Wo ist die Aufklärung?

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Autor: Osman Faruk Akyol

Seit ungefähr 250 Jahren befassen wir uns mit den Spuren und Auswirkungen von einem Prozess namens Aufklärung. Wenn man jedoch tiefgründiger schaut, wird man sehen, dass die Antworten auf die Fragen „wann die Aufklärung anfing, wo sie entstanden ist und mit wem sie begann“ nicht sehr klar sind. Für manche ist dieser Aufbruch bis auf die Renaissance zurückzuführen.

Es wird erwähnt, dass bereits mit den Schriften von Petrarca – ein Denker und Poet der Renaissance – auch die Aufklärung begann, ihren Platz zu finden. Andere wiederum lassen die Ära der Aufklärung mit dem Baron von Verulam, Francis Bacon, beginnen. Der berühmte Aphorismus Bacons, „Die Natur lässt sich nur durch den Gehorsam besiegen“ – “Natura enim non nisi parendo vincitur”- ist ein wichtiger Ausgangspunkt, um von der Natur das Wissen und die Formulierungen für ihre Beherrschung durch den Verstand abzuleiten und sie damit zu einem Projekt zu transformieren, welches sie zu einem Spielplatz für das willkürliche Tun des Verstands werden lässt. In jedem Fall meint Bacon damit, dass die ganze Welt ausschließlich durch Sinneserfahrung und durch das reine Wissen, welches vom Verstand rekrutiert wird, erklärt werden kann. Andere erläuternde Faktoren (die keine Sinneserfahrungen beinhalten) sollen unberücksichtigt bleiben.
Dieses Bestreben soll eine breite Erwiderung bekommen und die Menschheit über einen langen Zeitraum die Sensibilität entwickeln, nur anhand der Beschreibung des Empirischen eine Modellvorstellung von der Welt und dem Kosmos zu entwickeln. Wir können sagen, dass
die Aufklärung eine der ersten Strukturen ist, die die Auswirkungen dieser Sensibilität in der breiten Masse ermöglicht hat. Der Aufklärung kam schließlich mit dem Text „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?” in der monatlichen Zeitschrift „Berlinische Monatsschrift“ von Immanuel Kant (1724-1804) vermehrtes Interesse entgegen. Sie ist jedoch eine Strömung, die viel früher und weit entfernt von Deutschland entstanden ist. Ich habe hier nicht vor, die Stellung dieser Strömung in der angelsächsischen Philosophie und in der französischen
Revolution zu untersuchen. Es ist interessanter, dass dieses Thema erst mit einem kurzen Aufsatz von einem Philosophen, der mithilfe der deutschen Sprache denkt und schreibt, verständlich geworden ist.

Der Aufsatz von Kant erschien als eine Antwort auf einen Text des Theologen Johann Friedrich Zöllner aus dem Jahre 1773. Aus diesem Grund sieht es so aus, als würde Kant in einem Großteil seines Aufsatzes eine Abrechnung mit der Religion machen. Die Ideengeschichte und auch schon Denker dieser Ära legten einen großen Wert auf diesen Aufsatz. Dieser Punkt wirft eine Frage auf: Im Dezember 1774, drei Monate vor dem berühmten Aufsatz, schrieb ein anderer Philosoph dieser Zeit einen Text. Die Überschrift lautete “Ueber die Frage: was heißt aufklären?” und der Autor war der als Moses Mendelssohn bekannte Moshe ben Mendel. Mendelssohn ist ein bedeutender Philosoph, der im Jahre 1763 einen wissenschaftlichen Wettbewerb, welcher durch die Akademie Berlin veranstaltet wurde, gewonnen hatte. Zweiter dieses Wettbewerbs wurde Kant, der Mendelssohn dennoch später überragte und seinen Platz in der Philosophiegeschichte einnahm.

Moses Mendelssohn (1729-1786) ist auch für die Aufklärung ein wichtiger Name. Er ist der Wegbereiter der jüdischen Aufklärung (Haskalah) und gab ihr eine wichtige Ausrichtung. Doch Mendelssohn deutete die Aufklärung in einer anderen Art und Weise als Kant. Für ihn ist eines der Elemente, die die Aufklärung erst ermöglichten, die individuelle und gewissenhafte Freiheit. Diese Freiheit entsteht, anders als bei Kant, im religiösen Bereich. Um aber dieses zu etablieren ist die Grundvoraussetzung die völlige Trennung von Staat und Kirche. Mit anderen Worten die Aufklärung ist in einer säkularen (nicht laizistischen!) Gesellschaft möglich. Die Aufklärung hat, so Mendelssohn weiter, das Potental, durch dieses säkulare Denken des Menschen bei einigen religiösen Problemen Aufschluss zu geben. Damit dieses Potential erhalten bleiben kann, darf der Staat in keiner Weise in religiöse Empfindsamkeiten eingreifen. Die Wahl der Freiheit als Teil der Definition der Aufklärung von Mendelssohn zeigt auf der einen Seite, dass die Vernunft die Wahrheiten der Religion in sich trägt und solch eine Vernunft in ihrer Entstehung gefördert werden soll. Auf der anderen Seite ermöglicht sie den Prozess des Erlangens der Freiheit des religiösen Glaubens. Dieses Verständnis kann nur durch die Aufklärung möglich werden.

Mendelssohn versucht die Aufklärung anders zu deuten als Kant. Zumindest sieht es so aus, als würde er einsehen, dass dieser Prozess auch eine religiöse Dimension hat. Eigentlich hat der Begriff „Aufklärung“ ursprünglich einen christlichen Inhalt. Augustinus (354-430) verwendet den Begriff der Aufklärung (illuminatio), indem er es mit dem Licht verknüpft, dass bei der Suche nach der inneren Wahrheit des Menschen zum Vorschein kommt. In diesem Zusammenhang repräsentiert die Aufklärung gleichzeitig die Wahrheit und ihr Gegenteil, die Dunkelheit, in Form des heidnischen Denkens. Seit antiken Zeiten wird das Licht immer mit dem Metaphysischen/Göttlichen in Verbindung gebracht. Um die neuzeitliche Aufklärung zu verstehen oder zu erklären, muss also auch ihr Gegenteil definiert werden. Die Aufklärungmusste Neuschöpfungen vornehmen, um ihr Gegenteil zu schaffen.

Die Aufklärung nahm als ihren Gegensatz das Mittelalter. Aus diesem Grund wird das Mittelalter teilweisenoch immer als „dunkles Zeitalter“ benannt. Um es in einen Vergleich zu setzen: Schon bei Augustinus ist das einzige Licht, das die Dunkelheit „aufklären“ kann, das Licht der Vernunft. Jedoch verkündete Immanuel Kant mit dem Satz sapere aude („Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“) eine Sehnsucht nach einer Welt, die durch das Licht der Vernunft aufgeklärt wird – in einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit so, als wäre die Vernunft vor ihm nie zu Gebrauch gekommen. Kant hat insbesondere darauf verwiesen, dass bei der Deutung der Welt alle religiösen Dogmen vernachlässigt werden müssen, wovon man ebenfalls dachte, dass es vorher nie stattgefunden hätte. Diese Haltung war bei Mendelssohn keine notwendige Bedingung für die Aufklärung. Das führte Mendelssohn zu der Ansicht, dass über die Praxisder Aufklärung ein Konsens zwischen der Rationalität des philosophischen Denkens und den religiösen Sensibilität gefunden werden könnte.

Dieser Gedanke Mendelssohns hat in der Praxis keine Unterstützung gefunden. Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umstände dieser Ära und die Herrschaft, die diese für sich zu nutzen wusste, mündeten in einer Entscheidung für den Weg von Immanuel Kant. Im Kampf um die weltliche Herrschaft – welcher schon früher von der bürgerlichen Klasse begonnen wurde – musste sich der Papst und religiöse Institutionen im allgemeinen in vielen Bereichen zurückziehen. Dann kam der 4. August 1879.

Um ihre Legitimität zu begründen, griff die Aufklärung das Mittelalter mit zum Teil frei erfundenen Anschuldigungen an. Mit seiner Enzyklika Aeterni Patris war Papst Leo XIII. die erste Stimme in Europa, die Einwände vorbrachte. Nachdem Europa aber bereits „verwestlicht“ war, hatte dieser Einwand keine Bedeutung mehr. Der Ausgangspunkt dieser Haltung Papst Leo XIII. war die Annahme, dass die unter dem Namen „Philosophie“ damals auftretenden Wissensbewegungen keine wirkliche Philosophie waren und dass die Philosophie und der Glaube sich nicht zwingend gegenseitig ausschließen mussten. Dazu kam die Auffassung, dass freizügig ausgeübte Wissenstätigkeit im Ganzen nur auf der von Aristoteles eingeleiteten philosophischen Linie ausgeübt werden könne – wie bei Thomas von Aquin.

Die Behauptung der Aufklärung, dass die mittelalterliche Unterdrückung seitens der Kirche und auch religiöse Überzeugungen im allgemeinen den wissenschaftlichen Fortschritt behindere, ignoriert damit eigentlich die Tatsache, dass die Kirche wissenschaftliche Arbeiten bis ins 19. Jahrhundert hinein mit hohen Beträgen förderte. Die Aufklärung versuchte, zum Zweck ihrer eigenen Legitimierung, in der Philosophie- und Sozialgeschichte eine verfälschte Perspektive einzuführen. Die Früchte dieser perspektivischen Verzerrung waren vielfältig. Beispiele dafür sind zB die Behauptung, dass mittelalterliche Wissenschaftler annahmen, dass die Erde nicht rund sei, oder dass die islamische Welt im Mittelalter als Feind wissenschaftlichen Fortschritts galt. Isaac Newtons mechanische Kosmologie hob den Bedarf nach einen Gott auf, die wissenschaftliche Revolution trennte Wissenschaft und Religion strikt voneinander ab. und es etablierte sich die Annahme, dass Wissenschaft und Religion unzweifelhaft einander widersprechende Grundcharaktere aufwiesen.

Nach der Veröffentlichung der Enzyklika Aeterni Patris haben in verschiedenen Institutionen, die überall auf der Welt gegründet wurden, viele Wissenschaftler gezeigt, dass bei der Suche nach Lösungen für moderne Probleme die Philosophie und die Theologie gemeinsam mithilfe von Vernunft und Glaube eine geteilte Meinung entwickeln können.

Es ist notwendig, dass wir bei Versuchen, die Menschheitsgeschichte zu verstehen, mit Definitionen ganzer Epochen mit Begriffen wie Dunkelheit und Helligkeit vorscihtig sein müssen. Eine solche Einstellung wird über die Zeit die Grenzen einer Welt bestimmen, in der wir uns
selber nicht betrügen werden.

Prof. Dr. Osman Faruk Akyol

Professur am Institut für Philosophie an der Medeniyet- Universität in Istanbul

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