meines Lebens anzusehen. Wir haben ein nettes Leben gelebt, die Menschen haben nicht anders gedacht als die Menschen in Europa oder Amerika, Pakistan ist ein wundervolles Land und Österreich war nicht mein bevorzugtes Land, wir vermissen unsere Region und unsere Familien. Wir vermissen unsere Kultur.

Aber ich denke, die Genfer Konvention gibt mir auch Rechte. Wenn Menschen keine Möglichkeit haben, ein normales Leben zu führen, dann müssen sie in irgendein anderes Land flüchten können… Wir wollen keinen Krieg, wir wollen Frieden! Wir wollen Strukturen, wir wollen Entwicklung und Bildung für unsere Generation. Wir erwarten von der Welt und von Europa, dass sie uns unterstützen.

Wird die Bewegung der Refugees weiter zusammenbleiben?

In letzter Zeit haben uns die Autoritäten aus der Kirche geholt und versucht, die Bewegung aufzuspalten, einen nach dem anderen auf verschiedene Lager und Pensionen aufzuteilen. Weil wir das nicht akzeptieren, leben wir bei Freunden an verschiedenen Plätzen, bei den Unterstützern. Ich lebe im 14. Bezirk, andere bei anderen Unterstützern. Wir haben auch ein Flüchtlingshaus im 21. Bezirk, wo 10 oder 12 Personen leben. Wir suchen noch ein anderes Haus, damit wir alle zusammenkommen können, um eine Mobilisierung zu starten. Wenn die Autoritäten und die politisch Verantwortlichen nicht auf uns reagieren sollten, werden wir den Kampf auf der Straße fortsetzen. Wir werden wieder mit Besetzungen, Camps und Demonstrationen beginnen.

Welche Art Unterstützung würdest du dir für die Refugee-Bewegung wünschen?

Wenn wir von Unterstützung sprechen, dann sprechen wir von symbolischer und politischer Unterstützung. Wie können wir die Grundlagen der Behörden erreichen, wie können wir die wirklichen Verhältnisse in der Region vermitteln? Natürlich haben wir auf der anderen Seite große finanzielle Probleme, etwa um einen Anwalt zu bezahlen oder unsere Arztkosten zu decken. Aber die Leute wollen wir nicht abschrecken. Wenn wir uns auf die finanzielle Situation fokussieren, werden sie uns verurteilen und sagen, es handle sich um eine wirtschaftliche Krise und wir seien Wirtschaftsflüchtlinge. Wir sind keine Bettler, wir sammeln kein Geld, wir brauchen politische Unterstützung.

Fühlst du dich von der pakistanischen Botschaft bedroht?

Es geht eine Gefahr von der Botschaft aus. Ein Freund ging zur Botschaft und versuchte einen Pass zu kriegen. Sie haben uns erzählt, dass es dort eine schwarze Liste über mich und andere gibt. Wir sind abgeschreckt von dem System in Pakistan, bei den Behörden arbeiten korrupte Leute, die die Wirklichkeit in ihrem Land verschleiern wollen. Für sie sind wir ein Störfaktor, denn wir reden sehr offen über Korruption in der Region oder auch in Europa und auch in Österreich.

Kannst du die Situation in Pakistan nocheinmal schildern?

Es ist Teil einer großen Industrie, eines großen Business; Amerika und Europa sind involviert, ebenso Saudi-Arabien und Iran. Es gibt 1000 verschiedene Gruppen. Ich bin auch ein Moslem. Meine Religion tötet aber keine Menschen, weder in der Moschee noch in der Kirche. Meine Religion ist eine sehr friedliche Religion, sie betont die Menschlichkeit und die Menschenrechte. Diese Leute missbrauchen die Religion… Was die Geschichte der Paschtunen betrifft, die geht 4000 Jahre zurück. Einige Leute beschränken sich auf sie, machen Propaganda, um die Flüchtlinge niederzumachen und sagen, sie seien kriminelle Leute, Drogenhändler oder Menschenschmuggler. Wir sind sehr friedliche Leute, wir wehren uns lediglich gegen Okkupation. Wenn du in der viertausendjährigen Geschichte schaust, 200 Jahre gegen die Briten, seit 1979 gegen die russische Besatzung und jetzt gibt es Widerstand gegen die NATO und Amerika.

Wie konntet ihr die ganzen Extremsituationen erdulden, den 50-tägigen Hungerstreik, die Polizeiangriffe, die Eiseskälte in der Kirche usw.?

Es ging um unsere Existenz, deshalb haben wir alles ertragen müssen. Wir sind aus Pakistan Schlimmeres gewohnt. Als Drohnenangriffe drohten, haben wir viele Nächte im Freien verbracht. Die Nächte in Pakistan können sehr kalt sein.

Tarkan Tek

Politikwissenschaftler, NGO-Mitarbeiter, Studium der Politikwissenschaft an der Universität Wien
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